Geständnis 7: Omanzow (1944)

Axel Alt: Der Tod fuhr im Zug. Den Akten der Kriminalpolizei nacherzählt. Berlin und Leipzig: Hermann Hillger 1944.

‘Axel Alt’ ist das Pseudonym für Wilhelm Ihde (1899-1986), von 1935-1937 Hauptgeschäftsführer des Reichsverbandes der Deutschen Presse, ab 1937 Geschäftsführer der Reichsschrifttumskammer.

Der Roman, der tatsächlich auf Polizeiakten beruht, ist unter der Ägide der Polizeileitung des Reichssicherheitshauptamtes entstanden.

“Es mußte in Omanzow allerlei vor sich gegangen sein, denn kaum war er ins Zimmer eingetreten, als er sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch mehr fallen ließ, als daß er sich setzte. Und wenn man es so bezeichnen darf: es hatte sich offenbar seiner Person eine Art Vertrauen zum Kommissar Überfeld bemächtigt. Mag es die Art gewesen sein, in der Überfeld bisher mit ihm verhandelt hatte, oder war es das grundgütige Aussehen des Kommissars, kurz, es war, als ob aus Omanzows Blicken, mit denen er dem auf und ab gehenden Kommissar folgte, die Frage spräche: ‘Was soll ich tun?’ Sein von Natur nicht straffes Gesicht schien aufgedunsen, der Mund war leicht geöffnet, und sein Blick unter den herabhängenden Lidern verriet Furcht und Hoffnung zugleich. Er fand sich offenbar nicht zurecht zwischen den beiden Welten, die sich so plötzlich vor ihm aufgetan hatten. Die eine war die Welt seiner Einbildung, daß niemand etwas von ihm wüßte, die andere aber war die Welt der Polizei, von deren Fähigkeiten und Möglichkeiten er nur eine sehr unzulängliche Vorstellung hatte. Im wesentlichen aber rührte seine Unsicherheit daher, daß man ihm noch keinerlei Vorwürfe gemacht hatte, somit mußte er nach seiner Meinung vor einer riesigen drohenden Gefahr stehen, während in Wirklichkeit, wie wir wissen, auf seiten der Polizei nur Vermutungen und schwerwiegende Verdachtsmomente zur Verfügung standen.

Kommissar Überfeld ließ ihm ausreichend Zeit, sich wieder zurechtzufinden. Viele Minuten vergingen, Omanzow wechselte mehrmals die Haltung, manchmal klang sein Atem wie ein unterdrücktes Stöhnen, endlich sagte er mit matter Stimme: ‘Ja, was ist denn jetzt?’

Überfeld blickte anscheinend überrascht auf und fragte in einer Tonart zurück, also ob er sich mit einem guten Bekannten unterhielte: ‘Wieso? Was soll denn jetzt sein?’

‘Ja, es muß doch irgend was sein, sonst hätten Sie mich doch heut nachmittag nicht rausgeführt in die Siedlung!’

Überfeld machte eine kleine Handbewegung: ‘Wir haben Ihre Angaben von heute morgen geprüft, weiter nichts. Das ist doch ganz einfach, nicht wahr?’

Wiederum schwieg Omanzow minutenlang und sagte dann nur vor sich hin: ‘Ja …’ Hart preßte er die Lippen aufeinander.

‘Warum machen Sie sich denn darüber Gedanken?’ versuchte der Kommissar nachzuhelfen.

Darauf kam sofort die Antwort, die Omanzow wohl schon lange gedrückt hatte: ‘Ja, was die Frau da gesagt hat …’ Entgegen aller Erwartung knüpfte er daran nicht die Versicherung an, daß sie ihn unbegründet verdächtigt habe.

Überfeld half wieder: ‘Nun ja, Sie wissen, daß dort auch richtige Verbrechen begangen worden sind außer den einfachen Belästigungen durch Sie.’

Wiederum wies Omanzow nicht einen Verdacht gegen sich ab, sondern er druckste regelrecht endlos lange herum, so daß schon eine ruhige Natur wie die Überfelds dazu gehörte, um nicht ungeduldig zu werden. Aber Überfeld sagte sich, daß diese ungewöhnlich lange Zeit des Schweigens in Omanzow schlimmer wirkte, als wenn er ihm mit kritischen Fragen zu Leibe gegangen wäre. Es war dasselbe wie am Morgen, Omanzow versuchte nicht von sich aus etwa durch eine Taktik des Verbergens in seinem Sinne Ordnung in die Vernehmung zu bringen, sonder in dumpfer Witterung setzte er sich zu Wehr. Wahrscheinlich war ihm auf der Rückfahrt aus der Siedlung der Gedanke gekommen, daß es an der Zeit sei, von sich aus der Vernehmung eine ihm günstige Richtung zu geben, und daher hatte er wohl um eine Unterredung mit dem Kommissar nachgesucht. Nun aber an Ort und Stelle mußte ihm die Gewißheit gekommen sein, daß es hier nichts zu verbergen gab, sondern nur zu schweigen oder zu gestehen.

