Vater Staat

Erich Wulffen: Die Kraft des Michael Argobast. Roman. 3. Aufl. Dresden: Reissner 1917.

Verfilmung 1917/18 unter der Regie von Alwin Neuss, s. Murnau-Stiftung.

Der Unternehmer Michael Argobast setzt einen beträchtlichen Teil seines Reichtums für die Resozialisierung von Strafgefangenen ein, vor allem aber kümmert er sich unmittelbar um entlassene Strafgefangene, verschafft ihnen Arbeit und Unterkunft, er unterstützt und begleitet ihre Re-Integration. Er macht sich dabei in der Justiz und im Justizvollzug einen Namen, findet Unterstützung, will aber kein öffentliches Aufsehen für sich damit verbinden. Argobast macht unterschiedliche Erfahrungen mit seinen ‘Schützlingen’, zumal ihn die Prognosen über die ‘Besserungsfähigkeit’ von langjährigen Häftlingen nicht von seinem Tun abhalten können. Die Betreuung von Robert Erkelenz wird Argobast schließlich zum Verhängnis: Scheinbar nimmt die Resozialisierung einen guten Verlauf, doch Erkelenz erträgt auf die Dauer die Abhängigkeit von Argobast nicht: Er bricht in dessen Villa ein und entdeckt zufällig die Vergangenheit seines väterlichen Wohltäters, der zu allem Überfluß auch mit der Frau verheiratet ist, zu der Erkelenz vor seiner kriminellen Karriere ein Liebesverhältnis hatte. Gleichzeitig wird (unter Mitwirkung des Verlobten der Tochter Argobasts) ein Untersuchungsverfahren wiederaufgenommen, das einen lange zurückliegenden Mord an einem wandernden Handwerksgesellen zum Gegenstand hat. Damit bricht das sorgfältig inszenierte Leben Argobasts zusammen: Er gerät in Verdacht, weil er mit dem seinerzeitigen Opfer und dem damals Verdächtigen zusammen auf Wanderschaft war; er wird verhaftet und im Schwurgerichtsverfahren macht Erkelenz das Material, das er bei seinem Einbruch gefunden hat, öffentlich. Argobast gesteht den Mord, kann aber wegen der Verjährung der Tat nicht mehr verurteilt werden. Er kehrt in seine Villa zurück, nur um erfahren zu müssen, daß sich seine Frau von ihm trennen wird, mit ihrer Tochter, die das Kind von Erkelenz ist.

 

Der Roman ist eine — für 1917 ganz zeitgemäße — Auseinandersetzung mit Vaterbildern, Vaterrollen und schließlich auch mit dem Vater Staat. Erkelenz’ Verrat am Wohltäter muß als Revolte gegen dessen usurpierte Vaterrolle gelesen werden, wie schon der Mord, der am Anfang von Argobasts Karriere steht, die materiellen Defizite kompensieren soll, die seine Schaffenskraft und seinen Schaffenswillen an der Entfaltung hindern: der eigene Vater konnte ihn nicht mit den notwendigen Mitteln ausstatten. (Der Hundertmarkschein, der das unmittelbare Motiv für die Tat Argobasts darstellt, ist eine Fälschung: das läßt die symbolische Bedeutung, die der Mord für ihn hat, in den Vordergrund treten.) Die Kraft, die ihm, wie Argobast meint, aus dem Bewußtsein seiner Schuld zugewachsen ist, setzt er um in die Selbstinszenierung des idealen Vaters, die ihren Ursprung in der Phantasie, der Imagination hat. Dieser positiven Phantasie steht die negative gegenüber, nach der Erkelenz handelt (die auch in seiner leiblichen, Argobasts vermeintlichen Tochter angelegt ist). In der Gegenüberstellung wird die Gemeinsamkeit sichtbar: Beide, Argobast und Erkelenz, sind Männer, die nach einer Macht streben, die keine Begrenzungen durch Gesetze und Beamten- oder Experten-Hierarchien kennt. Doch immerhin reicht die ‘Kraft des Michael Argobast’ am Ende zur Selbstentmächtigung, zur Aufgabe aller Vaterrollen — und damit wird stillschweigend der ‘Vater Staat’ legitimiert, der durch den skeptisch-wohlwollenden Staatsanwalt repräsentiert wird. Dessen Verlobung mit der Tochter hatte Argobast zugestimmt, um seine ‘Tochter’ vor ihren eigenen negativen Neigungen zu schützen. Auch dieses Vorhaben des Vaters scheitert: die Verbindung kommt nicht zustande.


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2 Comments

  1. luju
    Erstellt am 16.03.2006 um 11:32 | Permanent-Link

    Hallo Herr Linder,
    eine Revision der Auseinandersetzung mit Vaterrollen findet sich in einem Kriminalroman der Nazizeit, ironischerweise von einem ehemaligen Literaten des Expressionismus: Curt Corrinth, Die unheimliche Wandlung des Alex Roscher (Deutscher Verlag – 1942).
    Der Sohn, ein Zollassistent, lässt sich zum Schein gehen, um Zugang zu einer Schmugglerbande zu gewinnen und “das Reich vor einem schweren Schaden zu bewahren”. Selbst sein Vater, der Zolloberkommissar a.D., glaubt an seine Wandlung zum Schlechten. Nach der allgemeinen Enthüllung der wahren Motive:
    “Zum Abschied hatte der alte Roscher den Sohn in die Arme gerissen, ihn mit gewaltiger Kraft an sich gedrückt und zu stammeln versucht. Es sollte wohl Selbstanklage und Bitte um Verzeihung sein. Der Sohn hatte sich ergriffen und schamhaft gewehrt.”
    luju

  2. admin
    Erstellt am 16.03.2006 um 12:09 | Permanent-Link

    Danke für den Hinweis: Corrinth war noch nicht auf meiner Liste! JL:

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