Berliner Schupo 1933

Hans Joachim Freiherr von Reitzenstein: Oberwachtmeister Schwenke. Roman. Berlin: Ullstein 1933. 245 S. (Aus unserer kleinen Reihe über die Kriminalliteratur im ‘Dritten Reich’, s. hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier).

schwenke

(Gustav Fröhlich als Schwenke und Carl Dannemann als Wölfert in der Verfilmung von 1934, s. u.; Bildquelle hier.)

Reizensteins Roman handelt von den beruflichen und privaten Erlebnissen des Oberwachtmeisters Schwenke in der Zeit zwischen dem Mai 1932 und dem Januar 1933; kurz bevor Hitler zum Reichskanzler ernannt wird, fällt Schwenke der Begegnung mit einem Radfahrer zum Opfer, den er anhalten wollte, weil er ohne Licht unterwegs war. Er konnte es nicht mehr begreifen und hätte es auch nie begriffen, “daß ein Mensch auf einen Menschen schießen konnte, bloß weil er ein Rad gestohlen hatte und nun glaubte, ertappt zu sein” (S. 245).
Bis dahin dreht er seine täglichen Runden, ist er in Straßenkämpfen im Einsatz; er zeigt heldenmütigen Einsatz bei der Aufklärung eines Autodiebstahls und Umsicht bei der Verhaftung zweier Mordverdächtigen, die es ihm nicht danken, daß er sie nicht wie die “Ratten” und “Bestien” behandelt, die sie in seinen Augen sind. Doch genau mit diesem Vorwurf wird er mit einem Disziplinarverfahren überzogen, in dem er nur mit knapper Not rehabilitiert wird.
(Die neue Zeit der Ordnung, die von den Nationalsozialisten versprochen wird und auf die der Roman verweisen muß, ob er es will oder nicht, erreicht er nicht. Doch auf diese ‘neue Zeit’ richtet sich die Hoffnung, wenn in der ‘Systemzeit’ das Leben eines Polizisten davon abhängt, ob ein Fahrraddieb im ‘Betreffungsfalle’ eine Waffe zieht oder nicht.)

Die Organisation der großstädtischen Polizei:

Reitzensteins Text orientiert sich nicht am zeitgenössisch schon gängigen Whodunit; Ermittlung ist nur ein geringer und auch nur gelegentlich aufregender Teil seiner Tätigkeit. Der Streifenpolizist ist und erscheint im Roman als das äußerste Element einer als panoptisch zu denkenden Organisation: Er geht den zugeteilten Schlag in seinem Revier und speist alle seine Wahrnehmungen in die internen Kommunikationskanäle ein.

Der Schupo ist im Normalfall der einzige Repräsentant seiner Organisation, die im Straßenbild für alle Passanten sichtbar ist, auch das ist Teil seines beruflichen Selbstverständnisses – und er drückt es in der Werbe-Sprache der Polizei aus, gleichsam als Teil des polizeilichen ‘Leitbildes’ oder einer Corporate Identity: “‘Der Schupo ist der Freund des Publikums. Das ist nicht von mir, sondern das ist meine Dienstvorschrift’” (S. 17). Seine Tätigkeit besteht im Beobachten, aber genau so im Vertexten, Verschriften, in der Narrativierung seiner Wahrnehmungen: “Schwenke besaß Federgewandtheit. Er konnte ein Ereignis in knappen treffenden Worten berichten; aber er haßte diese Schreibarbeit wie die meisten seiner Kollegen” (S. 15). Erst als Polizist, der mit den Bewohnern seines Sprengels vertraut ist (eben: wie ein Freund), kann er die Grenze zwischen dem öffentlichen Straßenraum und den privaten Bereichen ‘hinter den Mauern der Häuser’ überwinden: Alle Ermittlung, die Schwenke erfolgreich betreibt, beruht auf dem Prinzip, daß er das Vertrauen der Menschen gewinnt — in der Regel auch derer, die allen Grund hätten, sich gegen sein Eindringen zur Wehr zu setzen. (Wer sich jetzt an Magdalen Nabbs weinenden Maresciallo Guarnacci erinnert fühlt, liegt ganz richtig.)

Die organisationstheoretischen Überlegungen sind dem Streifenpolizistem nicht zugänglich. Er kann nicht erkennen, daß er die Funktion eines Mediums übernimmt – und er soll es wohl auch nicht, weil er sonst auch bemerken müßte, daß er als ‘Freund des Publikums’ nicht einfach Wahrnehmungsorgan ist, sondern unmittelbarer, erster Konstrukteur des Verbrechens.

Die Polizei legt über die Stadt ein kleinteiliges Netz aus Revieren, die einzelnen oder einigen wenigen Polizisten dauerhaft zugeteilt werden, deren gewohnte Sichtbarkeit im Straßenbild Vertrautheit (im skizzierten doppelten Sinn) signalisiert. Das ist, wenn man auf die reale Ausstattung der zeitgenössischen Berliner Polizei blickt, ein Topos, der seine Plausibilität als Wirklichkeitsbeschreibung aus seiner literarischen Ubiquität bezieht. Aber nicht Realität, sondern der polizeiliche Wunschtraum wird abgebildet. Und genau deshalb wird Reitzensteins Text repräsentativ für die Krimi-Produktion des ‘Dritten Reichs’ (in der die wohltätige polizeiliche Überwachung technisch ausgeweitet werden, aber immer mit dem gesetzestreuen Polizisten-Medium verbunden bleiben wird).

