“Das gegenwärtige Kapitel dürfen wir jetzt beschließen mit einer Zusammenstellung, gewissermaßen einem systematischen Bestimmungsschlüssel derjenigen Serienarten, die wir unterschieden haben. Ich bin mir voll bewußt, damit nur einen schüchternen Versuch zur Klassifikation der Serien getan zu haben. Und von einer regelrechten Systemisierung kann noch kaum die Rede sein; der Ausbau eines vollständigen Seriensystems erfordert gründlichere Empirie, als sie uns gegenwärtig zu Gebote steht, und muß einer wohl nicht allzu nahen Zukunft überlassen bleiben.”
Paul Kammerer: Das Gesetz der Serie. Eine Lehre von den Wiederholungen im Lebens- und im Weltgeschehen, Mit 8 Tafeln und 26 Abbildungen im Text. Stuttgart und Berlin: Deutsche Verlagsanstalt 1919, S. 87.
Kammerer darf als erster Serienforscher, mithin auch als Ahnherr aller Serienkiller und Serienkillerforscher gelten. Seine Typologie der Serien sei deshalb im folgenden dokumentiert. Wörtlich (ebd., S. 87-90) und nur den hiesigen typographischen Bedingungen angepaßt.
I.
A. Zwei- oder mehrmalige Wiederholung gleicher, ähnlicher Dinge und Ereignisse. Einfache Serie, Serie erster Ordnung.
B. Verknüpfung von zwei oder mehreren einfachen Serien, indem jedesmal eines ihrer Merkmale (Querkomponente) daraus in die anschließende Serie übernommen und dort wiederholt wird. Serienfolgen, Serie höherer Ordnung.
C. Gesamtheit der aus gemeinsamer Ausgangsserie durch Komponentenübergang hervorgehenden Serien erster Ordnung. Serienpotenz, Serie höheren Grades.
II.
A. Diese Wiederholung und Verknüpfung erfolgt im Nebeneinander. Räumliche oder Simultanserie.
B. Wiederholung und Verknüpfung erfolgen im Nacheinander. Zeitliche oder Sukzedanserie.
III.
A. Zeitserie, von einer gegebenen Ausgangsserie abzweigend und durch gemeinsame Zwischenkomponenten mit ihr verknüpft. Anhangsserie.
B. Raumserie, von gegebener Ausgangsserie abzweigend und ff durch gemeinsame Zwischenkomponenten mit ihr verbunden. Nebenserie.
IV.
A. Nur Kennzeichen einer einzigen der vor- und der nachbenannten Serienarten nachweisbar. Reine oder Sortenserie.
B. Kennzeichen von mehr als einer der vor- und nachbenannten Serienarten nachweisbar. Hybride oder Mischlingsserie.
V.
A. In den serialen Dingen oder Ereignissen nur ein sich wiederholendes Element (gemeinsames Merkmal der Wiederholungen) zugegen. Einreihige Serie.
B. Zwei oder mehrere gemeinsame Merkmale (Querkomponenten der Serie) in den Wiederholungen zum Vorschein kommend. Mehrrreihige Serie.
a) Alle Querkomponenten bleiben gleichlaufend beisammen. Parallelserie.
b) Querkomponenten verästeln sich. Polytomische Serie.
aa) Die Verästelung geschieht aus einem ursprünglich geschlossenen Serienstamm (Parallelserie geht in die polytomische Serie über). Divergierende Serie.
bb) Die Äste vereinigen sich in einen nachträglich geschlossenen Serienstamm (Polytomische Serie geht in eine Parallelserie über). Konvergierende Serie.
C. Zwei oder mehrere selbständige Serien treten in Querverbindung und verlaufen fortan gemeinschaftlich. Korrelationsserie.
VI.
A. Längskomponenten sind kongruent oder ähnlich, gleichgerichtet, Symmetrieachse fällt mit der Achse des serialen Verlaufes zusammen. Segmentale oder Metamerieserie.
B. Längskomponenten sind spiegelbildlich gleich, Symmetrieachse steht auf der serialen Achse senkrecht. Bilaterale oder Symmetrieserie.
VII.
A. Serienverlauf durch Reichtum an Dingen und Ereignissen ausgezeichnet, von stürmischen energetischen Vorgängen erfüllt. Bewegungsserie.
B. Serienverlauf führt durch verhältnismäßig leeren Raum, ereignisarme Zeit, alle Komponenten in entropischem Zustande. Ruheserie.
VIII.
A. Die Häufungen wirken nur durch Masse ihrer Komponenten serial. Quantitäts- oder Mengenserie.
B. Die Wiederholungen wirken durch Beschaffenheit ihrer Komponenten serial. Qualitäts- oder Artserie.
IX.
A. Seriale Längskomponenten (Singulärglieder der Serie) von qualitativ, zuweilen auch quantitativ übereinstimmender Beschaffenheit. Gleichheits- oder Identitätsserie.
B. Komponenten nur von annähernd gleicher Qualität, mindestens mit Abstufungen der Quantität. Ähnlichkeits- oder Affinitätsserie.
X.
A. Nur qualitativ oder auch quantitativ übereinstimmende Komponenten gehören durchweg derselben Betrachtungswelt an, stehen entweder als objektive Körper (Naturgegenstände) oder als subjektivierte Kunstwerke, beides in Gestalt von Originalempfindungen, oder sämtlich in Gestalt von Erinnerungsempfindungen vor uns. Homologieserie.
B. Die dann selbstredend höchstens qualitativ ähnlichen Komponenten verhalten sich zueinander wie Originalerlebnis und Erinnerung, Modell und Kopie, natürliche Vorlage und künstliche Nachbildung. Analogieserie.
XI.
A. Die Komponenten verlaufen (erstrecken sich) in gleiche Richtung der Zeit und des Raumes. Reihen- oder direkte Serie.
B. Die Komponenten bewegen (erstrecken) sich in verschiedene Richtungen. Kreuzungs- oder inverse Serie.
XII.
Die serialen Komponenten verhalten sich wie Negativ und Positiv, Form und Ausguß — die “entgegengesetzte Gleichheit” ist es, die sie zur Serie verbindet. Gegensätzliche oder Kontrastserie.
XIII.
Beliebig verschiedene Komponenten (Dinge, Ereignisse), für sich bei je einmaliger Wiederkehr noch keine Serie formend, wiederholen sich in gleicher Aufeinander- oder Beieinanderfolge zwei- oder mehrmals. Alternierende oder Wechselserie (s. l.).
1. Nur zwei solche Komponenten befinden sich in Alternation. Alternierende Serie s. str.
2. Mehr als zwei Komponenten, die sich insgesamt und in mannigfachster Kombination von Gleich und Ungleich in Zahl, Art und Folge zu alternierenden Teilstrecken (Zyklen) zusammenschließen, wechseln miteinander ab. Zyklische oder Kreislaufserie (s. l.).
a) Komponenten und Teilstrecken (freier Turnus, Zyklen s. str.) unabhängig von der Zeit, d. h. ihre Dauer an keinerlei Regelmäßigkeit geknüpft. Zyklische Serie s. str.
b) Mindestens die eine Teilstrecke (gebundener Turnus, Phase) abhängig von der Zeit, ihre Dauer konstant. Phasische Serie.
c) Alle Teilstrecken (Perioden) von regelmäßiger Dauer, wenn auch notwendigerweise nur homologe Strecken untereinander darin übereinstimmend. Periodische Serie.
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