Wahrheitsproduktion

“Eine Gerichtsperson, namens Bonnet, erhielt den Auftrag der Untersuchung und begab sich zu dem Ende mit einem Gerichtsschreiber, namens Breton, nach dem Dorfe Jeu.[...]

Vergebens blieb alles Mühen, den Leichnam des Marquis de la Pivardiere aufzufinden, und auf diesen Umstand beriefen sich die Verteidiger der Angeklagten, um darzutun, daß, der Zeugenaussagen ungeachtet, der Beweis der Tat gegen die Marquise und Charost nicht vollständig geführt sei. Dies gab nun den Gerichtspersonen, die mit ungewöhnlichem Eifer die Spur des Verbrechens verfolgten, Anlaß, noch einmal in der Nähe des Schlosses überall, wo es nur denkbar schien, daß der Leichnam verscharrt sein könnte, die Erde durchwühlen zu lassen. Bonnet hatte sich nämlich nun einmal in den Kopf gesetzt, daß die Mörder den Leichnam des Marquis ganz nahe dem Schlosse vergraben haben müßten.

Ein seltsames Gerücht verbreitete sich. Man sagte nämlich, daß, als Bonnet eben im Begriff gewesen, irgendwo nachgraben zu lassen, um den Leichnam aufzufinden, ihm der Marquis leibhaftig erschienen sei und mit fürchterlicher Stimme zugerufen habe, er solle sich nicht unterfangen, den unter der Erde zu suchen, dem der Himmel die Gunst solcher Ruhe nicht verliehen. Dann (so fügte man hinzu) habe der Geist des Marquis mit schrecklichen Worten die Marquise und Charost des Mordes angeklagt. Voll Entsetzen sei Bonnet entflohen.–

Mochte es nun mit der Erscheinung des Marquis eine Bewandtnis haben, welche es wollte, so viel war gewiß daß Bonnet in eine schwere Krankheit verfiel und in kurzer Zeit starb.

Anstatt im Angesicht der Wahrheit, wie es inzwischen Usus geworden ist, in Tränen auszubrechen, wird Bonnet krank und stirbt. Doch die Erzählinstanz in E. T. A. Hoffmanns “Die Marquise von Pivardiere. Nach Richers Causes célèbres” (1820) warnt vor dem Post-hoc-propter-hoc-Schluß, den die erzählerische Anordnung nahelegt. Sicher wissen wir nur, daß Bonnet mitten in seinen Ermittlungen gestorben ist — und zwar noch ehe er seines Irrtums inne werden konnte: Tatsächlich ist ihm der lebendige Marquis begegnet und er hätte den ganzen Fall (in Nichts) auflösen können, hätte er dem Augenschein nur getraut.

Hoffmanns Text macht den Schritt zu einer zuverlässigen Ermittlerfigur nicht, aber er läßt deren mögliche Leistungsfähigkeit erkennen sowie den Preis, der für diese Leistungen zu entrichten ist.

“Die Marquise von Pivardiere” gilt in der Regel als wenig inspirierte Literarisierung einer Fallgeschichte und sie spielt, anders als “Das Fräulein von Scuderi. Erzählung aus dem Zeitalter Ludwig des Vierzehnten” (1819), in der Geschichte (oder der Vor-Geschichte) des deutschen Kriminalromans allenfalls ausnahmsweise eine Rolle.

