Rudolph Kühnapfel (geb. 1814), der am 3. Jan. 1841 den Bischof von Frauenburg/Ermland und dessen Haushälterin während eines Raubüberfalls in dessen Palais getötet hatte, wurde im Sommer 1841 hingerichtet.
Sein Geständnis wird zitiert nach: Wilhelm Ludwig Demme: Das Buch der Verbrechen. Das Interessanteste aus den neunzig Heften meiner Annalen der deutschen und ausländischen Criminalrechtspflege. Ein Volksbuch in vier Bänden. Leipzig: Arnoldische Buchhandlung 1851, Erster Band, S. 285-319. (“Das Mordwerk auf dem Dom zur Frauenburg” als PDF-Datei; Notizen zum Fall Kühnapfel.)
“Ein paar Wochen vor der Tat […] dachte ich der Sache näher nach und entschloß mich, wenn ich bei der Tat ertappt würde, alles niederzumachen, was sich mir widersetzen sollte.”
“Noch war ich zweifelhaft, ob ich sie ausführen solle oder nicht, da erhob ich meine Seele zu Gott und bat ihn, mir ein Zeichen zu geben, ob ich es tun solle oder nicht, so wie ich es in der Bibel gelesen hatte, daß so mancher den lieben Gott gebeten hat, ihm ein solches Zeichen zu geben. Als ein billigendes Zeichen wollte ich annehmen, wenn ich im Kartenspiel gewönne, als ein mißbilligendes, wenn ich verlöre. Ich spielte am ersten, zweiten und dritten Weihnachtstag und verlor an jedem Tage. Da dachte ich, das Spiel selbst ist ein Teufelsspiel und darin kann Gott mir kein Zeichen geben. Auch am Neujahrstag spielte ich und verlor abermals. Ich nahm mir nun vor, Sonntag während der letzten Andachtsstunden in die Kirche zu gehen und dort das Zeichen Gottes zu erwarten. Ich ging daher den 3.Januar um 4 Uhr in die Pfarrkirche und dachte: Wenn ich die Kirche wieder verlasse und mir außer der Kirche zuerst ein Mann begegne, so sei dieses ein Zeichen Gottes, daß ich die Tat ausführen, wenn mir aber ein Frauenzimmer begegne, daß ich die Tat unterlassen solle. Um 5 Uhr verließ ich die Kirche, und der erste, der mir auf der Straße begegnete, war eine Mannsperson.”
“Ich glaubte nun wirklich, dieses sei ein Zeichen Gottes, und mein Entschluß stand nun fest. Schon nachmittags zwischen 2 und 3 Uhr hatte ich mir zu Hause eine Larve gemacht und solche in meine Tasche gesteckt. Aus der Kirche ging ich zu meinem Meister und bat die Ehefrau desselben um 15 Sgr. Ich konnte nicht wissen, ob mir mein Vorhaben auch gelingen würde, und auf diesen Fall wollte ich mich doch mit Geld versehen, um an diesem Abend Solo zu spielen. Etwa um halb 6 Uhr ging ich nach Hause. Ich ging unruhig und abermals unentschlossen in der Stube auf und ab. Es wurde zur letzten Andachtsstunde geklingelt, und die Leute gingen zur Kirche. Ich trat ans Fenster und dachte nochmals: Wenn zuerst eine Mannsperson vorbeigehen würde, dann wolle ich die Tat ausführen, käme aber zuerst ein Frauenzimmer, dann wolle ich sie unterlassen. Es kam eine Mannsperson, dann kamen zwei und hinter diesen noch eine Mannsperson. Nun war ich entschlossen; doch einige Augenblicke nachher stiegen mir wieder Zweifel auf, und ich beschloß endlich, indem ich nach dem Monde sah, wenn bis 1/4 auf 7 Uhr der Mond mindestens dreimal durch Wolken verdunkelt würde, die Tat auszuführen, gegenteils sie zu unterlassen. Ich beobachtete den Mond, es zogen Wolken über denselben, er wurde viermal verdunkelt, und noch hatte es nicht 1/4 auf 7 geschlagen. Die Glocke schlug 1/4 und ich ging.”
