(Bildquelle: Wikpedia-Artikel über Karl Ludwig Sand, a. a. O. auch eine ganz hilfreiche Liste mit zg. Veröffentlichungen.)
Karl Ludwig Sand. 1820. In: Der neue Pitaval. Eine Sammlung der interessantesten Criminalgeschichten aller Länder aus älterer und neuerer Zeit. Hg. vom Criminaldirector Dr. J. E. Hitzig und Dr. W. Häring (W. Alexis). Erster Theil. Leipzig: Brockhaus 1842, S. 1-123.
Der erste Text im Neuen Pitaval (1842-1890), verfaßt von Wilibald Alexis.
“Vor 22 Jahren, Nachmittags gegen fünf, am 23. März 1819, wurde August von Kotzebue, der berühmteste Lustspieldichter der Deutschen seiner Zeit, auf seinem Zimmer in Manheim [sic!] von einem damals noch unbekannten Studenten, Karl Sand, durch einen Dolchstoß ermordet.”
Notizen:
Mit dem ersten Satz des ersten Falles positioniert sich der ‘Pitavalerzähler’, die Darstellung des folgenreichen Anschlags ist in der Tat programmatisch für den Neuen Pitaval (vgl. Marsch 1983): Zwar wird historische Distanz hergestellt, aber sofort mit dem genauen Blick auf die Details des Kriminalfalls — Opfer, Ort und Zeit, Täter, Tatbegehung — verbunden. Im direkten Anschluß nennt der Erzähler seine wichtigsten Quellen, deren Zahl, Art und Umfang deutlich machen, daß es nicht mehr um kontroverse ‘Tatsachen’ geht, sondern um deren Bewertung. So entsteht eine spezifische Spannung zwischen detailgenauer Vergegenwärtigung einzelner Handlungssequenzen, ihrer Integration in eine Täterbiographie und der Zuweisung von Bedeutungen, die den Horizont des Einzelfalles überschreiten und das ‘historische Drama’ im Blick haben.
Als reflektierender Historiker profiliert sich der Erzähler, wenn er seinen wichtigsten Gewährsmann kritisiert: Karl Ernst Jarcke (Bio-Biblio. über ADB) mache den Fehler, Sands Verbrechen als Zeichen für eine ‘zerrissene Gesellschaft’ zu interpretieren, deren theologisch-moralische Spitzfindigkeiten die zentralen Gebote (‘Du sollst nicht töten’) aushöhlten. Insofern hat Häring leichtes Spiel. Er hält Jarcke eine Reihe historischer Morde und Massenmorde entgegen, die seit der Bartholomäusnacht (1752) im Namen von Konfessionen, Glaubensrichtungen und/oder Theologien verübt wurden. Damit kommt ein wichtiger Aspekt der Kriminalitätsdarstellung im Neuen Pitaval in den Blick: Die Historisierung des Verbrechens in Einzelfällen bezieht sich stets auch auf den Wandel von Recht und Rechtsvorstellungen. Verbrechen wird nicht als Verletzung überzeitlicher Gebote, sondern stets in seiner Abhängigkeit von den je geltenden Strafgesetzen gesehen.
Jarcke nimmt Sands Tat als Zeichen für gesellschaftliche Fehlentwicklungen, die letztlich auf der Säkularisationsbewegung insgesamt beruhen. Erziehungsberechtigte und Erziehungsinstitutionen sind, da sie selbst den Wandel mitgemacht haben, nicht mehr in der Lage, bei ihren Zöglingen normadäquates Verhalten zu garantieren. Das entschuldigt zwar den Täter nicht, stellt ihn aber in den weiteren Horizont einer Anomie, die insbesondere die akademische Jugend erfaßt und ihrerseits zeitgeschichtliche Ursachen hat.
Lehnt man, wie Häring, diese Bedeutungszuweisung, dann bleibt nur die Option, im Verbrechen eine Bezeichnung des Täters zu erkennen (im vorsätzlichen Verbrechen also eine Selbstdarstellung des Tätes, mit willkürlichen und unwillkürlichen Aspekten). Diese Perspektive hält Härings Darstellung konsequent durch, wobei die Frage, ob Sand für gesund/schuldfähig oder für krank/schuldunfähig eingeschätzt werden muß, ganz en passant an das Recht weiterleitet wird: Der repressiven Welle in Justiz und Rechtspolitik, für die Sands Tat den Anlaß gab, mußte der Täter um 1820 als ‘gesund’ erscheinen, genau wie zahlreiche ‘Demagogen’ unter Hochverratsverdacht gestellt wurden. Beides wäre 1842 (bei inzwischen beruhigter Betrachtung) nicht mehr wahrscheinlich. (Aus dieser Sicht wird auch die erneute Repression der Jahre nach 1848/50 leicht erklärbar: sie bezeichnet das Scheitern der Revolution.)
