Genrebewußtsein 1874

“Die Untersuchung, worin das eigentliche Wesen des Criminalromans bestehe und wodurch die große Anziehungskraft, die er auf den gebildeten Leserkreis ausübt, gerechtfertigt werde, ist nicht ohne Schwierigkeit und — wie wir zu unserm Bedauern gestehen müssen — nicht ohne Bedenken. Denn es hat wohl noch kein Erzeugniß der zeitgenössischen Literatur die ihm erwiesenen Ehren so wenig verdient, und seinen Ruf als par-force-Mittel der Unterhaltung so sehr nur durch den trügerischen Charakter bestechender Aeußerlichkeit erworben, wie der Crimi-nalroman, d. h. der Roman, der das Verbrechen und die Verbrecher zum Gegenstande hat. Die Schwierigkeit der Untersuchung aber liegt in der von der Kritik streng geforderten, von einer wohlwollenden Schaar literarischer Optimisten gern vereitelten Scheidung zwischen der wennschon nicht ganz correct ästhetischen, doch entschieden poetischen Form des Romans und der entschieden unpoetischen, vielmehr grenzenlos prosaischen und philiströsen Afterform des Criminalromans.”

“Aus diesen und ähnlichen Gründen gestaltet sich der Verbrecherroman in den meisten Fällen zu einem Polizeiroman. Der Held ist nicht der vom Schicksal und seinem gewissen verfolgte Missethäter, sondern das Schicksal selber, das öffentliche Gewissen oder die demselben officiell substituirte Behörde. Und in der That hat der Beruf eines Beamten der öffentlichen Sicherheit eine entschieden romantische Färbung.”

“jedoch ist dieser Werth ein sehr geringer, da, wie man bei einiger Vertrautheit mit dieser Afterliteratur leicht erkennt, die Erfindung durchaus nicht so schwierig ist, wie es auf den ersten Anblick erscheinen könnte. Ist nur erst der allgemeine Plan gemacht, so weben sich die einzelnen Mittelglieder von selber, und das Ganze erscheint am Ende nur wie ein großes Exempel, wobei der unbekannte Factor so lange in der Schwebe gehalten wird, bis er durch die Logik der erzählten Thatsachen sich dem Leser von selbst aufdrängt. Der Fluch, der dem Criminalroman von Rechts- oder Polizeiwegen anhaftet, ist die Einseitigkeit oder, sagen wir, das Element des Geistlosen, das mit dem Verbrechen unauflöslich verbunden ist. Es ist eine ganz falsche Vorstellung, den Verbrecher für einen interessanten Menschen zu halten. Unsre heutigen socialen Zustände wenigstens widerlegen diese Meinung auf das schlagendste. Die meisten Verbrechen werden aus Noth, einige in Folge von Ueberfluß begangen. Die wenigen, die uns den Menschen im Kampfe mit seinem furchtbarsten Feinde, der Leidenschaft, zeigen, haben fast ausnahmslos dramatischen Chrakter, d. h. das Verbrechen tritt zurück, das Motiv und der Zweck der Handlung reißen das ganze Interesse an sich.”

Auszüge aus: Adolf Rutenberg: “Der Criminalroman und das Zeitalter des Modernen”. In: Die Gegenwart 5 (1874).

Verwandte Artikel:

  1. KL-Forschung (lose Blätter 6: Definition)
  2. Kriminalroman
  3. Justizromane 1966, 2001
  4. Überschrift
  5. Wahrheitsproduktion
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Kriminalliteratur, Literaturgeschichte und getagged , , , , . Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt.

Du kannst diese HTML Tags und Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>