Unerhörte Begebenheit

Ernst Jünger: Eine gefährliche Begegnung. Stuttgart: Klett-Cotta 1985.

"Es war der erste Sonntag im September" 1888: in London hat der Ripper tags zuvor sein zweites Opfer gefunden und beansprucht die Aufmerksamkeit aller Medien, zudem ist im Juli 1888 die erste Buchausgabe von Conan Doyles A Study in Scarlet erschienen (und zwei Jahre früher R. L. Stephensons The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde). In Deutschland ist am 14. Juni Wilhelm II. zum Kaiser gekrönt worden und zieht Hoffnungen auf sich. Paris probt derweil den Untergang.

Der alternde Ducasse, der sein Vermögen verschwendet hat und nurmehr kleinliche Skandale anzetteln kann, deren selbstläufige Entwicklung er dann bei einfacher, Geldbeutel und Magen schonender Kost beobachtet, wählt sich Gerhard zum Busche zu seinem neuesten Instrument: er will ihn in der Tat wie eine Lanze abschicken, um die ohnehin schwierige Ehe der Karganés zu zerstören. Zum Busche ist ein junger Attaché an der deutschen Botschaft, ein naiver Träumer, der Schwierigkeiten hat, erwachsen zu werden und ein postpubertäres, an literarischen Modellen orientiertes Außenseitertum pflegt, an dem er gleichzeitig leidet.

Obwohl richtig gezielt, geht Ducasses Schuß daneben: etwa in der Mitte des Buches und in der Nacht von Sonntag auf Montag wird die Tänzerin della Rosa in einer Absteige erstochen und fällt Gerhard zum Busche, der hier das von Ducasse initiierte Rendezvous mit der Gräfin Kargané absolvieren wollte, als Leiche in den Schoß. Damit beginnen die Ermittlungen der Polizei, die jedoch von einer unbeherrschbaren Ereignissekette überholt werden, so daß der Polizeiinspektor froh ist, Gerhard zum Busche vor dem Duelltod retten zu können. Graf Kargané, der als Täter das Opfer verwechselt hatte (verwechseln mußte), erschießt sich. Da er den großen Skandal vermeiden konnte, erhält der Inspektor Dobrowsky einen Orden.

Eine ‘Kriminalnovelle’, die mit den Plotbestandteilen und dem Personal des detektorischen Erzählens ausgestattet ist, aber weder Detektiverzählung noch Police Procedural darstellt. Indem der Text in seiner erzählerischen Organistaion von ihm abweicht, bestätigt er das Schema der Detektivliteratur. Der Polizeibeamte wird bei einer Arbeit gezeigt, die keine Ergebnisse zeitigen soll. Der Leser beobachtet den Polizisten wie alle anderen Figuren. Die Last des Erzählens liegt ganz auf der auktorialen Erzählinstanz; sie sorgt für die narrative Herstellung des Falles (fitting of the facts, narrative coherence im Sinne von Sherlock Holmes, vgl. Neil MacCormick 2005).

Für den Polizeibeamten löst sich der Fall in einer plausiblen Hypothese auf, deren Bestätigung oder Widerlegung der mögliche Täter durch den Suizid verhindert. Die Ermittlungskette wird politisch abgebrochen, der Erzähler läßt aber kaum Zweifel daran, daß Kargané geplant hatte, mindestens seine Frau, womöglich auch ihren vermeintlichen Liebhaber zu töten. Nur der Zufall eines Zimmertausches (der wiederum auf den Zufall zurückzuführen ist, daß gleich zwei Damen in dieser Nacht krank und arbeitsunfähig ware) führte ihm die Tänzerin vor das Messer. Für das Schema bleibt der Fall ungeklärt und der Polizist gibt sich damit zufrieden: "Polizisten, die auf eigene Faust weiter ermitteln, können nur Undank ernten – dafür gab es Beispiele genug. Das war l’art pour l’art oder eine Aufgabe für bezahlte Detektive, für Journalisten auch".

