Michael Connelly: The Poet. Boston: Little Brown 1996. (Deutsche Wiederveröffentlichung 2006.)
Der erste Eindruck hat sich gehalten: Der Roman erscheint mir immer noch als einer der Höhepunkte der Serienkiller-Produktion der 1990er Jahre, und zwar nicht wegen seiner spachlichen und erzählerischen Qualitäten (die ich hier nicht bewerte), sondern wegen seiner den ganzen Plot überziehenden Selbstreflexivität. Ich wüßte keinen anderen Text, der so obsessiv das Verhältnis von Polizei, Massenmedien und Serienkiller-Produktion reflektierte. Zu nenen wäre allenfalls noch Gardner McKays Toyer. A Novel von 1998, der freilich mit ganz anderen Mitteln arbeitet – und dies (wie Connelly) im Titel anzeigt.
Stichworte zu einer Lektüre des Romans, die sich von der Erzählsituation leiten läßt:
Der Ich-Erzähler arbeitet als Polizeireporter; sein Bruder ist Polizist, der ermordet aufgefunden wird. Sein Tod wird einem Serientäter zugeschrieben. Das ist für den Hinterbliebenen eine Tragödie, für den Journalisten ein Glücksfall, den er ohne zu zögern ergreift, aber in seinem Text als moralisch problematische Rollendifferenzierung reflektiert. (Die Noir-Elemente der Erzählerkonstitution werden a tempo zurückgenommen.) Zwischen den ersten ("Death is my beat. I make a living from it. I forge my professional reputation on it") und den letzten Sätzen ("Death is my beat. I have made my living from it and forged a professional reputation on it. I have profited by it") entfaltet er die Geschichte einer Serienkiller-Fahndung, die von einer spezialisierten Profiler-Einheit des FBI durchgeführt und vom Ich-Erzähler aktiv begleitet wird. Dabei wird nach und nach klar, daß die Task Force nicht nur einen, sondern zwei Killer in’s Visier nehmen muß, die sich bei ihrem Vorgehen medial vermittelt aufeinander beziehen.
Der Roman beschreibt das Verhältnis zwischen der Polizei und dem Medienrepräsentanten als Zusammenarbeit, die den je spezifischen Zielen, also der Konkurrenz dient. Dafür müssen auf beiden Seiten Legitimationsverluste in Kauf genommen und reflektiert werden. Am Ende hat der Ich-Erzähler zwar den Sprung vom Polizeireporter zum True-Crime-Autor mit Angeboten von Verlagen, Agenten und Filmproduzenten gemacht, er gibt aber zu, damit den gewaltsamen Tod seines Bruders ausgebeutet zu haben. Auf der anderen Seite muß das Polizeiteam damit fertig werden, daß der eigene Chef als Serienkiller tätig war. Damit ist auch klar, daß Polizei und Massenmedien Strafverfolgung nicht um dieser selbst (oder um der Gesellschaft) willen betreiben, sondern zur Selbsterhaltung und Selbstpropagierung; die Aufklärung von Verbrechen und die Identifikation von Tätern ist Nebeneffekt der Konkurrenz der Ordnungsmächte Polizei und Massenmedien, ‘Killer’ sind notwendige Ressourcen für beide. Man kann es auch so sagen: auf Text- und Plotebene reflektiert der Roman das ökonomische Modell, in dem er selbst entsteht.
"Poet" steht zwar im Singular, doch treten Poeten im Plural auf und Poiesis ist das eigentliche Thema des Romans. Der Ich-Erzähler produziert die Geschichte einer Fahndungskonkurrenz und in dieser Geschichte die Geschichten mehrerer Verbrechen und zudem noch die Geschichte des Todes seines Bruders. Die gängige Detektions-Struktur wird durch die aktive Teilnahme an der Fahndung variiert, der Ich-Erzähler ist nicht nur Beobachter und/oder Informationsempfänger, sondern als Fahnder aktiver Hersteller des Falls, über den er berichtet. Das kommt dem Erfolg am True-Crime-Markt zugute, gefährdet aber den Reflexionsstandort und birgt das Risiko der direkten Konfrontation mit dem Killer. (Die Mißachtung der Grenze zwischen Beobachtung und Teilnahme ist im übrigen ein altes Thema der Kriminalliteratur, s. nur den Roman von Albrecht Albert, der hier schon erwähnt wurde.)
Doch auch die Killer stellen sich als Werkurheber dar. Wer beispielsweise bei seinen Leichen jeweils Poe-Zitate hinterläßt, der stellt seine Taten in das Licht der Literatur; er produziert Grauen wie der Autor einer späten und reflektierten Gothic Novel; der Killer macht sich selbst zu einem Teil der Literaturgeschichte.Urheber erfinden Urheber und Ironie wird zum Tätermerkmal (womit sich eine gewisse Nähe zu Hannibal Lecter einstellt).