In dieser Hinsicht lag Omanzow mit sich selbst im Widerstreit, denn endlich, es mochte bei den wenigen gewechselten Worten wohl fast eine Dreiviertelstunde vergangen sein, rief er plötzlich: ‘Herr Kommissar!’

‘Ja?’ Überfeld dreht sich kurz herum.

‘Sie müssen mir helfen!’

Von diesem Moment ab war der innere Kampf Omanzows entschieden: er versuchte zu retten, was zu retten war. Aber offenbar machte er sich noch immer eine unrichtige Vorstellung von dem Beruf eines Kriminalkommissars, er verwechselte ihn mit dem eines Geistlichen nach dem Geständnis.

‘Aber Omanzow, worin soll ich Ihnen den helfen?’

So logisch und ohne Hinterhalt diese Frage war, der Bittsteller Omanzow, der noch eben einen Seelsorger vor sich gesehen haben mochte, empfand nun mit Schrecken die Wirklichkeit und die zupackende Frage des Kommissars. Wieder suchte er den Rückweg, aber sein Gedankenapparat konnte solchen ungewohnten Anstrenungen nicht folgen. Somit tappte er wieder in die Undurchdringlichkeit seines Schweigens zurück, jetzt wie in den vorhergehenden Viertelstunden nicht erwägend, wie belastend für ihn gerade dieses ihm vorsichtig erscheinende Schweigen war.

Indessen war der Abend über die Stadt gekommen, und auch in dieses Zimmer fielen die letzten Strahlen eines purpurroten Sonnenlichtes. Doch nicht lange währte es, dann brachen die hohen Häuser auf der Gegenseite die einfallenden Strahlenbündel, und im Zimmer wich der vergoldende Schein einer nüchternen hellen Dämmerung.

Omanzow warf einen kurzen, wohl unbewußten Blick durchs Fenster auf den gegenüberliegenden Stadtteil, hinter dem nun das Tagesgestirn verschwunden war. Von nun an versank er völlig in Schweigen.

Er war innerlich völlig erstarrt und schreckte auf, als nach vielen Minuten Überfeld sich plötzlich ihm gegenüber niederließ und, indem er sich tief über den Tisch beugte und die Augen des Verdächtigen suchte, mit ruhiger Eindringlichkeit sagte: ‘Omanzow! Sie und kein anderer sind der Mann, der alle Sittlichkeitsverbrechen in der Siedlung auf dem Gewissen hat!’

Bewegungslos nahm Omanzow diese Anklage hin und – schwieg.

Ohne davon Notiz zu nehmen, fuhr der Kommissar fort, nun alle Sittlichkeitsverbrechen, Mordversuche und vollendete Morde zu schildern in der Absicht, ihn durch die Aufzählung der Einzelheiten zum erforderlichen Geständnis zu bringen.

Überfeld streifte nur die eigentlichen Tatausführungen, die dem Täter bekannt sein mußten, dagegen legte er mehr Nachdruck auf die Schilderung der seelischen und körperlichen Einwirkungen auf die Überfallenen. War noch ein Rest von menschlichem Empfinden im Täter vorhanden, so sollte in dieser entscheidenden Stunde der Versuch gemacht werden, es wachzurufen und für ein Geständnis nutzbar zu machen.

Endlich hatte der Kommissar die lange Liste von rund dreißig Überfällen beendet und schloß mit den Worten:

‘Sie haben mich allein sprechen lassen. Das ist nun geschehen. Und ich sage ihnen noch einmal von Mann zu Mann: Sie allein waren der Täter!’

Omanzow sah, daß gegenüber diesem Manne nur eines richtig war: die Wahrheit. Und im Grunde genommen hatte er deshalb allein den Kommissar sprechen wollen, wenn er auch damit irgendwelche Vorstellungen von Milde und ungerechtfertigter Hilfe verbunden hatte. Jetzt zögerte er nicht mehr, sondern bestätigte einfach und tonlos: ‘Ja, ich bin’s gewesen!’

Mit einer psychologisch kaum deutbaren inneren Aufgeschlossenheit schilderte er dann gerade die Fälle, über die der Kommissar wenig hatte sagen können, weil die Opfer tot waren. Mit einer Haltung, als ob er von den Handlungen eines Dritten berichtete, legte er noch einmal die Ermordung der Frauen Schermann, Stranz und Kuske dar.

Und es bedurfte nur geringer Aufforderung, da gab er zu, in vierundzwanzig Überfällen und bei vier versuchten Morden der Schuldige zu sein.

Omanzow war der Verbrecher alle Untaten im Siedlungsgelände.”

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  1. Von NuT » Geständnis 8: Ogorzow (1995) am 20.04.2006 um 14:29

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  2. Von NuT » Berliner Schupo 1933 am 09.01.2007 um 12:50

    [...] Hans Joachim Freiherr von Reitzenstein: Oberwachtmeister Schwenke. Roman. Berlin: Ullstein 1933. 245 S. (Aus unserer kleinen Reihe über die Kriminalliteratur im ‘Dritten Reich’, s. hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier ). [...]

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