Der Inhalt sei in aller Kürze skizziert: Franziska Margarete du Chauvelin verlor früh ihre Mutter und wurde vom Vater ganz nach männlichen Maximen erzogen; sie sollte ihre ‘weibliche Natur’ ablegen und der ‘Narrheit der Liebe’ nie verfallen. Konsequent unterbindet der Vater auch eine erste Begegnung mit einem jungen Mann, so daß sich die Tochter nach seinem Tod mit dem Marquis von Pivardiere verheiratet, dem unwahrscheinlichsten aller Bewerber, in dem sie jedoch das Ebenbild des Vater sieht. Das Paar lebt auf dem Gut der Chauvelins und zieht eine Tochter groß, bis der Marquis vorgibt, den Kriegsdienst wiederaufzunehmen, aber statt dessen ein kompliziertes bigamistisches Doppelleben beginnt, von dem seine Frau in dem Moment erfährt, in dem der Marquis aus seinen Schwierigkeiten zu ihr flüchten will. Der Marquis glaubt sich in einer moralisch vorteilhaften Position zu befinden, da ihm von einem mindestens zweideutigen Verhältnis seiner Frau mit dem Schloßkaplan berichtet wurde, in dem sie den jungen Mann erkannt hatte, dem ihre erste unterdrückte Liebe galt. Es kommt zu einer unerquicklichen Begegnung zwischen den Ehepartnern, in deren Verlauf allerlei Drohungen ausgesprochen werden. Am folgenden Morgen ist der Marquis verschwunden, so daß unmittelbar der Verdacht aufkommt, er sei auf Anstiftung seiner Frau und ihres Liebhabers von Helfershelfern ermordet worden. Es beginnen Ermittlungen, die Marquise und ihr Kaplan werden verhaftet und verhört, alle Gerüchte sprechen gegen sie und nur die Leiche des Marquis fehlt, der auf der Flucht vor der Polizei, seinen Gläubigern und seiner Zweitfrau ist. Als er sich schließlich stellt, muß zunächst seine Identität zweifelsfrei festgestellt und der ganze Fall von der Justiz gleichsam rückabgewickelt werden. Statt in eine neue Ehe zieht sich die Marquise nach ihrer Freisprechung in ein Kloster zurück.

“Le vrai peut quelque fois n’être pas vraisemblable” heißt es im “Fräulein von Scuderi” (nach Boileau, ganz ähnlich auch in der “Judenbuche” (1842) von Droste-Hülshoff): Wahrheit und Wahrscheinlichkeit, Richtigkeit und Glaubwürdigkeit müssen nicht zusammenfallen — und damit stellen Hoffmanns Texte die Frage nach dem Wahrheitsgaranten und machen so die Lücke auf, die vom Detektiv geschlossen werden wird (egal, ob dessen Ermittlungen dann nach induktivem, deduktivem oder abduktivem Prinzip ablaufen werden).

Bonnet hatte es, als sich der Marquis ihm stellen wollte, vorgezogen, an eine Geistererscheinung zu glauben statt dem Augen- und Ohrenschein zu trauen. Wäre es demnach prinzipiell richtiger, seinen Sinnen zu vertrauen und von dem Datenmaterial, das sie vermitteln, auf die ‘Wahrheit’ zu schließen? Kaum, denn die Sinne vermitteln fragmentierte, unvollständige Wirklichkeitseindrücke, die sich nicht von selbst zur einen, wahren Wirklichkeit zusammenschließen (die, wenn es sich um Vergangenheit handelt, narrativ repräsentiert werden muß). Die Aussagen der Hausgenossen und Dienstboten der Marquise könnten insofern nicht eindringlicher sein: Sie alle haben in der vermeintlichen Mordnacht etwas gehört und etwas gesehen, doch diese Ausschnitte erhalten ihre Bedeutung erst, wenn sie gleichsam auf ein Ziel hin perspektiviert werden — und die plausibelste Perspektive ist auf den ersten Blick der Mord am Marquis. Diese Deutung ist den Verhören schon vorgegeben (Verhörtechniken und die Fehler von Inquirenten sind nicht erst im Meister Floh Thema). Doch die Justiz des Textes ist unzuverlässig, als Garantin der Wahrheit ungeeignet. Bonnet, ihr wichtigster Repräsentant, wird nicht nur als abergläubisch, sondern auch als voreingenommen und übereifrig charakterisiert (als nicht-ironisches Vorbild für Knarrpanti).

