Harry Kroll (d. i. Werner Leszynski): Mecke macht alles. Kriminalroman. Berlin: Zeitschriftenverlag Aktiengesellschaft 1935.
Ein Musiker namens Wachtelmann findet ein Notizbuch. Seine Vermutung, daß dessen Eintragungen in einem ihm unzugänglichen Code verfaßt seien, ist berufsbedingt und versetzt ihn in eine Handlungskette, in deren Verlauf er verhaftet, verprügelt und gefoltert wird. Das Rendezvous, das er ursprünglich vorhatte, findet am Ende doch noch statt. Wenn dann aber noch unablässig von Radio, Radiowellen und schließlich auch von der “Partei des ‘Radiohändlers’” die Rede ist, dann kommt beim (ohnehin kriminalistisch gestimmten) Leser der Verdacht auf, daß Regimeveräppelung 1935 an der Zensur vorbeigeschmuggelt werden konnte (ob erkannt oder unerkannt, sei einmal dahingestellt).
Über den Autor dieses so merk- wie lesenswürdigen Romanes weiß ich bislang nichts.
Der Taschenkalender, von dem die ganze Handlung ausgeht, enthält tatsächlich codierte Eintragungen, aber dies sind bloß Kurzzeichen, mit denen sich ein Handelsvertreter die Witze für Kundengespräche speicherte. Der Roman handelt von der Überforderung durch Zeichensysteme, ihre nur lose Bindung an Trägermedien und die Möglichkeit von Neucodierungen, in denen Alltagsbedeutungen ersetzt werden. So bedient sich beispielsweise die Polizei anläßlich einer Überwachung eines ‘Orangencodes’, mit dem sie die Preistafel eines Obsthändlers zur Übermittlung von Nachrichtung tauglich macht: Hinter jeder Bedeutung kann eine zweite stecken, in jeder Polizeiuniform ein Ganove. Alltagsorientierung wird schwierig bis unmöglich, wenn sie sich auf die gewohnten Erscheinungsbilder nicht mehr verlassen kann und physiognomische Stereotypen in Frage stellen muß.
Zwischen derart unübersichtlich gewordene Fronten gerät der Musiker Wachtelmann durch seinen Zufallsfund. Polizei und Unterwelt konkurrieren um eine Wunderwaffe. Modifizierte Radiosender werden tödliche Waffen. Sie dienen nicht mehr nur als Trägermedien für Sprache und Musik, für Unterhaltung, Information und Propaganda benutzt, sondern auch als tödliche Waffen, mit denen Starkstrom gezielt gegen innere und äußere Feinde eingesetzt werden können. Das Medium wird zweckentfremdet und der Hauptverbrecher tarnt sich als Radiohändler.
Die Musik ist das Beispiel für eine ’schöne (und künstliche) Ordnung’, deren Gelingen prinzipiell unwahrscheinlich ist. Kenntnisse und Erfahungen sind notwendig, um den Medienwechsel vom Notenpapier zum aufführenden Musiker zu bewerkstelligen, der dann aber keine Kontrolle über Verbreitung und Rezeption hat. Dieses Beispiel überträgt der Roman auf das Leben einer Großstadt, in der sich Verläßlichkeit von Kommunikationsstrukturen als Illusion erweist. Der Alltag ist Verbrechens-Theater mit erzwungenem Happy End, Medienmißbrauch ist Normalität, Verstehen unmöglich.
One Comment
In finsteren Zeiten, auf Unterhaltungsniveau, findet Harry Kroll hier zu beschwingter Leichtigkeit. Ein merkwürdige Erscheinung, die ich auch in der Populärmusik von Peter Igelhoff und den frühen Filmen von Helmut Käutner zu finden glaube. In der deutschen Populärkultur wurde so etwas seitdem kaum wieder erreicht.
luju
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[...] Man kann, da er es öffentlich macht, das Geruchsempfinden von dpr jetzt überprüfen: der Text des Romans findet sich hier (als pdf-Datei). Weitere Anmerkungen sind hier nachzulesen. [...]
[...] Hans Joachim Freiherr von Reitzenstein: Oberwachtmeister Schwenke. Roman. Berlin: Ullstein 1933. 245 S. (Aus unserer kleinen Reihe über die Kriminalliteratur im ‘Dritten Reich’, s. hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier ). [...]