Der Sohn verläßt das Elternhaus und absolviert ein Jurastudium. Als er zurückkehrt, findet er den Vater zum zweiten Mal verheiratet, und zwar ausgerechnet mit der Geliebten, die er für das Studium verlassen mußte. Er wird jetzt vom Vater auf eine mehrjährige Reise geschickt, aber die Passion der beiden jungen Leute widersteht dem Zeitverlauf und der räumlichen Distanz, so daß es nach der Rückkehr des Sohnes zum Inzest mit der jetzigen Stiefmutter kommt und dann zur Übereinkunft, den Vater resp. Ehemann zu töten. Für die Justiz ist dies kein Problem: Als sie seiner habhaft wird, verurteilt sie den Sohn wegen Inzest und Mord zum Tod. Der Hingerichtete wird zum Gegenstand einer Darstellung im Neuen Pitaval: “Constantin Weise. 1835-1837.” (15. Theil (= 2. Folge, 3. Theil) Leipzig: Brockhaus 1849, S. 401-420). Die Pitavalgeschichte bezieht ihr Material aus Wilhelm F. Bischoff: Merkwürdige Criminal-Rechts-Fälle für Richter, Gerichtsärzte, Vertheidiger und Psychologen. 4 Bde. Hannover: Verlag der Hahnschen Hof-Buchhandlung 1833-1840, Bd. 4, S. 171-203. (Der Text aus dem Neuen Pitaval steht bei Gutenberg zur Verfügung, zuverlässig, wenn ich recht sehe: Einleitung, Text).
Die Daten: 1829 — Tod der Mutter und Beginn des Jurastudiums, Verheiratung der Tochter Adelaide; 1830 — zweite Heirat des Vaters, der zu diesem Zeitpunkt gut 45 Jahre alt ist, mit der 22jährigen Anna; 1831 — Rückkehr Constantin Weises vom Studium und Beginn der großen Tour; 1834 — Rückkehr von der Reise; 1835 — Tod des Vaters, Flucht des Paares; 1837 — Tod Annas in Italien, Rückkehr, Verurteilung und Hinrichtung Constantin Weises.
Der Pitavalautor (Willibald Alexis) bezeichnet diesen Fall zwar als ‘hochtragischen Roman’, doch er trägt ihn mit überraschender Zurückhaltung vor: Die familiäre Situation im Haus des Commissionsrathes Weise, dessen überraschender Tod und die eilig-verdachterregende Abreisen der Witwe und des Sohnes nach der Beerdigung. Der Verdacht bestätigt sich durch die Aussage des Dienstmädchens, doch bleiben zu diesem Zeitpunkt alle Aufenthaltsermittlungen erfolglos, bis es nach fast zwei Jahren zur zufälligen Begegnung Weises mit dem Professor M. kommt. Doch da ist Weise offenkundig schon entschlossen, sich zu stellen. Also kehrt er heim und läßt — ausführlich geständig — das Strafverfahren über sich ergehen, das ganz ohne Überraschungen verläuft, so daß Weise als reuiger Sünder das Zentrum eines Versöhnungstableaus einnehmen kann. Von der Sympathie mit dem Täter, die sich in Bischoffs aktenmäßiger Darstellung ausdrückt, ist im Neuen Pitaval nichts mehr zu spüren. Statt dessen äußert er Zweifel an der ‘sentimentalen Liebesgeschichte’, indem er den materiellen Aspekt des Mordes thematisiert — in einer ganz und gar spekulativen Einnahmen-Ausgaben-Berechnung. Jeder Deutungsansatz, der über den strafjuristischen Horizont hinausgehen könnte, wird vermieden, der Text erzählt von einem Mord, der nach Recht und Gesetz gesühnt wird.
Doch genau damit eröffnet der Text den Blick auf die Literatur: Er hat es schließlich mit Konfliktkonstellationen zu tun, die kriminalitätshistorisch selten, aber literarhistorisch hochsignifikant sind. Das betrifft zunächst die Herstellung der inzestuösen Situation, in die sich der Sohn nach seiner Rückkehr ins Elternhaus gegenüber der Stiefmutter verstrickt sieht. Der Vater hatte die ‘Jugendliebe’ des Sohnes während dessen Abwesenheit ‘weg’geheiratet und er hatte den Umgang zwischen Sohn und Stiefmutter nach der ersten Rückkehr des Sohnes unterbunden, indem er diesen auf die ‘große Tour’ schickte .
Der Pitavalerzähler beklagt mehrfach, daß die Überlieferung des Falles unvollständig sei, daß Bischoff Einzelheiten, die zum weiteren Verständnis notwendig wären, nicht in seine Relation aufgenommen habe. Also beschränkt er sich weitgehend auf den Verlauf, wie er im Verfahren rekonstruiert wurde, und überläßt es dem Leser, Deutungslücken zu erkennen und zu füllen, wobei man freilich stets auf Informationslücken stößt. Man kann beispielsweise nur vermuten, daß der Vater den Sohn aus dem Haus entfernte, weil er dessen Beziehung zur zweiten Frau kannte. Der Pitaval-Text fordert eine detektorische Lesehaltung der Informationsvervollständigung heraus — läßt sie aber regelmäßig scheitern bzw. in Vermutungen münden: Man kann die Heirat zwischen Weise und Anna als Generationenmesalliance sehen, die ausdrücklich nicht mit der Liebe der Ehegatten, sondern mit dem Wunsch des älteren Mannes nach weiblicher Pflege begründet wird, hinter den die sexuelle Anziehung zurücktreten muß. Aber auch dies erfährt man nur andeutungsweise aus dem Verhörprotokoll, demzufolge der alte Weise seiner jungen Frau “seit längerer Zeit, wie sie sagte, [...] nicht ehelich beigewohnt” hatte. Was von beiden Seiten als Versorgungsehe angesehen werden kann, führt zur Katastrophe, sobald der Sohn zurückkehrt, den mit Anna die Liebe als Passion verbindet. Insofern konfligieren mit Vater und Sohn zwei Konzeptionen von Liebe und Ehe, die je generationenspezifisch sind. Aber das, wie gesagt, ist für die Justiz irrelevant.
Dem literarisch gebildeten Leser könnte freilich auffallen, daß der ‘reale Fall’ (aus dem Jahr 1837) in wesentlichen Einzelheiten das Verhältnis abbildet, das Schillers Don Carlos (1787) zwischen König Phlipp, dem Infanten Don Carlos und der Stiefmutter Elisabeth von Valois herstellte. In Schillers höfisch-historischer Anordnung bestätigt, ja verjüngt sich geradezu die väterliche Macht durch die Vernichtung des Sohnes, während in der (realen) bürgerlichen Sphäre der ‘Nachgoethezeit’ der Inzest zwischen Sohn und Stiefmutter mit dem Tod der männlichen Kontrahenten und damit dem Ende der Familie gesühnt wird, so daß von der Hinrichtung des Sohnes auch ein indirektes Licht auf die Schuld des Vaters fällt. Doch diese Folgerung bleibt dem Leser überlassen (und zwar vor allem dem, der die literarhistorischen Bezüge herzustellen versteht), an der Textoberfläche der Pitavalgeschichte wird (einmal mehr) die väterliche Macht bestätigt.
Ich weiß ja nicht …
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