Kriminalliteratur und Psychoanalyse (Rezension)

Margit Breuss bespricht Alexander N. Howe: It Didn’t Mean Anything. A Psychoanalytic Reading of American Detective Fiction. Jefferson NC, London: McFarland & Company 2008. IASL online, ‘Kriminalität und Medien‘.

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  • Samuel Beckett:

    "The simplest course, when the motives of a deed are found subliminal to the point of defying expression, is to call that deed ex nihilo and have done".

Der Anwalt mit der weichen Birne

Quelle: Pudd'nhead-Wilson-Site der U of Virginia

Manesse kündigt zum hundertsten Todestag eine Neuübersetzung von Mark Twains The Tragedy of Pudd’nhead Wilson (1894) an: Knallkopf Wilson. Roman. Aus dem Amerikanischen von Reinhild Böhnke. Mit einem Nachwort von Manfred Pfister. (Verlagsanzeige.)

Das ist erfreulich — und ich will nicht rechten, auch wenn ich zuerst einmal über die Titelformulierung gestolpert bin, nämlich die Substitution von feucht-weich durch trocken-laut. Aber das ist halt  eine logische Fortsetzung der Karriere von Pudd’nhead Wilson, der im Deutschen schon als Quer- und Wirrkopf und als Spinner auftreten mußte (DNB).

Und als “Krimiautor” hätte sich Mark Twain wohl schon deshalb nicht bezeichnet, weil er darin ein Übermaß an deutscher Ordnung vermutet hätte. Doch was soll’s: Wer mehr über seinen Text wissen und ihn im Original lesen will, der sei auf die spezielle Pudd’nhead-Wilson-Site der University of Virginia verwiesen.

Daß der Roman schon 1916 in der Regie von Frank Reicher für den Film adaptiert wurde, das habe ich bis heute auch noch nicht gewußt (IMDB).

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Verbrechensbilder (Neuerscheinung Cultural Criminology)

Keith J. Hayward and Mike Presdee, eds.: Framing Crime: Cultural Criminology and the Image. New York: Routledge-Cavendish, 2010. Aus der Verlagsanzeige: “In a world in which media images of crime and deviance proliferate, where every facet of offending is reflected in a ‘vast hall of mirrors’, Framing Crime: Cultural Criminology and the Image makes sense of the increasingly blurred line between the real and the virtual.
Images of crime and crime control have become almost as ‘real’ as crime and criminal justice itself. The meaning of both crime and crime control now resides, not solely in the essential – and essentially false – factuality of crime rates or arrest records, but also in the contested processes of symbolic display, cultural interpretation, and representational negotiation.
It is essential, then, that criminologists are closely attuned to the various ways in which crime is imagined, constructed and framed within modern society”. (Na ja, alle Räder müssen nicht neu erfunden werden …)

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Poetische Gerechtigkeit

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Was Frauen lesen — und warum (True-Crime-Forschung, quantitativ)

Amanda M. Vicary and R. Chris Fraley: Captured by True Crime: Why Are Women Drawn to Tales of Rape, Murder, and Serial Killers? In: Social Psychological and Personality Science 1(1) 81-86. Die Studie ist (für wahrscheinlich begrenzte Zeit) frei zugänglich. (ToC des Heftes.)

Abstract: “The true crime genre, which consists of nonfiction books based on gruesome topics such as rape and murder, has amassed an extensive audience. Many people might assume that men, being the more aggressive sex, would be most likely to find such gory topics interesting. But a perusal of published reader reviews suggests that women enjoy these kinds of books more so than do men. The purpose of this research was to shed light on this apparent paradox. In Studies 1 and 2, the authors conducted a study of reader reviews and a study of book choices that demonstrated that, in fact, women are more drawn to true crime stories whereas men are more attracted to other violent genres. In Studies 3 to 5, the authors manipulated various characteristics of true crime stories to determine which features women find appealing. The authors discuss the findings in light of contemporary evolutionary perspectives on aggression and murder.”

Den Hinweis verdanke ich Laura James von Clews.