Härings Darstellung läßt keinen Zweifel daran, daß an den Universitäten, an denen Sand studierte, viel über Umsturz und Neuordnung aller Verhältnisse geredet und geschrieben wurde, was nach der seinerzeitigen Rechtslage verboten war und rechtmäßige Verurteilungen zur Folge hatte. Doch wendet sich die Pitaval-Darstellung 1842 an die Urteilsfähigkeit der Öffentlichkeit, an das “große unbefangene Publikum [...] als eine[r] Jury der öffentlichen Meinung”, die, so weiß der Pitavalerzähler vorweg, “diesen Urtheilen” nicht mehr beipflichten kann. Aber keinesfalls kann aus der Sicht von 1842 eine Kausalbeziehung zwischen dem Reden der Vielen und der Tat des Einzelnen hergestellt werden.
“Sand’s Entschluß gehört ihm allein”: Dies ist der zentrale Satz, um den Häring seine Deutung entwickelt. Dabei spielen das Tagebuch und andere überlieferte Texte eine entscheidende Rolle — denn tatsächlich hat Sand für den Pitavalerzähler keine nennenswerte ‘Lebensgeschichte’: Unterricht und Schulbesuch, frühe Krankheit, Beginn des Theologiestudiums (im Konflikt mit dem bayerischen Staat, der ihm die Genehmigung zum Studium in Tübingen versagte). Gemeinsam mit einem Bruder meldete er sich zu einem Freikorps, und zwar ohne Wissen der Eltern, doch bewertet Häring dies nicht als Adoleszenzkonflikt. Nach der Rückkehr die Wiederaufnahme des Studiums und vor allem das Engagement für die Erneuerung der Burschenschaften. In diesen Zusammenhängen entstehen Texte (Briefe, Memoranden, Entwürfe, das Tagebuch), in denen sich Sand von seinen Freunden, Kommilitonen erst ab dem Moment unterscheidet, ab dem er seine Tat gedanklich und in der Phantasie mehr vorwegzunehmen als zu planen scheint. (Über die Bewertung solcher privater und halbprivater Texte vgl. E. T. A. Hoffmann in seinen Voten für die Immediatkommission.)
Der Pitavalerzähler erkennt, konsequent in seiner Perspektive, in Sands Papieren die Tendenz zur ‘Selbstliterarisierung’; Sand wird sich früh zum Stoff seiner Texte, deren intertextuelle Bezüge knapp charakterisiert werden:
“Wir rügen an dem Schiller’schen Tell, daß eine Mordthat, welche der aufs äußerste gereizte Vater an dem Frevler gegen seine heiligsten Gefühle begeht, eine Mordthat, die rasch, im Affect der gerechtesten Leidenschaften begangen, vor dem Richterstuhl menschlicher Empfindungen ihr Recht erhielte, zu einer That der kalten Reflexion wird. Sand handelte als ein anderer Tell; wie denn Reminiscenzen an diesen ihn auf dem langen Wege zur That begleiten und gleichsam ihm selber zur Auffrischung des wankenden Muthes dienten”. [Da isser wieder, der jugendverderbende Schiller.]
“Sand handelte als ein anderer Tell”: Auf eine Diskussion darüber, ob Tells Tat der ‘kalten Reflexion’ nicht doch ihre Berechtigung hatte, kann Häring sich schon deswegen nicht einlassen, weil sich dann zeigen würde, wie schief der Vergleich ist. Was immer man von Kotzebue halten mag, eine Gessler-Figur ist er auf keinen Fall. Aber darauf kommt es dem Pitavalerzähler auch gar nicht an; er übernimmt diesen Aspekt der Selbststilisierung Sands allein um des literarischen Bezugs willen. Sand macht sich (in Härings Sicht) zu einer literarischen Figur, und zwar derart, daß das Zustandekommen der Tat genau nicht mehr der ‘kalten Reflexion’, sondern einer zufälligen, vom Täter nicht einmal mehr gewollten Konstellation geschuldet ist. Indem er sich zu Tell macht, wird Sand zu dessen Gegenteil, nämlich zu einem Phantasten, der seine Imaginationen so oft zu Papier bringt, bis sie ihn zum Handeln zu zwingen scheinen.
“Es gewinnt nämlich den Anschein, als ob Sand die Mehrzahl dieser Schriften, in einer sonst unbegreiflichen Sorglosigkeit, in Jena nur deshalb unverschlossen zurückgelassen: damit seine beabsichtigte That, vor ihrer Ausführung, ans Tageslicht komme, und er, verrathen und gehindert, dadurch der furchtbaren Pflicht, zu der er sich selbst das Wort gegeben, überhoben werde”.