Als er jetzt die Wohnstube seiner Eltern verließ, holte er sich das Beil derselben und verbarg es unter seinem Oberrock. Dieses Beil hatte er für den Fall, daß der Raub nicht ohne Mord auszuführen wäre, schon 2 bis 3 Wochen vor Weihnachten als ein taugliches Instrument ausersehen. Kurz nach Weihnachten war es weg, er wußte nicht wohin, wollte auch nicht danach fragen. Da richtete er sich für den äußersten Fall einen kurzen schweren Knittel zu und legte ihn sich zurecht. Doch schon ein paar Tage darauf sah er, daß das Beil wieder da war. Er ging damit um, es sich zu verstecken, damit er es, wenn die Zeit der Ausführung seines Vorhabens käme, sicher zur Hand hätte. Doch gab er diesen Vorsatz auf, damit man etwa nicht im Hause merkte, daß er das Beil versteckt hätte. – Aber mit dem Beil nahm er jetzt auch einen langen Tuchstreifen mit, um wenn es ohne Mord abgehen könnte, sich durch Binden des Bischofs und seiner Wirtschafterin die Flucht zu sichern. Vom Hause weg, ging er zunächst in einen Branntweinsladen, um sich durch einen tüchtigen Schnaps die zur Ausführung des Raubs nötige Courage anzutrinken. Hierauf ging er (um nicht Verdacht hinterher gegen sich zu erregen) mit einem Umweg auf den Domberg, wo der bischöfliche Palast steht.
“Vor der Hofpforte” – fährt Rudolph Kühnapfel in seinem Geständnis fort – “setzte ich mir die Larve auf. Der Torweg ins innere Haus war von innen verschlossen, und ich schlug mit der Hand zwei bis drei Mal stark auf den Drücker. Als niemand kam, ging ich an die Ecke des Hauses, um zu sehen, ob nicht etwa ein Bedienter zurückgeblieben. Ich rechnete darauf, daß der Bischof immer in der letzten Stunde der 40stündigen Andacht seine sämtlichen Leute bis auf die alte Rosalie in die Kirche schickte, und diese Voraussetzung machte mich so dreist. Als ich nun mich überzeugte, das alles still war, kam mir auf einmal der Gedanke, mich rasch davon zu machen und den ganzen Plan aufzugeben. Dieser Gedankte haftete jedoch nur einen Augenblick bei mir, und ich kam auf meinen früheren Entschluß wieder zurück. Ich klopfte jetzt heftig an das Fenster der Gesindestube, und nun hörte ich schlarrende Tritte. Die Haustür wurde von innen geöffnet, und ich trat rasch hinein. Es war dunkel, doch konnte ich annehmen, daß die alte Haushälterin vor mir stände. Ich fragte sie, ob die Exzellenz zu Hause sei? und sie antwortete: ja! Ich sagte nun zu ihr: ‘Das Geld her, oder es ist Ihr Tod!’ Sie erwiderte darauf: ‘Ja, erst Geld haben!’ Ich sagte nun: ‘Von Haben ist hier nicht die Rede, nur nicht lange gefackelt. ‘ Sie erwiderte darauf: ‘Das Geld ist alles oben. ‘ Mit diesen Worten zog sie sich zurück in die Gesindestube. Ich aber folgte ihr rasch nach und packte sie an der Schulter mit den Worten: ‘Fackele Sie nicht lange, sondern schaffe Sie Geld!’ Sie erklärte nochmals, daß das Geld alles oben sei, worauf ich sagte: ‘Nun, dann komme Sie herauf. ‘ Sie ging nach der Treppe und diese hinauf. Schon unten ließ ich ihre Schulter los und faßte sie hinten am Rocke, indem ich ihr nachging.”