Die komplizierte Plotkonstruktion ist Kennzeichen der Serienkiller-Romane der 1990er Jahre; nicht ‘Innovation’, sondern ‘Abbildung und Erweiterung’ beschreibt die zeitgemäße Marktstrategie, der sich nicht nur der Text, sondern auch die Fahndungsgruppe verschreibt, die er vorstellt. Sie erstellt ein Fahndungsprofil aus Interviews mit inhaftiertern Mördern und Vergewaltigern, damit entsteht eine Serie von Serienkillern, die sich auf vorhandene Deutungsmythen bezieht und die ‘Wirklichkeit’ verfehlt; die Tätersuche scheitert, weil das Profil die FBI-Stereotypen der populären Literatur (mit Ressler und Douglas an der Spitze) reproduziert, wonach der Killer ein Weißer ist, der unbewältigte Aggressionen gegen die als dominant erinnerte Mutter und den abwesenden Vater ausagiere.
‘Tatsächlich’ kann der eine Täter Mißbrauchserfahrungen mit Polizisten nicht verarbeiten, während der mörderische Polizist als zweiter Killer seinen dominanten Vater (der im Text als ‘Vater des Profiling gilt) im Amt beerbt hat. Die Polizei bringt die Killer, die sie benötigt, selbst hervor, versagt aber kläglich, wenn deren Bildungshorizont den der Populärliteratur überschreitet.
An den Tatorten, die der Polizistenmörder produziert, sind die hinterlassenen Poe-Texte wichtigste Zeichen, die aber nicht unmittelbar auf den Täter verweisen, sondern, als literarische Texte, erst gelesen und interpretiert werden müssen, um zwischen den Taten den Serienzusammenhang herzustellen: Die Fahnder werden im eigentlichen Sinne zu Lesern, zu Kunstinterpreten, der Sonderfall beleuchtet den ‘Alltag’ der Tatort-Interpretation. Dabei signifizieren die Texte der ’schönen Literatur’ dem Polizei-Verständnis Autor-Emotionen, so, wie die Tatortspuren das Phantasieleben des Täters anzeigen. In The Poet wird die Dekodierung von Spuren zum zentralen Problem; das Konzept eines intentionalistischen Urheber-Werk-Zusammenhangs erweist sich als Falle für Polizisten und Leser.
Das Selbstbewußtsein der Polizisten erleidet durch alle Fehlschläge jedoch keine Einbuße: "The good investigator uses any and all tools available to him". Schließlich geht die Arbeit nach dem Trial-and-Error-Prinzip weiter, alles andere ist eine Frage der medialen Darstellung, die dem ‘embedded journalist’ zugewiesen wird, der wiederum seine eigenen Ziele verfolgt.
"Merkwürdig, wie die Phantasie eines Unbeteiligten Kriminalfälle konstruierte, sozusagen aus der Luft griff und in allen Einzelheiten schilderte. / Als alter Polizist verstand man sich auch auf Kombination und so etwas. Man war auch nicht gerade phantasielos, zumal wenn ein gegebener fester Punkt da war, von dem man ausgehen und zu dem man immer wieder zurückkehren konnte. / Diese Dichtersleute aber konstruierten sich ihren Stoff mit allen Kombinationen völlig frei aus dem Handgelenk und logen sich in eine Fabel hinein, die in allen Einzelheiten glaubhaft gemacht war" (Hermann Morel: Die Schwarzen Perlen der Stuart. Roman um ein Halsband – eine schöne Frau – und eine Kurzgeschichte. Kempen-Niederrhein: Thomas-Verlag 1943, S. 149).
2 Comments
Ein anderer, fast vergessener Roman, der den Nutzen eines Serienkillers für die Gesellschaft beschriebt ist “Der Killer” von Shane Stevens, Originaltitel “By Reason Of Insanity” (1979) und 1981 auf deutsch im Moewig-Verlag erschienen.
Shane Stevens schreibt mit “Der Killer” keinen typischen Serienkillerroman nach dem Muster: sich häufende Leichenfunde – Ermittlung – Jagd und Tod des Serienkillers. Stevens beginnt mit der Schilderung, wie ein Mensch zum Serienmörder wird und beschreibt dann die Profiteure eines Serienkillers: einen Reporter, der den Serienmörder im Auftrage seines Verlegers entlarven soll, weil dieser sich davon eine riesige Auflage für sein Blatt verspricht; einen Politiker, der damit seine Wahlchancen verbessern möchte und andere, die von der Jagd auf einen Serienmörder profitieren.
Ich finde, das Shane Stevens mit „Der Killer“ ein außerordentlicher Serienkillerroman gelungen ist, der den Vergleich mit den ultimativen Serienkiller-Romanen um Hannibal Lector von Thomas Harris nicht zu scheuen braucht. Leider ist der Roman out-of-print. Aber mit etwas Glück kann man ihn in Antiquariaten oder Online-Auktionshäusern finden.
Dank für den Hinweis!