Die Figur des Polizisten als literarische Konfliktressource:

“Schwenke hat Gardemaß. Er ist fast 1,80 Meter groß. Er trägt das Sportabzeichen. Die Augen über der kräftigen Nase sind wie aus blauem Kristall. Wenn gewisse Frauen dieses Leuchten sehen, seufzen sie und meinen, so müße eigentlich das Leben ausschauen. Wenn die Männer ihm in die Augen blicken, werden sie vorsichtig und höflich” (S. 7).

Das hatten wir hier schon (bzw. dann wieder) bei Kommissar Eyck (und ähnlich bei Kommissar Renner, der noch kommen soll): Soviel ungebundene, weil unverheiratete Virilität sorgt für Konflikte, zumal beide, der Polizist und der Mann immer im Dienst sind. Schwenke macht denn auch eine Reihe unpassender Liebesverhältnisse durch, die diesbezüglichen Konflikte mit der Dienststelle und den Vorgesetzten bleiben nicht aus und schließlich rettet ihn seine letzte Liebe – eine ‘Kindfrau’, mit der dauerhaft sich zu verbinden ihn der Schuß des Radfahrers hindert. Der Kollege Wölfert rät ihm nicht umsonst und gleich zu Beginn des Romans: “‘Du solltest heiraten, Willi’, [...] ‘Dann hätte die liebe Seele Ruh’” (S. 9).

Bei so viel männlichem Sportsgeist nimmt es nicht wunder, daß sich Schwenke einer verleumderischen Anzeige zweier Mordverdächtiger erwehren muß, derzufolge er bei der Verhaftung gesetzwidrige Gewalt angewandt habe. Das gibt auch noch Gelegenheit, eine Polizei vorzuführen, die gegen die eigenen Beamten ohne Nachsicht ermittelt, obwohl der Leser weiß, daß Schwenke sich mit knapper Not beherrschen konnte: “Das war zuviel. Alle Wunden brachen in Schwenke auf. ‘Mensch!’ stöhnte er und setzte zum Sprunge an. Er spreizte die Finger und starrte dabei auf die Kehle seines Gegners. ‘Das geht ja nicht’, dachte er, ‘so was darf doch nicht weiterleben!’ / Die beiden Verbrecher sahen ihm mit angstvollen Fratzen entgegen. Ihre Augen glitzerten ihn von unten herauf an. ‘Wie ein paar Ratten’, dachte er. Das brachte ihn endlich zu sich” (S. 171).

Der Andere als Migrant:

Wer hier in den Genuß rechtsstaatlicher Wohltaten kommt, das ist der ‘Andere’: Er ist aus dem Osten nach Berlin zugewandert und lebt hier in organisierten Zusammenschlüssen von Einbruch und Erpressung, er macht sich Frauen dienstbar und beutet alte Menschen aus. Er unterscheidet sich kategorial vom Bankier, der sich umbringt, nachdem ihm ein neues Gesetz die Lebensgrundlage entzieht und ihn gleichsam zum Verstoß zwingt.

[...]

Je genauer man Reitzensteins Roman liest, um so attraktiver wird Harry Krolls Mecke macht alles (1935, online als PDF-Datei) …

Die Verfilmungen:

(Inhalt: “In seinem Viertel in Berlin ist der junge Oberwachtmeister Schwenke überaus beliebt und immer gern gesehen. Zu jedem ist er charmant, freundlich und hilfsbereit, was den Polizisten zum Schwarm so manchen Mädchens macht. Dies gilt besonders für das Blumenmädchen Maria, Schwenke aber hat ein Auge auf die schüchterne Erna Zuwade geworfen. Doch Erna ist in dunkle Machenschaften verwickelt. Der betrügerische Karl Franke benutzt sie, um den Bankier Wenkstern und dessen Devisenschiebereien auszuspionieren, damit er ihn erpressen kann. Schwenke kommt dem Bankier zwar auf die Spur, doch von der Erpressung und der Beteiligung Ernas ahnt er noch nichts”.)

(Inhalt: “Oberwachtmeister Borck ist in seinem Revier bekannt und beliebt. Auch die Kneipenwirtin Fanny und die junge Käthe himmeln ihn an. Und da ist noch Erna, Hausangestellte bei Großhändler Staade, die in Hamburg fremd ist und allein lebt. Nur der zwielichtige Karl Franzek aus ihrer Heimat bedrängt sie immer wieder”.)

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  1. Von NuT » Gerichtsberichterstattung 1935 am 09.01.2007 um 13:08

    [...] Notizen und Texte   « Berliner Schupo 1933  Gerichtsberichterstattung 1935 09.01.2007 @ 1:07 pm Medien, Kriminalität/Strafverfolgung [...]

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