Albrecht Albert: Die Nummer heisst: Herz. (Der Aufwärts-Kriminal-Roman, Bd. 17) 2. Aufl. Berlin: Aufwärts-Verlag Maxim Klieber 1942.
Der Roman thematisiert die Zusammenarbeit von Polizei und Zeitungsjournalismus im ‘Dritten Reich’.
Der Ich-Erzähler ist leitender ‘Schriftleiter’ einer Berliner Tageszeitung, er ist für die Polizeiberichterstattung zuständig und gleichzeitig Autor von Kriminalromanen. Ein vielbeschäftigter Mann, der Mühe hat, seinen Verpflichtungen nachzukommen und gleich im ersten Kapitel eine Auseinandersetzung mit dem (realen) Verleger Klieber um Termine und rückzahlbare Vorschüsse dokumentiert (S. 7 f.).
Der Stoff, der fehlte, findet sich im Haus, zunächst nur als Leiche im Büro eines Kollegen. Da der Ich-Erzähler beste Beziehungen zur Polizeihierarchie unterhält, kann er den Ermittlungen aus nächster Nähe folgen und gerät dabei selbst in ein schiefes Licht: Er taucht immer wieder in verdächtigen Situationen auf, ohne sein Handeln erklären zu können, denn er leidet an temporären Ausfällen, die als krankhafte Reaktion auf seine berufliche Belastung gedeutet werden. So muss er es sich gefallen lassen, in einer Hypnose-Séance im Polizeipräsidium als Medium eines Wissens, das ihm selbst unzugänglich bleibt, benutzt zu werden und dabei die Polizeihierarchie erst recht kennen zu lernen (S. 80-82).
Wichtig ist, daß der Journalist von der ‘Wirklichkeit’, über die er zu berichten hat, dann überfordert wird, wenn er direkt mir ihr in Kontakt kommt. Das Verbrechen (das zu allem Überfluß im Medizin-Bereich seinen Ursprung hat), steckt den Journalisten gleichsam an, macht ihn krank – und vor den Folgen dieser Krankheit vermag ihn nur die Polizei (deren Akteure militärisch auftreten) zu schützen.
Alberts Text konzipiert den kommunikativen Zusammenhang, in dem Kriminalität erkannt, mit Sinn versehen und ‘verarbeitet’ wird so, dass sie als Irritation stabilisierende Funktion für die Ordnung erhält. Die Abfolge von Sachverhaltskonstitution und Verbrechensdefinition, von Täterermittlung und Tatzurechnung, von Motivrekonstruktion und Erklärungshypothesen, von Kommunikationen und Anschlusskommunikationen ist als eine weitere Ordnung inszeniert, deren Übertretung auch Sanktionen nach sich zieht: Der Journalist oder Schriftsteller, der sich nicht unterordnet, wird selbst zum Fall, sei es für die Polizei oder die Medizin. Der Journalist muß lernen, sich auf seine Berichterstatterfunktion zu beschränken, er darf keinesfalls als Hilfsermittler oder gar als Konkurrent der Polizei auftreten.
Im Hintergrund steht die Deutungshierarchie, die von den Nationalsozialisten mit Zensur, Lenkung und Zugangsschwellen durchgesetzt wurde und im Roman das Selbstbild des Ich-Erzählers prägt: “Und ein Schriftleiter als Mörder? Das ist unmöglich! Hundertmal werden unsere Männer gesiebt, ehe sie zum Beruf zugelassen werden. Da bleibt nur Weizen übrig” (S. 27).
Leider fehlen alle biographischen Angaben zu Albrecht Albert, der in der Zeit des ‘Dritten Reichs’ mehrere Kriminalromane veröffentlicht hat.
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[...] "Poet" steht zwar im Singular, doch treten Poeten im Plural auf und Poiesis ist das eigentliche Thema des Romans. Der Ich-Erzähler produziert die Geschichte einer Fahndungskonkurrenz und in dieser Geschichte die Geschichten mehrerer Verbrechen und zudem noch die Geschichte des Todes seines Bruders. Die gängige Detektions-Struktur wird durch die aktive Teilnahme an der Fahndung variiert, der Ich-Erzähler ist nicht nur Beobachter und/oder Informationsempfänger, sondern als Fahnder aktiver Hersteller des Falls, über den er berichtet. Das kommt dem Erfolg am True-Crime-Markt zugute, gefährdet aber den Reflexionsstandort und birgt das Risiko der direkten Konfrontation mit dem Killer. (Die Mißachtung der Grenze zwischen Beobachtung und Teilnahme ist im übrigen ein altes Thema der Kriminalliteratur, s. nur den Roman von Albrecht Albert, der hier schon erwähnt wurde.) [...]
[...] Literatur und Verbrechen einem einzigen Ursprung zuzurechnen, ist im Gefolge Nietzsches zur beliebten Übung geworden. Beide gelten als Manifestationen einer inneren Disposition, die über Phantasie und Imaginationsfähigkeit vermittelt wird. Schließt man kurz, dann unterscheidet sich das Verfassen eines (Kriminal-) Romans nicht wesentlich von der Planung eines Verbrechens. Kein Wunder, daß in Kriminalromanen Autoren immer wieder unter Verdacht gestellt werden, siehe nur die hier schon annotierten Texte von Albert (1942) und Hallig (1943). [...]
[...] Hans Joachim Freiherr von Reitzenstein: Oberwachtmeister Schwenke. Roman. Berlin: Ullstein 1933. 245 S. (Aus unserer kleinen Reihe über die Kriminalliteratur im ‘Dritten Reich’, s. hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier ). [...]