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Peter Jordan (2010) & Rodolphe de Gerolstein (1843)

Zivilcourage / Photostrecke im Spiegel

Quelle: Zivilcourage, Photostrecke im Spiegel

aus der Sicht von Willibald Alexis (1845):

Zivilcourage (ARD/WDR, R: Dror Zahavi, B: Jürgen Werner, Infosite, Trailer derzeit bei Einsfestival) zeigte am 27.1.2010 einen älteren Herrn, der sich in seiner gewohnten Umgebung re-orientieren muß. Er nimmt überraschend spät die Wendung zur Gewalt wahr, die mit dem Zuzug von jungen Männern aus allen Konfliktregionen der Welt verbunden ist. Plötzlich wird er in eine Auseinandersetzung mit Repräsentanten einer sozialen Schicht verwickelt, die unübersehbar das Straßenbild beherrscht, aber doch seine Wahrnehmungsschwelle bisher kaum überschritten zu haben scheint.

Als Jordan Zeuge einer nächtlichen Gewalttat wird, entschließt er sich zur Anzeige, und als er unter den Polizeiphotos den Täter erkennt, wird er zum Ziel massiver Bedrohungen und körperlicher Übergriffe aus dem Milieu, das er eben erst zur Kenntnis genommen hat. Die Polizei kann ihn nicht schützen, so daß er sich dazu entschließt, sich selbst mit einer Schußwaffe gegen seine Peiniger zu wehren. Zu deren Einsatz kommt es zu unser aller Glück nicht.

Daß der Westernplot unter der Überschrift “Zivilcourage” ausgestrahlt wird, ist keine Selbstverständlichkeit: Jordan muß selbst gewaltbereit werden, wenn er nicht als Opfer untergehen will. Indem dieses klassische Dilemma in den Kontext einer laufenden Mediendebatte gestellt wird, macht sich ein Wandel sichtbar. Zivilcourage erscheint nicht mehr als Selbstbehauptung im Angesicht der Macht, sie wird zur Voraussetzung der Abwehr des ‘Anderen’. Statt von Notwehr und Nothilfe in einer konkreten Situation, spricht man von einer Tugend; Zivilcourage wird zur stets alerten Verteidigungsbereitschaft gegen die Feinde, die medial definiert und ausgestellt werden.

Das ist deshalb problematisch, weil es in unserer alltäglichen Erfahrung kaum je Bestätigung findet. Die Helden (und Opfer) der Zivilcourage werden zu Lichtgestalten stilisiert, an denen wir uns, selbst wenn wir wollten, schon mangels Gelegenheit nicht messen können. Mit den Figuren, die uns vor Augen gehalten werden, entmaterialisiert sich die Zivilcourage selbst.1 Damit wird man auf eine tiefere literarische (und literaturkritische) Schicht verwiesen. Nicht umsonst handelt Peter Jordan mit alten Büchern.

“Es war einmal ein deutscher Fürstensohn, Rodolphe de Gerolstein, der einer ehrgeizigen Engländerin, Sarah Seyton, wider den Willen seines Vaters auf den Leim ging; in seiner närrischen Verblendung bedroht er seinen Vater; schließlich erkennt er, daß er einer infamen Intrige zum Opfer gefallen ist. Er überläßt die falsche Frau und ihre Tochter ihrem wohlverdienten Schicksal und zieht aus, um mit unermüdlicher Menschenliebe die Wunden der Menschheit zu heilen und auf diesem Weg seine Schuld zu büßen” (Peter Brockmeier2).

Daß Rodolphe de Gerolstein — wie Peter Jordan — letztlich dem Erbauungsgenre angehört, hat schon Willibald Alexis gestört. Er kritisierte an Sues Mystères de Paris (1843), daß der “tugendhafte Rodolphe”, der allein gegen das “Product des Allgemeinlebens, der Geschichte, der menschlichen Bildung, der Gesellschaft” ankämpft, nicht als ein “anderer Don Quixote” erscheinen darf. Sue hat Alexis zufolge das Spiel “mit seinen Lesern” nicht gewagt, so daß mit der Figur lediglich eine Projektionsfläche für gute Absichten entstehen konnte. Die Darstellung des guten Menschen war ihm ohne ironische Brechung unerträglich und verlogen.