Diese Spekulation des Erzählers liegt in der Logik seiner Darstellung: Sie zeigt Sand als Jüngling, der zwischen Realität und Phantasie nicht mehr zu unterscheiden vermag, so daß das (kollektive) Phantasma ‘Kotzebue’ seine Wirksamkeit entfalten kann. (Übrigens wird an diesen Stellen die Fallgeschichte selbst reflektierbar: Selbstverständlich hätte Sand ohne die Tat die Medien, damit auch den Neuen Pitaval, nicht erreicht. Erst indem er die Tat begeht und für sie verurteilt wird, kann die Konstruktion in Gang kommen, die ihn als Phantasten darstellt, dem es genügt hätte, das Wollen seiner Tat gezeigt zu haben, ohne diese tatsächlich vollbringen zu müssen.)
Die paradoxe Deutung, nach der die Selbstliterarisierung zum Handeln zwingt (in der in nuce die anhaltende Diskussion über Terror und Ästhetik steckt) wird durch die Literarisierung der eigentlichen Tat und ihrer Vorbereitung vermittelt, die nur etwa ein Zehntel der ganzen Fallgeschichte in Anspruch nimmt, in der aber die Erzählperspektive beständig oszilliert zwischen der unmittelbaren Vergegenwärtigung (in einer quasi-personalen Perspektive) und der Reflexion der Fallhistorikers, der Quellen auswertet, paraphrasiert, collagiert und bewertet. (In diesen Passagen entsteht der ‘Pitavalerzähler’.) Die ganze Sequenz steht gleichsam unter dem Motto einer “Reise zum Morde” (Entfernung und Annäherung zugleich):
“[...] Kotzebue wohnte in Manheim, 40 Meilen von Jena. Sand mußte eine große Reise dahin unternehmen, und brachte auf dieser Reise, indem er unterwegs auf vielen Stationen verweilte, volle 14 Tage zu! [...] Die Art, wie Sand diese Reise zum Morde ausführte, spricht zum Psychologen eine klare Sprache”.
Sands Zaudern hat für den Pitavalerzähler einen Grund: er möchte an seiner Tat gehindert werden:
“[...] er hatte sogar [vor seinem Aufbruch] an drei ihm persönlich völlig unbekannte Zeitungsredactoren es gemeldet. Seiner eigenen Angabe und Berechnung nach durften und mußten diese es früher erfahren, als die That vollführt war. Konnte er denken, daß diese drei Männer schweigen und durch ihr Schweigen sich zu Complicen der That machen würden?”
Doch Sand hatte sich schon von der Realität entfernt, die Tat war ihm zur ästhetischen Notwendigkeit geworden, wie für den Pitavalerzähler aus einem Zitat Jarckes hervorgeht:
“Er spielte auf seinem innern Privattheater den rachedürstenden Helden, der nach dem Blute des Feindes lechzt; aber in der Stille, gleichsam sich selbst die Bedeutung Dessen verbergend, was er that, ließ er jene Briefe zurück, und reiste immer langsamer, je mehr er sich dem Ziele näherte”.
Die Grenze zwischen Imagination/Phantasie und Handlung wird gleichsam zweimal überschritten: durch die Tat einerseits, andererseits durch den Versuch, sie von vornherein zu medialisieren. Sand will, aus dieser Sicht, nicht nur Täter sein, sondern auch die Täter-Geschichte(n) selbst initiieren, kontrollieren. Praktisch noch vor der Tat die Antizipation ihrer Literarisierung (die schon ihr Ausgangspunkt war).
Das ‘Privattheater’ wird zum Medium des Pitavalerzählers, das ist dann die Pointe. Auf etwa neun Seiten schildert er die Zeit zwischen dem Eintreffen Sands in Mannheit bis zur Verhaftung des verletzten Täters nach seiner Tat, etwa zwei Seiten nimmt die Schilderung des Zusammentreffens mit Kotzebue ein, die ihren Höhepunkt im Auftreten der Nemesis hat. Hier erreicht auch der beständige Wechsel der Erzählperspektive seine höchste Frequenz:
Beim Umdrehen, nachdem Kotzebue zusammengesunken, bemerkte Sand ein kleines Kind, welches während der That zur Thüre links vom Eingange hereinsprang. Es war Alexander von Kotzebue, der vierjährige Sohn des Ermordeten, der an der offenen Thür die Mordscene mit angesehen zu haben scheint. Das Kind glaubte, wie es nachher geäußert haben soll, ‘der fremde Mann wolle mit seinem Vater Krieg spielen’. Es schrie auf und weckte den Mörder aus seinem Starrsinn. Es war der Bote der Nemesis, welcher der Sache eine ganz andere Wendung gab, indem, ohne dieses Zwischenspiel, Sand wahrscheinlich aus dem Hause entkommen wäre.
PS und nicht vergessen: Kotzebue ist für den Pitavalerzähler der Ironiker, der allen Haß des Fanatikers auf sich zieht.
Verwandte Artikel:
