Geständnis 6: Beckert (1931)

(440)
Nah. Der Mörder.

MÖRDER schreiend: Aber ich kann doch nichts … dafür!
Er bricht in die Knie und schlägt die Hände vors Gesicht. Kamera schwenkt herab.
MÖRDER leise: Ich kann … ich kann doch … ich kann doch nichts … dafür!
(441)
Die Gerichtsversammlung, von der rechten Seite aus. Im Vordergrund steht ein Ganove auf.
GANOVE: Hähähä! Det kenn’ wir!

(442)
Der Mörder, kniend; resigniert läßt er die Hände sinken.
MÖRDER: Was weißt den du? Was red’st denn du? Wer bist due denn überhaupt? Wer seid ihr denn …? Alle miteinander? Verbrecher! Bildet euch womöglich noch was ein drauf, weil ihr Geldschränke knacken könnt, oder Fassaden klettern oder Karten zinken … Lauter Sachen, denk ich mir, die ihr geradesogut lassen könnten, wenn ihr was Ordentliches gelernt hättet. Oder wenn ihr arbeitet. Oder wenn ichr nicht so faule Schweine wärt! Aber ich …
Er verkrampft seine Hände vor der Brust.
MÖRDER: … kann ich denn … kann ich denn anders? Hab ich denn nicht dieses Verfluchte in mir? Das Feuer?? Die Stimme?? Die Qual …??
(443)
Leicht von oben. Eine Gruppe aus dem Publikum. Im Vordergrund der Schränker.
SCHRÄNKER: Du willst also damit sagen, daß du morden mußt!
(444)
Nah. Der Mörder, kniend.
MÖRDER: Immer … immer muß ich durch Straßen gehen … Und immer spür ich, es ist einer hinter mir her …: Das bin ich selber! Und verfolg mich …
Seine aufgerissenen Augen wandern schreckerfüllt hin und her.
MÖRDER: … lautlos … aber ich hör es doch … Ja! Manchmal ist mir, … als ob ich selbser … / hinter mir herliefe!
(445)
Nah. Ein weißhaariger Mann im Publikum nicht verständnisvoll.
STIMME MÖRDER: Ich will davon … vor mir selber davon / laufen, -
(446)
Zwei andere Zuschauer. Der eine, ein alter Mann, nickt ebenfalls beeindruckt.
STIMME MÖRDER: – aber ich kann nicht! Kann mir nicht entkommen!
(447. Wie 444)
Nah. Der Mörder.
MÖRDER gehetzt: Muß … muß den Weg gehen, den es mich jagt! Muß rennen! Rennen! Endlose Straßen! Ich will weg!!
(448)
Zwei Huren. Die eine knetet ein Taschentuch in ihren Händen.
STIMME MÖRDER: Und mir mir rennen die Gespenster von Müttern … und Kindern … Die geh’n nie mehr weg … Die sind immer da! Ekstatisch: Immer!!
(449)
Der Mörder.
MÖRDER: Immer!!! … Nur nicht …
Er sinkt erschlaffend in sich zusammen.
MÖRDER: … wenn ich’s tue … wenn ich …
Seine Hände verkrampfen sich, als würgten sie ein Opfer; schließlich sinken sie kraftlos herab.
MÖRDER: Dann weiß ich von nichts mehr … Dann … dann stehe ich vor einem Plakat und lese, was ich getan habe, und lese und lese … Das habe ich getan?? Aber davon weiß ich doch gar nichts! Aber wer glaubt mir denn? Wer weiß denn, wie es in mir aussieht? Wie es … schreit und brüllt da innen! Wie ich’s tun muß! In äußerster Ekstase: Will nicht! Muß!! Will nicht! Muß!! Und dann … schreit eine Stimme … Und ich kann es nicht mehr hören!!
Er wirft sich mit dem Kopf gegen die Bohlenwand und preßt die Hände gegen die Ohren.
MÖRDER: Ich kann … ich kann nicht!! Ich kann nicht! Ich kann nicht …

Fritz Lang: M (1931). Drehbuch: Thea von Harbou und Fritz Lang. Zitiert nach: Fritz Lang: M. Protokoll. Mit einem Interview des Regisseurs von Gero Gandert. Hamburg 1963.

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