Wilhelm Raabe: Stopfkuchen. Eine See- und Mordgeschichte. (Deutsche Romanzeitung, 1891)
‘Ja, hier im Papenbusch auf der Stelle, wo ich’s ihm heimgezahlt habe, was er von Kindsbeinen an an mir gesündigt hatte. Wenn es über das rechte Maß dabei gegangen ist, so habe ich vor dem barmherzigen Gott die langen, langen Jahre schwer an der Verschuldigung und der Bangnis getragen. Es hat mir zu gar keinem Troste verholfen, was Kienbaum für ein Mensch und im besondern gegen mich gewesen ist. Ich habe es aber auch ja erst am andern Tage vernommen, was meine Tat gewesen ist! Hätte ich ihn hier vor mir liegen sehen, hätte der Bauer von der Roten Schanze, der Herr Schwiegervater, wohl nicht meine Schuld auf sich zu nehmen brauchen: da hätten sie mich ganz gewiß bei der Leiche gefunden und mich gleich mit sich nehmen können vor den Richter. Die eine Nacht zwischen dem einen Abend und dem einen Morgen hat es gemacht, daß mich mein Gewissen doch verhältnismäßig in Ruhe gelassen hat, daß aber dafür mir und dem Herrn Papa die schwere, schwere Lebenslast aufgeleget worden ist.’ – ‘Hm, hm, Störzer, es läßt sich hören, was Sie da sagen; aber ein etwas zu gemütliches und jedenfalls sehr bequemes Gewissen ist’s doch, was Sie in Ihrer Brust tragen. Ihre Posttasche da könnte ungefähr dieselben Gefühle wie Sie für den Inhalt der Briefschaften in ihr hegen.’ – ‘Ich verstehe nicht recht, was Sie meinen, Herr Schaumann, und wie es in so schrecklichen Sachen mit anderen ist, weiß ich auch nicht; aber eines weiß ich, daß es ja nun heraus ist und durch Ihre gütige Vermittelung die Menschheit sich ja nun wird beruhigen können. Und was den lieben Herrgott angeht, ach Gott, so muß ich mich in bitterer Reue damit vertrösten, daß er Kienbaum gekannt hat und mich in meinen jungen Jahren auch gekannt hat und besser als ein anderer Bescheid weiß, wie es gekommen ist.’
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