Ästhetik des Häßlichen

Wir stehen inmitten des Bösen und des Übels, aber auch inmitten des Häßlichen. Die Schrecken der Unform und der Mißform, der Gemeinheit und Scheußlichkeit umringen uns in zahllosen Gestalten von pygmäenhaften Anfängen bis zu jenen riesigen Verzerrungen, aus denen die infernale Bosheit uns zähnefletschend angrinst.

Karl Rosenkranz: Ästhetik des Häßlichen. Königsberg 1853 (Neuausgabe hg. und mit einem Nachwort versehen von Dieter Kliche. 2. überarb. Aufl. Leipzig: Reclam 1996; [Inhaltsverzeichnis]).

“Das Verbrechen kann seinen Zusammenhang mit der notwendigen Freiheit nicht von sich abstreifen, da es nur durch seinen selbstbewußten Widerspruch gegen dieselbe Verbrechen ist. Durch diesen Zusammenhang wird es als ein ästhetischer Gegenstand möglich, denn mit ihm muß auch sein immanenter Gegensatz, die wahre Freiheit, zum Vorschein kommen und am Verbrechen seine Hohlheit und Lüge offenbar machen. In diesem Zusammenhang begründet sich auch die seit Schiller so oft wiederholte Forderung, daß das Verbrechen, ästhetisch möglich zu werden, groß sein müsse, weil es dann Mut, List, Klugheit, Kraft, Ausdauer in nicht gewöhnlichem Grade erfordert und damit wenigstens die formale Seite der Freiheit enthält.”

“Das Verbrechen an sich ist natürlich verabscheuenswert, allein durch die kulturhistorische, psychologische und ethische Verflechtung, in der es erscheint, gewinnt es schon ein höheres Interesse. Die Engländer sind in dieser Gattung von jeher die Meister gewesen. Schon in ihren alten Balladen können wir dem kriminalistischen Zuge begegnen. Das Theater vor und nach Shakespeares Zeit wimmelte von solchen Dramen, unter denen sich manche sogar von unbekannten Autoren, wie das Trauerspiel Arden von Feversham, lange erhalten haben. Später hat der Roman diese Mission bei ihnen übernommen, und die ersten Autoren haben nicht verschmäht, in einer Gattung zu arbeiten, die von unsern Klassikern kaum berührt worden ist. Bulwers Paul Clifford, Eugen Aram, Von Nacht zu Morgen usw. oder Boz’ Oliver Twist sind solche Materien. Im Pelham hat Bulwer die fashionabelste Aristokratie, aber zugleich die extremste Verworfenheit des systematischen Diebs- und Räuberhandwerks in der ausführlichsten Breite geschildert. Nach den Engländern haben die Franzosen erst seit der Julirevolution in solchen Motivierungen sich gefallen. Die brillante Tyrannei und die Hofverschwörung, die Liebe und die Liederlichkeit als feine Galanterie wie als Orgie waren bis dahin ihre bevorzugten Themata gewesen. Erst mit dem Bewußtsein über das welthistorische Auftreten des Proletariats hat sich auch bei ihnen die Neigung zur poetisierenden Behandlung des Kriminalverbrechens in raschem Zuge entwickelt, und zwar, ihrer sozialen Natur nach, auch erst im Drama, dann im Roman.”

“Not bis zum Verhungern, Verbrechen aus Leichtsinn, aber auch aus kältester Berechnung, falsches Spiel, Wechselfälschung, Mord in allen Formen bis zum Giftmorde und Selbstmorde, Schwelgerei, Grausamkeit, Kinderdiebstahl, Inzest, Ehebruch, Verrat, alle Scheußlichkeiten der brutalen Gesinnung sind in diesen Dramen dargestellt, die man zum großen Teil auch dem deutschen Repertoire angeeignet hat. Indem aber die Deutschen doch die Horreurs der Forfaits nicht in ihrer ganzen französischen Nacktheit haben belassen mögen, sind aus den Bearbeitungen noch viel fatalere Produkte hervorgegangen, denn die infernalische Motivierung der sinistren Handlungen, die im Deutschen gewöhnlich abgekürzt, wohl gar unterdrückt wird, gibt ihnen doch noch eine psychologischere Berechtigung, und das Äußerste der Schändlichkeiten, die man erblickt, gewinnt nur durch die ganz und gar nichtswürdig originelle Weise, mit der es vollbracht wird, ein Interesse.”

Den Schritt zum Kriminalroman kann Rosenkranz nur andeuten, denn der hat in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Geheimnisliteratur noch nicht verdrängt: “Die Vorstellung des Verbrechers erzeugt aus seiner Schuld die Vorstellung eines unheimlichen, jenseitigen, dunkeln, rächenden Wesens.”

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  1. Von NuT » Jahresbilanz 1: Texte am 31.01.2007 um 08:40

    [...] Auszug aus Karl Rosenkranz: Ästhetik des Häßlichen. Königsberg 1853 (Neuausgabe hg. und mit einem Nachwort versehen von Dieter Kliche. 2. überarb. Aufl. Leipzig: Reclam 1996). [...]

  2. [...] Reich der Musik und der Macht des Bösen, wo nach der Differenzierung von Karl Rosenkranz’ «Ästhetik des Häßlichen» (1853) das Verbrecherische, das Gespenstische und das Diabolische zu klingen beginnen, dort [...]

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