Alexis brachte trotz dieser Kritik einiges an Sympathie für Sues Roman und selbst für seine Nachahmer auf. Er ließ sich 1844 einen ganzen Packen von Geheimnis-Romanen3 auf den Tisch legen, las alle mehr oder minder intensiv und veröffentlichte seinen Text dazu 1845 in den Blättern für literarische Unterhaltung (Nrn. 1-5) als Distanzierung von der konservativen Abwertung.4

Cervantes Roman aus den Jahren 1605 (Teil I) und 1615 (Teil II) ist Alexis schon eingefallen, als er sich Gedanken über Produktionsweise Sues machte: Beide Autoren hätten Leserreaktionen in die Fortsetzungen einarbeiten können, Sue freilich in ganz anderem Ausmaß als Cervantes. Gleichzeitig wird mit Don Quijote einerseits, den Mystères de Paris andererseits die maximale Spannweite literarischer Weltdarstellung zwischen den ‘luftigen Räumen der Poesie’ und der Verhaftung mit der “Materie und de[m] Schmuz der Erde” bezeichnet. Mit letzterem habe Sue Wirkungen über “alles Maß, nach bisheriger Erfahrung” erzielt.

Durch die Vermittelung der Poesie ist, was bisher nur den Leidende selbst und wenigen Menschenfreunden, Beamten und wer der Sache sich sonst annahm, bekannt war, zur Allgemeinkenntnis gekommen. [...] Das Entsetzliche, Gräßliche, Haarsträubende und doch so Alltägliche, Nothwendige ist vor die Tribune der Öffentlichkeit geführt, an die Stufen der Verwaltung, des Thrones, der Policei und der Humanität. Die Dichtung hat es dahin geführt; sie hat das Ihre gethan, mehr kann sie nicht, sie muß das Weitere dem erweckten Gefühl des Gemeingeistes überlassen (S. 5).

Der Verf. der ‘Mystères de Paris’ erfindet, lügt, dichtet nicht; die Schauer des wirklich Beobachteten ergreifen ihn so, daß er der Wahrheit in den Hauptzügen treu bleibt. Der Koth der Gassen und der Koth des Lasters, die Verworfenheit der Gefallenen und Verbrecher, die hohle glänzende Schale über Sündhaftigkeit und Verbrechen in den höhern Kreisen der Gesellschaft, Alles ist wahr, das Conterfei von Erlebtem, nur räumlich und zeitlich in engere Grenzen zusammengerückt” (S. 6). [Der Text bezeugt den] Respect vor einem Elend, das er vielleicht nur berühren wollte, die Stimme des Publicums jauchzte ihm zu, und er wurde sein Historiker.

Sue hat Vorbilder (Alexis nennt u. a. Dickens), aber er kommt dem Elend nahe wie keiner vor ihm. Seine Nachahmer verkennen, daß er darüber hinaus

versucht hat, den nothwendigen Zusammenhang des Luxus, der Sittenlosigkeit und Sittenstrenge, der Depravation und des Vorurtheils in den höheren Ständen mit der Entartung und dem Elend der niedern Volksklassen ahnen zu lassen (S. 17)

Vor diesem Hintergrund kann Alexis nachvollziehen, wie die kritisierte Figur des Rodolphe de Gerolstein in den Roman gekommen ist: Mit ihr verschafft sich der Autor ‘unbewußt’ Erholung von dem Schrecken, den er bewußt in seinem Text versammelt hat. Das “Unbewußte” hat in Alexis’ Rezension zwei Aspekte — den individual-psychologischen und den der literarischen Konventionen, die, ohne reflektiert zu werden, den Text mitbestimmen. Auf dieser Ebene versagt der ‘Dichter’ Sue, so daß er ein allgemeines Unbewußtes ausdrückt, das seinen Absichten (wie Alexis sie versteht) widerspricht.