“Oben gingen wir durch das Vorzimmer in das Wohnzimmer und von da bis in die Tür, welche zum Schlafzimmer führt. In dem Schlafzimmer sah ich den Bischof an dem Tisch sitzen, er las bei einer Lampe in einem Buche. Die Haushälterin sagte: ‘Exzellenz, hier ist jemand, der Geld verlangt. ‘ Ich schob nun sie von der Tür bis zum Tisch, folgte ihr und sagte zum Bischof: ‘ja, ja; so ist es, ich verlange Geld.’ Als ich dies gesagt hatte, zog sich die Pfeiffer rasch in das Wohnzimmer zurück und eilte nach der Tür. Ich verfolgte sie, stieß sie von der Tür zurück und versetzte ihr mit dem Beile einen scharfen Hieb auf den Kopf. Sie fiel sogleich zu Boden, und ich hielt sie zwar nicht für tot, jedoch für betäubt und unschädlich. Ich hatte auch gerade nicht die Absicht, sie zu töten, und deshalb hieb ich auch nicht von oben gerade herunter, sondern von der Seite.”
“Ich ging nun wieder rasch in das Schlafzimmer des Bischofs. Soeben stand er von seinem Stuhl auf. Er sagte zu mir, als ich ihn an den Kragen seines Schlafpelzes faßte, mit zitternder Stimme: ‘Mensch, was bewegt Euch zu einer solchen Tat? von wo sind Sie?’ Ich sagte darauf: ‘Das geht Sie nichts an; ich verlange nur Geld.’ Darauf trat er an seinen Sekretär, nahm aus einer Schublade etwas Geld und gab mir solches. Es schienen mir 2 harte Taler und ein Guldenstück zu sein. Ich steckte es in die Brusttasche meines Rockes und sagte: ‘Das ist noch nichts. ‘ Er erwiderte: ‘Ich werde Ihnen mehr geben’, und gab mir Geld in Papier gewickelt. Auch dieses steckte ich in dieselbe Tasche und sagte: ‘Auch Goldgeld müssen Sie mir geben.’ Der Bischof nahm einen grünseidenen Beutel, reichte mir solchen und sagte: ‘Da ist auch Gold darin.’ Auch diesen Beutel steckte ich in dieselbe Tasche und sagte: ‘Auch die Dose und die Uhr will ich haben. ‘ Der Bischof reichte mir nun die goldene Dose und goldene Uhr. Auch diese steckte ich in dieselbe Tasche und sagte: ‘Ich muß noch mehr Geld haben.’ Hierauf sagte der Bischof: ‘Eine Rolle von 50 Rtlr. kann ich Ihnen noch geben, ging an eine Kommode, zog eine Schublade auf und gab mir eine Rolle mit Talerstücken. Ich steckte diese Rolle in meine hintere Rocktasche und sagte: ‘Nun seien Sie so gut und leuchten Sie mir herunter’ “
“Während der Bischof den Wachsstock anzündete, sah ich durch die Tür, daß die Pfeiffer jetzt wieder aufrecht stand. Als ich hörte, daß sie etwas sprach, ich glaube die Worte: ‘Exzellenz, kommen Sie doch!’ – trat ich rasch auf sie zu, nahm die Larve vom Gesicht, die mich im Sehen genierte, und versetzte der Alten zwei Hiebe mit der Schärfe des Beiles auf den Kopf. Sie stürzte davon nieder. Ich ging jetzt ohne Larve wieder in das Schlafzimmer, wo ich den Bischof mit dem Anzünden des Wachsstockes beschäftigt fand. Ich sagte zu ihm: ‘Geben Sie her, ich werde anstecken, doch in diesem Augenblick brannte der Wachsstock schon, und der Bischof sagte zu mir: ‘Was haben Sie in jener Stube getan? Tun Sie doch meiner Rosalie nichts mehr!, worauf ich erwiderte: ‘Nein, nein.’ – Während wir nach der Tür gingen, faßte der Bischofmich beim Unterarm und sagte, fortfahrend in seiner Vorbitte für seine Rosalie: ‘Sie hat mir 40 Jahre treu gedient. ‘ Darauf erwiderte ich: ‘Das bleibt sich gleich; das geht mich nichts an.’”