Von der Arbeit des Faktensammelns, des Deutens und Verbindens weitgehend entlastet, verschreibt sich der Inspektor dem Flanieren und der Theoriebildung (man kann auch sagen: der flanierenden Theoriebildung). An seiner Seite als Watson-Figur ein Offizier, der zur Weiterbildung bei der Polizei hospitiert und glücklich ist, in Dobrowsky einen Freund gefunden zu haben, der ihn durch Paris (vor allem die Viertel der Unterwelt) führt und ihn dabei in seine Kriminalitäts- und Polizeitheorien einweiht. Dobrowsky bestätigt ein auf’s andere Mal, daß er Ermittlung um ihrer selbst willen (gar als Aufklärung der Gesellschaft über sich selbst) ablehnt; er ist kein Wahrheitsfanatiker, sondern ein Prgamatiker, der für sich lediglich dienende Funktionen in Anspruch nimmt: "Nicht sie [die Polizei] hat zu bestimmen, ob ein Fall abgeschlossen ist oder nicht. Sie liefert Tatsachen, sie apportiert. Einen Fall politisch auszuwerten oder moralisch zu beurteilen ist nicht ihre Aufgabe." Mit dem Schema wird auch der Wahrheitsanspruch verabschiedet.

Er bestätigt dem Zeitgenossen Lombroso ausdrücklich die Existenz des ‘geborenen Verbreches’ (Verbrechen als ‘Geburtsfehler’), doch er gestattet der Kriminalanthropologie keinen Einfluß auf die Polizeiarbeit, die politisch abhängig ist und politische Zwecke verfolgt und deshalb eine Legitimation des Nichtwissen- und Nichtwertenwollens braucht. In seiner Überlegung werfen Verbrechen Schlaglichter auf die Gesellschaft, in der die Menschen "wie Tiere in einem Riff" leben. "Sie suchten die Beleuchtung, die ihnen günstig war. Ein Strahl der Wahrheit konnte tödlich sein." Darum muß auch die Ermittlung begrenzt werden, die Wahrheit wird nur in geringen Dosen erträglich (auch wenn sie von der Literatur vermittelt wird): "Sonst war die Gefahr, daß sich die Wahrheit wie ein Wildfeuer ausbreitete. Die Revolutionen pflegen mit Prozessen zu beginnen, die man nicht in Schranken hält. Das heißt, Feuer aus den Öfen heraustragen" (S. 111). Es ist nicht Aufgabe von Polizei und Gericht, "die soziale Lüge" aufzudecken. (Dobrowsky vertritt eine polizeiliche Variante der "Präventivwirkung des Nichtwissens", deren soziologische Ausarbeitungen in seine Zukunft reichen: von Durkheim über Simmel zu Popitz und Luhmann …).

Dobrowsky unterscheidet die unmittelbaren und die symbolischen Bedeutungen von Verbrechen: Aufgeklärt wird, was über den Täter-Opfer-Bereich hinaus keine Bedeutung erkennen läßt. Wenn jedoch – wie im Londoner Ripper-Fall – dem Verbrechen zusätzliche Bedeutung zukommt (bzw. zugeschrieben wird), dann tritt die Polizei zurück. (Als Beispiel, in dem dies mit verheerenden Folgen nicht geschehen ist: der Fall Choiseul-Praslin.)

"Was die Ordnung betrifft, wo wird sie oft dem Licht verglichen und ist ihm auch darin ähnlich, daß sie erst durch die Unordnung Qualität gewinnt, wie Licht durch die Dunkelheit. Ordnung ist weniger wichtig in der Kaserne als auf dem Schlachtfeld, im Hafen als auf hoher See" (S. 59). Aber Ordnung und Strafjustiz werden in der dargestellten Welt nicht (mehr) als Synonyme gebraucht. Verbrechensaufklärung und Verbrechensverfolgung sind auf gleiche Weise vom Zufall abhängig wie der Erfolg der Intrige.

Beide Sprecher – der Polizist und der Erzähler – zeigen eine große Vorliebe für jagdliche Vergleiche und Metaphern. Jagd und Tiervergleiche überziehen den gesamten Text und banalisieren jede Aussage, auch die über die sattsam bekannte ‘Verbrecherjagd’: Man spricht formelhaft über das, was man nicht mehr tut oder nicht mehr tun kann. Sprechen statt Handeln ist das Prinzip der Figuren, die Polizei wird zur Repräsentantin einer Gesellschaft die ihren Untergang erwartet (was zunächst schichtspezifisch erscheint, wird durch die Polizeidarstellung verallgemeinert). Dem fällt im übrigen auch das zweite Schema zum Opfer, nämlich das des Entwicklungsromans, das der Leser in der Figur Gerhard zum Busche angelegt sieht, das aber weder eingelöst noch durch dessen Tod dementiert wird. Zum Busche verschwindet mit dem Fall, wird allenfalls zum Gesprächsthema der beiden Polizisten beim abendlichen Gedankenaustausch.

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  1. Von NuT » Zitatmontage am 11.04.2006 um 10:38

    [...] s. auch den Eintrag zu Ernst Jünger auf Notizen und Texte. -admin no comments trackback this article comment on thisarticle [...]

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