Julien Salmon: Schule des Verbrechens. Roman. Aus dem Französischen von Dirk Hemjeoltmanns. München: dtv 2006 (Orig.: L’école de la crime, 2003). (S. a. die Anzeige des französischen Verlags, auf der der Roman als “thriller” bezeichnet wird.)
Die populären Serienmordkonzeptionen (seit den 1970er Jahren) basieren auf ebenso populären Vorstellungen von Kunst — ihrer Produktion und ihrer Rezeption. Robert Ressler (einer der Urväter) hat erfrischend deutlich beschrieben, daß er den Begriff ‘Serial Killer’ im Anschluß an Kino-Serials und ihre ‘Cliff Hanger’ gebildet habe, und Ressler war es auch schon, der seinem Erinnerungsbuch die Übersetzung des Nietzsche-Zitats voranstellte, das seitdem ad nauseam zitiert wird (das Antidotum stammt von Susan Sontag: “Any pit is an abyss, if properly labeled”). Selten genug können die Nachredner die Tradition identifizieren, die damit aufgerufen wird, nämlich die seit Nietzsche viel diskutierte Affinität von Kunst und Verbrechen, die, um nur ihn zu zitieren, Erich Wulffen zu einer gleichsam therapeutischen Konzeption der Literaturproduktion inspirierte.
Darum geht es in Salmons fetzig-charmantem Roman: um die Beziehungen zwischen Texten, Diskursen und Wirklichkeiten. Vorläufige Anmerkungen, ohne Korrektur.
Es wiederspräche zwar jeder Konvention, aber vorstellbar wär’s schon, daß der Klappentext, der Salmon als “Kriminalkommissar im Norden Frankreichs” ausweist, von den Namens- und Fiktionalitätsspielen dessen affiziert ist, was man dann wohl ‘Haupttext’ nennen müßte. Mein diesbezüglicher Verdacht hat mich bislang erst bis zur franzöischen Wikipedia geführt — in der André Salmon (1881-1969) als durchaus denkbarer Adressat für eine Hommage via Pseudonym verzeichnet ist. (Die BNF kennt auch noch Julien Salmon, docteur en droit, dessen Dissertation unter dem Titel La Fondation et la personnalité juridique 1911 veröffentlicht wurde: auch der wäre nicht unpassend.) Aber selbst wenn der Name fiktiv wäre, würde das über den Beruf des Autors noch nichts aussagen.
Der Haupttext des Romans, um bei diesen beiden Bezeichnung zu bleiben, zerfällt in zwei ungleich lange Teile: Das Tagebuch, das Paul de Dardanie zwischen dem 21. September und dem 29. Dezember führte und dessen Ende die Ankündigung enthält, er werde sich nun an einem Laternenpfahl aufknüpfen und dabei “QUALIS ARTIFEX PEREO” ausrufen. Der zweite Teil, sehr viel kürzere Teil, besteht aus einem psychiatrischen Gutachten, dessen Verfasser sich auf den Text des Tagebuchs stützt. Darin erfährt man zunächst, daß Dardanie sich nicht erhängt, sondern von den Klippen in Le Tréport gestürzt habe, seine Leiche bislang aber nicht aufgefunden worden sei. Das paßt, noch einmal einer detektivischen Lesart folgend, auch besser zu seinem Namen: Dardanie, Dardanellen, Hellespont, Helle — auch dafür begnüge ich mich mit dem Hinweis auf den Wikipedia-Artikel und bemerke, daß in Helles Fall der nietzscheanische Abgrund präfiguriert scheint.