“Während dieses Gesprächs waren wir in das Wohnzimmer getreten; ich hörte die Pfeiffer noch röcheln und versetzte ihr noch zwei oder drei Hiebe mit dem Beil auf den Kopf. Der Bischof sagte: ‘Sie haben ja doch nicht Wort gehalten; Sie haben mir doch versprochen, ihr nichts mehr zu tun’, und während dieser Worte fiel ihm der Wachsstock aus der Hand, wahrscheinlich vor Schrecken. In diesem Augenblick fiel es mir auf, daß der Bischof mich früher dreimal gefragt hatte: ‘Aber sagen Sie mir doch, von wo sind Sie?’ einmal sogleich im Anfang, dann wieder, als ich noch mehr Geld verlangte; und endlich, als er mir die Rolle mit 50 Talern gegeben hatte. Ich glaubte jetzt, daß er mich erkannt hätte. Als der Wachsstock zu Boden fiel und auslöschte, bückte sich der Bischof, um ihn aufzuheben; und gleichzeitig bückte auch ich mich nach dem Wachsstock. Der Bischof richtete sich wieder auf, auch ich stand wieder aufrecht, sah mich nach der Lampe in dem Schlafzimmer um und dachte daran, den Wachsstock wieder anzuzünden. Doch in diesem Augenblick überfiel mich eine Wut, und ich hieb mit meinem Beil einen scharfen Hieb von der Seite in den Hinterkopf des Bischofs, welcher Hieb gut getroffen haben mußte, denn es krachte so, als wenn man einen alten Topf zerschlägt. Der Bischof stürzte mit dem Ausruf: ‘0 Gott!’ vornüber mit dem Gesicht zu Boden. Ich versetzte ihm noch einen Hieb.”
Ob er noch mehre Hiebe geführt, konnte Rudolph Kühnapfel sich anfangs nicht erinnern, später erklärte er jedoch, daß er sich doch noch eines dritten Hiebes erinnere, auch nicht bezweifle, daß er die fünf am Kopfe des Bischofs vorgefundenen Hiebwunden ihm sämtlich beigebracht habe. – “Ich habe”, fährt er fort, “diese beiden Morde, namentlich den am Bischof verübt, weil ich, nachdem ich die Larve heruntergenommen und von ihm gewiß erkannt worden war, fürchtete, die ganze Sache würde durch ihn bekannt werden. Der Gedanke, daß er mich erkannt habe und daß durch das Verlöschen des Wachsstocks neuer Aufenthalt entstehe, versetzte mich in Wut, und ich hieb in ihr mit meinem Beile den Bischof in den Kopf. – Vor der Tat glaubte ich nur ein Recht zu haben, dem Bischof etwas Geld abzunehmen, und nach der Tat glaubte ich nicht zu weit gegangen zu sein. Vor der Welt habe ich allerdings gegen das fünfte göttliche Gebot gesündigt; ob aber auch vor Gott? – das steht noch sehr dahin! Es wäre nichtswürdige Heuchelei, wenn ich äußern sollte, daß ich Reue über meine Tat gefühlt; ich fühle nur Reue darüber, daß ich mich in solches Elend gebracht habe.”
Auf die Frage: was er mit dem geraubten Geld anzufangen gedacht? entgegnete er: “ich hatte die Absicht, mich recht bald von Frauenburg zu entfernen, und wenn ich recht viel Geld finden würde, in die weite Welt zu gehen; wenn es aber wenig sein würde, nach Berlin zu gehen und Lotterie zu spielen, um einen ansehnlichen Gewinn zu machen. Mit diesem Gewinn wollte ich dann nach Frauenburg zurückkehren und, wenn ich recht viel gewönne, die Hälfte davon zum Bau einer evangelischen Kirche hergeben und selbst zur evangelischen Kirche übertreten.”
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