Occam’s Razor (“Entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem”, oder, in der deutschen Fassung aus Ecos Der Name der Rose: “man soll die Erklärungen und Kausalketten nicht komplizierter machen, als es unbedingt nötig ist”, beide zitiert von Seibert im Zusammenhang mit der literarischen Wahrheitssuche) wird gleichsam eine Zusatzbedingung verpaßt. Zwar müßte man schon einen erheblichen Phantasieaufwand betreiben, wollte man die abendlichen und nächtlichen Auftritte statt mit dem Mord am Marquis mit dessen mehr als kompliziertem Doppelleben in Verbindung bringen, aber um den Razor (für strafjuristische Ermittlungen) anzuwenden, muß man vorher wenigstens die Möglichkeit des zunächst als überkomplex Erscheinenden durchspielen.

Man darf hier einmal auf Autorenwissen zurückgreifen: Der Kammergerichtsrat Hoffmann war sich bewußt, daß Ermittlungen in Kriminalsachen allzu leicht von den fragmentarischen Ermittlungsergebnissen, die in den Akten festgehalten sind, auf die scheinbar nächstliegende Verbrechensursache schließen. Nicht umsonst spielt er in der “Marquise von Pivardiere” gleich zu Beginn auf den Fall Schmolling an, wenn er die gute Gesellschaft über den Mörder Barré räsonnieren läßt:

“Ein Mensch gemeinen Standes, namens Barré, hatte seine Braut zu später Abendzeit in das Boulogner Holz gelockt und sie dort, da er, ihrer überdrüssig, um eine andere buhlte, mit vielen Messerstichen ermordet.”

Über diese (ihr unverständliche) Untat “verliert” sich die Duchesse d’Aiguillon in ‘moralische Betrachtungen’, die darauf hinauslaufen, daß solche Mordtaten nur in den ‘unteren Ständen’ vorkommen können, wo sittliche Erziehung und religiöses Gefühl entweder ihren Einzug noch nicht gehalten haben oder doch wieder verloren gegangen sind. Zwar ist das Verbrechen in der guten Gesellschaft Teil eines moralischen Diskurses, während es im juristischen Gutachten Teil des juristischen, aber auch des medizinischen Diskurses ist. Doch das Verbrechen zirkuliert und gibt hier wie dort Anlaß zu — aus Hoffmanns Sicht — ungerechtfertigten schnellen Schlüssen: Im Fall Schmolling monierte sein Gutachten (mit einigem Grund), daß dem Täter (der wie Barré seine Freundin getötet hatte) allzu schnell und auf allzu fragmentarischer Ermittlungsgrundlage Motivlosigkeit (und damit ‘amentia occulta’) unterstellt wurde. Das führte zu einer vergleichsweise milden Bestrafung Schmollings. Im Fall der Marquise ist die Vorverurteilung moralisch begründet und stellt einen Justizmord in Aussicht. Davor bewahrt allein der Marquis seine Frau und die Justiz, welch letztere dann eine ganze Weile mit der Rückabwicklung beschäftigt ist.

Diesen ganzen Aufwand (der erzählerisch nicht leicht zu fassen ist) hätte eine verläßliche Ermittlerfigur (im Sinne etwa des Poeschen Dupin) ersparen können. Sie hätte zwar die Schwierigkeiten der Justiz mit der Wahrheit bzw. der Wirklichkeit überwinden können, sie sichtbar gemacht und doch gleich wieder den Blick auf die Mechanismen verstellt, die für Erfolg und Mißerfolg, für Versagen oder Durchsetzung eines bösen Willens verantwortlich sind. Anders ausgedrückt (und mit Bonnet ‘angedacht’): Mit der Detektivfigur werden Ermittlung und Strafverfolgung genau so personalisiert wie vorher schon das Verbrechen. Das sorgt für die (und bedient sich an den) erzählerischen Innovationen der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert und beschränkt gleichzeitig den ‘Wirklichkeitsstoff’, aus dem sich Literatur vorzugsweise bedient.

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Wie immer: dies ist ein Pre-Print, der endgültige Text wird mit Literaturhinweisen anderswo veröffentlicht.

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  1. Von NuT » Zirkulation 1 am 22.07.2006 um 16:32

    [...] Doch noch einmal bei der “Pivardiere” hängen geblieben: [...]

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