Zirkulation 1

Doch noch einmal bei der “Pivardiere” hängen geblieben:

Man kann den Fall Pivardiere (1697 ff.), den E. T. A. Hoffmann seiner Erzählung “Die Marquise von Pivardiere. Nach Richers Causes célèbres” zugrunde legte, in zahlreichen deutschen Ausgaben nachlesen. Er wurde beispielsweise in der von Schiller bevorworteten vierbändigen Ausgabe von 1792 veröffentlicht, und noch Wilhelm Häring hat ihn für die Leser des vierten Bandes des Neuen Pitaval (1843) bearbeitet und in den Kontext des Falles Calas gestellt — mit der immerhin versöhnlichen Bemerkung, daß die “Macht der Wahrheit noch zeitig genug” aufgetreten sei, “um einen Justizmord zu verhindern”. (Die Titel der hier und im folgenden zitierten Fallsammlungen findet man i. d. R. >> hier .)

Indem Kriminalfälle als Redegegenstände zirkulieren (durch die Diskurse, die Institutionen, die Medien, die Gesellschaftsschichten etc.), bleiben sie sich nicht gleich, wie es eine alltagsweltlich verbreitete, ‘realistische’ und ‘ontologisierende’ Sichtweise haben will. Hoffmanns Text hat für den Wandel (oder die jeweilige Neu-Konstitution) einen einfachen, unauffälligen, aber schlagenden Hinweis: Während alle anderen Überlieferungen des Pivardiere-Falles seit Gayot de Pitaval den Namen des Marquis in den Titel setzen, der nie in Gefahr war, Opfer eines Justizmordes zu werden, verwendet Hoffmann dafür den Namen der Marquise und verschiebt, mindestens für detektorisch gesonnene Leser, damit gleich mehrere Fokussierungen.

Schließlich ist es die Marquise, die verdächtigt wird, ihren eigenen Mann umgebracht zu haben. Der Graf von St. Hermine, der die ‘Schreckensnachricht’ im Salon der Duchesse d’Aiguillon verbreitet, läßt keinen Zweifel daran, daß er von ihrer Täterschaft überzeugt ist:

“‘Und,’ sprach der Graf mit dem ins Innere dringenden Ton der tiefsten Erbitterung, ‘und diese geistreiche tugendhafte Frau, die Zierde der ersten Zirkel in Paris, diese war es, die ihren Gemahl erschlug mit Hilfe ihres Beichtvaters, des verruchten Charost!’”

Und direkt anschließend wird die Marquise zum Objekt einer Darstellung, in der selbstreflexiv erzählt wird, wie “Franziska Margarete Chauvelin” als Objekt der Männer — zunächst des Vaters, dann des Ehemannes und des Beichtvaters, schließlich der Justizvertreter — zirkulierte, bis sie am Ende, zwar entlastet, aber zerstört und als ‘Zierde der Gesellschaft’ unbrauchbar, ins Kloster geht, und zwar letztlich ohne zur Erkenntnis der Mechanismen zu gelangen, die für ihre Zerstörung verantwortlich sind. (Vgl. in dieser Hinsicht den Fall der >> Rosalie Klett.)

Insofern würde auch eine Lesart in die Irre führen, die sich allein auf die psychologischen Aspekte konzentrierte. So ‘interessant’ die Erziehung der jungen Franziska Margarete Chauvelin vergegenwärtigt wird, so ‘folgerichtig’ aus dieser Sicht ihre Ehe mit Pivardiere erscheint, in dem sie das Ebenbild des Vaters sieht: all diese Einzelheiten hätten nur Bedeutung (Lehmann 2005 weist zurecht darauf hin), wenn die Marquise tatsächlich die Täterin wäre. So stellt der Text durch seine Anordnung das biographische Schema der Verbrechererzählung in Frage. Die ‘Vorgeschichte’, die er so ausführlich erzählt, führt nicht zum Fall, sondern nur zur falschen Verdächtigung, die ihrerseits auf der Zirkulation von Verbrechensgeschichten beruht.

Hoffmanns Text weicht signifikant von der tradierten Fallgeschichte ab, in der die Marquise Witwe mit mehreren (teils schon verstorbenen) Kindern ist, ebenfalls gesellschaftlich angesehen, aber auch (schon aufgrund ihrer Standeszugehörigkeit) in der Lage ist, aktiv in den Verlauf ihres Verfahrens einzugreifen. An die Stelle der ursprünglichnen Verfahrensgeschichte setzt Hoffmanns Text eine fiktionale Psycho-Biographie der Verdächtigten. Doch der Leser sieht sich düpiert sobald dieser Biographie die Bedeutungs-Basis der Täterschaft entzogen wird. Selbstreflexiv, wie gesagt: Die Marquise wird als ein Objekt der Erzählung konstituiert, an dem Objektivierung, männliches Begehren und männliche Abwertung exemplifiziert werden. Hoffmanns Erzählung reflektiert insofern den ‘Zugriff’ der Kriminalitätsdarstellung auf die verbrecherische und/oder abweichende Person, der sie die Individualität (die sich in der Schuldfähigkeit ausdrückt) aberkennt, sobald sie psychologisierend, medikalisierend für sie eintritt. In der “Marquise von Pivardiere” beginnt ein Reflexionsstrang, der die deutschen Kriminalitätsdarstellungen begleitet (vgl. z. B. Raabe, dann Heym, Döblin, aber auch Fritz Lang …), ohne sie je nachhaltig beeinflussen zu können (s., nur als jüngstes Beispiel “Tödliche Mutterliebe” in der Zeit vom 21.7.2006).

Wie immer: Pre-Print, ohne die zugehörigen Nachweise.

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  1. Von The First Private Investigator - NuT am 02.03.2008 um 17:31

    [...] zu haben — ob aus einer der vielen Veröffentlichungen nach Gayot de Pitaval oder von E. T. A. Hoffmann, das muß ebenfalls unentschieden [...]

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