Obwohl man bei Droste-Hülshoff hätte lernen können, daß er dazu nicht taugt, ist/bleibt der Tod das ultimative Zeichen der ‘schönen Literatur’ für das Böse, aber nicht der Tod, den es zufügt, sondern der, den es erleidet. Erst recht, seitdem er in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch große Sühne- und Versöhnungsarien tauglich für die Familienblätter gemacht wurde (nur als Beispiele: Temmes “Rosa Heisterberg”, 1858 in der Gartenlaube, und Fontanes Quitt, 1890 ebd.). Literaten äußern sich ggf. abolitionistisch, in Abstimmungen differenzieren sie schon (vgl. nur die einschlägigen Paulskirchendebatten, als auch der ‘linke’ Jurist Temme zur Vorsicht mahnte), in ihren Texten sterben die Bösen. Ausnahmen gibt es, aber sie geraten schnell in den Verdacht der Tendenz- und Thesenliteratur: gut gemeint eben.
So ist es auch Alfred Wolfenstein in den 1920er Jahren ergangen. Wolfenstein hatte Jura studiert, aber nie praktiziert und gilt heute noch als prägender Expressionist, dessen Bedeutung aber auf wenige Jahre zwischen 1910 und 1917 beschränkt wird.
Wolfenstein hat mit Die Nacht vor dem Beil (UA 1929 in Erfurt) und mit Henkersdienst (unaufgeführt und ungedruckt) zwei Dramen gegen die Todesstrafe geschrieben, in deren Kontext auch Prosastücke wie “Der Vorabend” (1926), “Ein Henker” (1932), “Mörderische Reklame” (1932) und “Die Drohung” (o. J.) gehören. Wolfensteins These ist in der Tat einfach: Die Todesstrafe korrumpiert diejenigen rettungslos, die sie vorschreiben, verhängen, exekutieren und zulassen. Um dies zu verhindern, müßte es zur Solidarisierung von Tätern und Opfern, von Nachrichtern und Verurteilten kommen. Genau dagegen steht aber der inszenatorische Aufwand des Hinrichtungstheaters und seiner Vermittlung (Teichoskopie), deren behauptete Abschreckungswirkung mit jeder neuen Hinrichtung dementiert wird. In den Hinrichtungen (ihren seriellen Wiederaufführungen) wird die Fortdauer der Existenz des Bösen behauptet und erreicht.
Alles durchaus lesenswert, wie auch Wolfensteins Rohzart und seine Hand (1925), eine mit Slapstick-Elementen arbeitende Jekyll-and-Hyde-Variante, in der nicht die Hybris der Wissenschafter, sondern die Ästheten der Gewalt auf’s Korn genommen werden.
Nachzulesen in der fünfbändigen Werkausgabe, die 1983-1993 bei v. Hase und Koehler in Mainz erschienen ist.
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