Ist noch etwas zu Zivilcourage zu sagen? Figuren und Format des Erbauungsplots sind dem Arsenal der verbrauchten Muster entnommen, deshalb passen auch die Werkzeuge aus Alexis’ Sue-Rezension auf sie. Daß der Film ausdrücklich als Apologie einer reaktionären Wende in der Bildungs-, Zuwanderungs- und Sozialpolitik verstanden wird (Herr André F. Lichtschlag wird hier nicht verlinkt), mag von den Intentionen seiner Macher nicht mehr gedeckt sein. Aber das kommt raus, wenn man seine Produktionsmittel nicht kennt, und es beweist, daß die Debatte um die Zivilcourage eine Richtung genommen hat, die selbst diskussionswürdig ist. 



  1. Dehalb ist es auch kein Wunder, daß Typen wie Sarrazin zu ihren neuen Protagonisten werden. []
  2. DIE GEFÄHRLICHE ARBEITENDE KLASSE. Zur Darstellung des Volkes in der französischen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts. In: Romanistische Zeitschrift für Literaturgeschichte/Cahiers d’Histoire des Littératures romanes, 1, 1977, S. 204-228. Online PDF. []
  3. Eugen Sue’s Mysterien von Paris — Die wahren Mysterien von Paris. Von Vidocq — Die Geheimnisse von London. Von Sir Francis Trollop — Die Geheimnisse von Wien. Von Julian Chownitz — Geheimnisse aus der vornehmen Welt, dem Volks- und Klosterleben in Wien, Prag und Pesth — Mysterien von Berlin. Von August Schubar — Die Mysterien von Berlin. Von August Braß — Geheimnisse von Petersburg. Ein Roman aus der Gegenwart — Die Geheimnisse von Amsterdam — Geheimnisse von Altenburg. []
  4. Vgl. dazu Norbert Bachleitner: Der englische und französische Sozialroman des 19. Jahrhunderts und seine Rezeption in Deutschland. (Internationale Forschungen zur allgemeinen und vergleichenden Literaturwissenschaft) Amsterdam / Atlanta, GA: Rodopi 1993. []

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Polizei/Archiv (Forschung)

Steven Maynard: Police/Archive. In: Archivaria. The journal of the Association of Canadian Archivists 68 (2009), Special Section on Queer Archives (ToC, Editorial, PDF). Leider ist der Artikel online nicht zugänglich, doch der Abstract findet sich auf dem Foucault Blog:

The author develops the notion of “police/archives” based on his experience of trying to conduct research at the Toronto Police Museum. Drawing on Foucault, the author explores the reciprocal relationship between the police as archives and, especially, the archives as police. Another goal is to disentangle Foucault from discussions of “the Archive” as metaphor in both the archival literature and in queer theory. The author makes the case for a less metaphorical, more historical-materialist understanding of Foucault in and on archives.”

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Rezension: Geschichte des Kriminalromans

Eva Erdmann bespricht Maurizio Ascari: A Counter-History of Crime Fiction. Supernatural, Gothic, Sensational. (Crime Files) Houndmills, Basingstoke, Hampshire: Palgrave Macmillan 2007. IASL online, ‘Kriminalität und Medien‘.

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Rezension: Geschichte, Kriminalliteratur und Strafrecht

Jens Jäger bespricht Achim Saupe: Der Historiker als Detektiv – der Detektiv als Historiker. Historik, Kriminalistik und der Nationalsozialismus als Kriminalroman. Bielefeld: transcript 2009. IASL online, ‘Kriminalität und Medien‘.

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“Eine Revenante aus dem Criminalrecht”

Bekenntnisse einer Giftmischerin, von ihr selbst geschrieben. Eds. Raleigh Whitinger and Diana Spokiene. MLA Publication 2009. (Verlagsanzeige.)