Dardanie nimmt in der Zeit, die er im Tagebuch schildert, an einem höchst bemerkenswerten Lehrgang für Kommissaranwärter teil, für den er sich in einem Bewerbungsgespräch vor ‘einer Gruppe von Klinikern’ qualifizierte. Es hilft nichts: der Eindruck, daß hier die Krankheit produziert wird, für deren Heilung ausgebildet werden soll, entsteht schon auf der ersten Seite. Und in der Tat sind die Lehrgangsteilnehmer, die Dardanie beschreibt, einschließlich seiner selbst, geradezu obsessiv mit Ritual- und Serienmorden/-mördern beschäftigt, die sie zu den Gegenständen ihrer Abschlußarbeiten machen. Man schickt die Anwärter in Gefängnisse und Heilanstalten, wo sie, ganz in der Tradition der Serienkiller-Forschung, verurteilte bzw. internierte Täterinnen und Täter interviewen. Auf diese Weise (wenn es denn keine Fiktion des Tagebuchs ist) kommt Dardanie mit einer siebzigjährigen Frau in Kontakt, die zwanzig Jahre zuvor ihren wesentlich jüngeren Liebhaber umbrachte, indem sie “mit einer geradezu paranoiden Detailtreue die Kreuzigung Christi” nachstellte (S. 35). Wenn von Mord als Kunst die Rede ist, dann muß man in der Tat darauf kommen, daß die Nachahmung/Nachbildung der Kreuzigung eine Spitzenstellung einnimmt, die (als ‘Nachfolge’) nur noch von der Selbstkreuzigung übertroffen wird, die — Mathieu Lovat zeigt es — Leidensfähigkeit, ästhetisches Bewußtsein und handwerkliche Geschicklichkeit im höchsten Maße erfordert.
De Quinceys Murder Considered as One of the Fine Arts (1827) ist bei der Polizei angekommen: aber nicht erst in diesem Roman, in dem der Tagebucherzähler eine Skala für die ästhetischen Qualitäten des Mordes entwickelt, sondern schon im Serienkiller-Diskurs seit den 1970er Jahren, in dem unablässig vom staging der Tatorte und dump sites die Rede ist, vom overkill, von den Inszenierungen der Leichen, vom modus operandi und von den signatures — kurzum von Mördern, die unablässig Zeichen produzieren, die auf sie selbst als Urheber verweisen und für die mit den Profilern spezielle Experten der kriminalistischen Hermeneutik ausgebildet werden.
Salmons Text läßt in dieser Hinsicht nichts aus. Dardanies Tagebuch wimmelt von Zitaten, die einerseits den Gründerfiguren der SK-Forschung zugeschrieben werden, andererseits deren Gewohnheit abbilden, sich beständig auf einen Kanon von Zitaten heterogenster Herkunft zu beziehen. Von Brussel bis Camus und Nero: nichts wird ausgelassen, so daß im Tagebuch wie im abschließenden Gutachten die spezielle Selbstbezüglichkeit der Wirklichkeitsproduktion im SK-Diskurs geradezu schmerzhaft vorgeführt wird.
Zwei Texte, die sich gegenseitig beleuchten: der Text des Tagebuchs spricht über seinen Verfasser, der vom Text des Gutachtens als Lügner entlarvt wird. So stellt sich ein Herrschaftsverhältnis her: der Interpret weiß, was der Text, der mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt, ‘wirklich’ bedeutet; der Interpret sagt, was der Autor meinte, aber nicht sagen konnte. Das ist möglicherweise die Position einer psychologischen, psychoanalytischen Konzeption von Literatur, die über den Text zum Autor vordringt, auf jeden Fall aber die Konzeption eines Lesers, der klüger ist als der Text, da er in diesem die Spuren erkennt, die zur wirklichen Wirklichkeit des Autors führen. Wenn ich darin die Abbildung der populären Darstellungen des Profiling erkenne, dann geht mein Text in den unendlichen Regress ein, der immer den Leser zum Herrn über den Text macht. (NB: Dardanie, der Autor, stirbt (oder inszeniert seine Tod) und setzt damit die Lektüre des Psychiaters in Gang. Bei Umberto Eco heißt es: “Der Autor müßte das Zeitliche segnen, nachdem er geschrieben hat. Damit er die Eigenbewegung des Textes nicht stört.” Um den infiniten Regress aufzulösen, abzubrechen, benötige ich eine Interpretationstheorie: genau dahin bringt mich der Polizist als Autor Romans — und nährt damit den Verdacht, daß er kein Polizist ist.)
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