Stalking (kulturwissenschaftlich)

“Any person who willfully, maliciously, and repeatedly follows or harasses another person and who makes a credible threat with the intent to place that person in reasonable fear for his or her safety, or the safety of his or her immediate family, is guilty of the crime of stalking, punishable by imprisonment in a county jail for not more than one year or by a fine of not more than one thousand dollars ($1,000), or by both that fine and imprisonment, or by imprisonment in the state prison.” (Penal Code 646.9, California, Auszug.)

Inzwischen haben alle Bundesstaaten der USA derartige Tatbestände in ihren Penal Codes. Es gibt eine Reihe von ikonischen Fällen, in die Celebrities aus Medien und Politik verwickelt sind (Jodie Foster im Fall Hinckley/Reagan, die Ermordung John Lennons …), es gibt eine Unzahl von fiktionalen Darstellungen, Interessen- und Betroffenengruppen sprechen von riesigen Dunkelziffern und bieten allerlei Hilfen an. Bei den Strafverfolgungsbehörden scheinen die Fälle eher schleppend einzugehen, was die Experten nicht daran hindert, das Delikt aus kriminalsoziologischen und kriminalpsychologischen Blickwinkeln zu erhellen.

Die Situation schreit geradezu nach der kultur- und medienwissenschaftlichen Untersuchung — und die liegt nun auch vor in Stalking von Bran Nicol (London: Reaktion 2006, 160 p., 9 Ills.). Der Autor ist Senior Lecturer an der University of Portsmouth, School of Social, Historical and Literary Studies — und hat da auch eine Website.

Die zentrale These des Buches: Stalking is “one of a signature group of crimes – along with serial killing, terrorism, paedophilia – which serve as the focal point for a deep-rooted late twentieth and early twenty-first-century paranoia about the other” (S. 55).

Im Prinzip funktioniert das so: In den fortgeschrittensten westlichen Kulturen (also insbesondere in den USA) werden die Grenzen zwischen dem, was die Menschen als öffentliche und private Bereiche unterscheiden, immer unsicherer. Dafür steht insbesondere die unablässige Produktion von ‘Celebrities’, also kurzfristigen Berühmtheiten in den und durch die Massenmedien, wobei es nicht darauf ankommt, wofür jemand ‘berühmt’ wird, sondern nur noch darauf, daß jemand für eine gewisse Zeit im Blickraum des öffentlichen Interesses steht. (Zur Celebrity-Produktion s. schon Sheila Brown: Crime, Law and Media Culture. London: Open University Press 2003.)

Der Wunsch, berühmt zu werden (dessen Verbreitung durch die zahlreichen TV-Talk-Formate hinreichend belegt erscheint), bringt die Angst hervor, den Schutz der Privatsphäre zu verlieren und Opfer unerwünschter Blicke und Übergriffe zu werden. So entsteht Dissonanz; was gewünscht wird, wird gleichzeitig gefürchtet und die Furcht wird auf plausible Täter projiziert: den ehemaligen Partner, den unsympathischen Nachbarn, die unerwidert liebende Arbeitskollegin.

Sie alle erhalten Züge des ‘Psychopathen’, von dem es heißt, daß er in zahlreichen Verkörperungen unsere Gesellschaften gleichsam unterwandert. Er ist narzisstisch, stets nur auf den eigenen Vorteil bedacht, rücksichtslos, unfähig zur Empathie, dabei stets auch ein begabter Darsteller von Normalität. Er überfordert unser herkömmliches System des Strafens, das auf begangene rechtswidrige Taten abzielt und nicht auf das Potenzial zukünftiger Schädigungen, die in der Person — eben: dem gefährlichen Individuum — verborgen ist, aber jederzeit aktiviert werden kann. Das kommt in der zitierten Tatbestandsdefinition zum Ausdruck, in der Handlungen mit Erwartungen untrennbar vermischt werden.

Es ist kein Wunder, daß an den Übergängen zwischen den populären und den wissenschaftlichen Diskursen über das Stalking diejenigen Experten agieren, die schon den Psychopathendiskurs vorangetrieben haben: Nicol etwa bezieht sein Wissen über die ‘Psychologie’ des Stalking weitgehend von J. Reid Meloy (Ed.: The Psychology of Stalking. San Diego: Academic Press 1998), der auch eines der neueren Standardwerke über den Psychopathen verfaßt hat (The Psychopathic Mind. Origins, Dynamics, and Treatment. Northvale, NJ, & London: Aronson 1988).

Im übrigen findet sich, wenn ich recht gelesen habe, auch bei Nicol nur die Behauptung, daß das Delikt des Stalking die Strafverfolgungsbehörden in nennenswertem Umfang beschäftige. Polizei-, gar Verurteilungstatistiken (die ihrerseits diskutiert werden müßten) sucht man vergebens. An ihre Stelle tritt die Wiedergabe von Mediendarstellungen, so daß der Zirkel der massenmedialen Bedeutungszuweisungen nie verlassen wird und die Frage nach den spezifischen Funktionen der strafrechtlichen Deliktsdefinitionen gar nicht erst gestellt werden kann.

Nicols Buch umfaßt drei thematische Teile: Zunächst die Definition von Stalking und Stalkern, die weitgehend unkritisch aus der zuhandenen Literatur von Klinikern und Betroffenen übernommen wird. Dann die Darstellungen von Stalking in Medienproduktionen seit den 1990er Jahren (vor allem in Hollywood-Filmen), schließlich die kulturgeschichtliche Vorbereitung der Wahrnehmungsformen, die Stalking erst ermöglichen, in der Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts (von Dickens über Poe und Bram Stoker bis hin zu Benjamins Flâneur). Das sind in der Tat die Pfade, die auch schon die Psychopathen-Debatten genommen hatten.

Demnach wäre Stalking Phantasiekriminalität, deren gegenwärtige Zeichenhaftigkeit zwar aktuelle Begründungen, aber auch einen langen Vorlauf hat, der die Intensität erst erklärt, mit der das Delikt heute zur Kenntnis genommen und ‘bekämpft’ wird. Dagegen ist nichts einzuwenden. Irritierend ist freilich, daß Nicols Studie die Selbstreflexivität der Medienproduktionen, die er bespricht, nahezu vollständig ausblendet. Dabei ist es geradezu ein Kennzeichen der Wirklichkeitsproduktion ‘unserer’ Massenmedien, daß sie die Reflexion ihrer Konstruiertheit stets mitliefert. (Das hat, sehr lesenswert, David Foster Wallace in “E unibus pluram. Television and U.S. Fiction”, 1997, gezeigt.)

Nicols Buch kostet um die 20 Euro. Da ist es besonders ärgerlich, daß es auf Bibliographie, Filmographie und Register verzichtet. Wenn man einzelne Interpretationen sucht, muß man blättern.

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