1803 fällten die Berliner Richter ihr Urteil nach dem Motto ‘aus den Augen, aus dem Sinn’: Sie verurteilten Sophie Charlotte Elisabeth Ursinus wegen der Vergiftung ihres Bedienten, die sie eingestanden und dieser überlebt hatte. Freigesprochen wurde Ursinus von den Anklagen, einen früheren Geliebten sowie ihren Mann mit Gift getötet zu haben. Im Fall des Todes ihrer Tante konnte ebenfalls kein Nachweis erbracht werden, doch hielten die Richter die Verdachtsgründe für so stark, daß sie auf die Möglichkeit der ‘außerordentlichen’ Verurteilung zurückgriffen (‘Verdachtsstrafe’). So kam die Gesamtstrafe der lebenslangen Festungshaft zustande, die Ursinus in der Glatzer Festung verbüßen mußte, bis ihr 1833 gnadenhalber der Aufenthalt in der Stadt, aber nicht die Rückkehr nach Berlin gestattet wurde.

Sein eigentliches Ziel hat dieses Urteil nicht erreicht, denn Ursinus ist dem kollektiven Gedächtnis als Giftmischerin und mittlerweile als ‘Serienmörderin’ erhalten geblieben (wenn man denn die WP als seine Repräsentantin betrachten darf). Ursinus selbst hat dazu beigetragen und den verhältnismäßig lockeren Vollzug dazu genutzt, zahlreiche Besucher zu empfangen, die ihre Eindrücke wiederum in die Netzwerke der journalistisch-literarischen Kriminalitätsbeobachter einspeisten. Sollte Ursinus damit Hoffnungen auf Rehabilitierung verbunden haben, so blieben auch diese unerfüllt — ihre beständigen Unschuldsbeteuerungen fanden nur wenig Glauben.

Mit dem Gnadenerweis von 1833 wurde Willlibald Alexis auf sie aufmerksam. Kein Wunder, denn in den Jahren zwischen 1828 und 1831 hatte das Strafverfahren gegen Gesche Gottfried große Aufmerksamkeit auf sich gezogen, so daß auch mit Interesse an den ‘Vorgängerinnen’ gerechnet werden konnte. Der vife Journalist Alexis plazierte einen kurzen Artikel in den Blättern für literarische Unterhaltung (1833, Nr. 72, S. 300, Google ), in dem er die Perspektiven seiner Pitavalgeschichte von 1842 vorwegnahm und als wahr unterstellte, was die Justiz nicht hatte nachweisen können.

Wer brieflich mit ihr verkehrt, soll oft geneigt sein an ihre Unschuld zu glauben; allein wer ihr Auge ins Auge sah und mit ihr sprach, kommt davon zurück. Dem Tode scheint die kräftige Greisin noch lange trotzen zu wollen; auch die Cholera, als sie in Glatz wüthete, wagte nicht an die Thür der Frau zu klopfen, die selbst den Würgeengel gerufen und ihm ins Gesicht geblickt, regungslos wie eine Larve.

Ob Alexis selbst die Ursinus in Glatz gesehen hat, ist unsicher. Folgt man aber Susanne Kords jüngst veröffentlichter Untersuchung,1 dann sind es zuerst ästhetische Gründe, die Alexis dazu brachten, an Ursinus als der vierten seiner ‘Heroinen des Giftmords’ festzuhalten, obwohl schon die Sachverhaltsfeststellungen dafür nur unsicheren Grund liefern: Er hatte mit Brinvilliers, Zwanziger und Gottfried drei verurteilte Mörderinnen, von denen eine aus der adligen Oberschicht stammte, zwei das kleine Bürgertum repräsentierten. Ursinus als vierte konnte Brinvilliers an die Seite gestellt werden — womit sich gleichzeitig der Giftmord als geschlechtsspezifisches Verbrechen etablieren konnte, das unabhängig ist von den sozialen Lagen der Täterinnen. Und die Serienmörderzuschreibung emanzipiert sich schon zu dieser Zeit von den kriminalistischen und juristischen Prozeduren, deren Abhängigkeit von Beweisregeln und reproduzierbaren Nachweisen allenfalls noch beklagt wird.

  1. Murderesses in German writing, 1720–1860: Heroines of Horror. Cambridge Studies in German. New York: Cambridge UP, 2009, pp. 158-163. []

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