“Reinlichkeit ist aller Laster Anfang”

“Heute vor 8 Tage wurde hier ein Mörder hingerichtet*), der für Sie ein eignes Interesse haben muß. Oh Bärbelchen, nehme Dir ein Exempel und bessere Dich! Reinlichkeit ist aller Laster Anfang! Reinlichkeit führt zum Morde und auf das Blutgerüst! “Jener arme Mensch beging einen Totschlag und starb von Henkers Schwert, weil er zu sehr auf Reinlichkeit gesehen und zuviel Wasser zum Waschen gebraucht. Das ist kein Scherz, das ist fürchterlicher Ernst. Oh Sünderin, bekehre Dich! Er war früher Soldat. Im vorigen Sommer suchte er vergebens ein Unterkommen. Um nicht brotlos zu sein, ging er in das hiesige Arbeitshaus und blieb dort als freiwilliger Arbeiter, wie mehrere andere. Von Jugend an (wie er vor Gericht erklärte) Reinlichkeit liebend, hatte er mit seinen Stubenkameraden die Verabredung getroffen, daß abwechselnd jeden Tag ein anderer einen Zuber Wasser tragen sollte, um das Zimmer anfzuwaschen. Es geschah. Nur einer, als die Reihe an ihn kam, weigert sich dessen. Der Soldat klagte deswegen beim Verwalter des Arbeitshauses. Dieser lachte und sagte: ich habe es nicht geheißen. Das kränkte den Soldaten, daß er durch diese Entscheidung sein bei seinen Kameraden erworbenes Ansehen verloren. Er nahm sich vor, an dem Verwalter Rache zu üben, ob ihm zwar (wie er gestand) seine Strafe auf dem Blutgerüste deutlich vorschwebte. Wie nun der Verwalter eines Tags in das Zimmer tritt, stieß er ihm sein Brotmesser in den Leib und die Brust und tötete ihn. Ganz ohne Heimtücke, in Gegenwart zweier Zuschauer, die zu erschrocken waren, ihm abzuwehren. Auch ließ er sich von einem herbeigekommenen Polizeidiener ruhig arretieren und gestand sogleich sein Verbrechen. Der arme Teufel wurde bei der Hinrichtung schrecklich gemetzelt. Dreimal wurde gehauen, ehe der Kopf abging. Der sonst geschickte Scharfrichter hatte die Geistesgegenwart verloren, weil er im Augenblick der Hinrichtung in dem Delinquenten, den er früher nicht gesehen, einen Jugendfreund erkannte. Der Hinrichtung habe ich nicht beigewohnt, aber ich war bei dem armen Teufel im Zimmer, ehe er abgeführt wurde, bei dem sogenannten peinlichen Halsgericht, welches öffentlich gehalten wird. Die Zeremonie dauerte eine Stunde, und ich will ihnen ein anderes Mal davon erzählen. Aber seit der Zeit habe ich einen Abscheu gegen das Wasser und wasche mich selten.”

Ludwig Börne an Jeanette Strauss-Wohl, 28.2.1825. Man findet den Brief auf der Website von Reinhard Döhl (mit der Zugabe einer Moritat, die Friedrich Theodor Vischer zu der erwähnten “Zeremonie” verfaßt hat).

Verwandte Artikel:

  1. Tatortanalytiker (Fortschritt)
  2. Notizen zu Kühnapfel
  3. Prozeßgeschichte: Der Fall Fonk (1822)
  4. Andrea Maria Schenkel: Kalteis. Roman
  5. Wirklichkeiten des Verbrechens (lose Blätter 9)
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Kriminalität/Strafverfolgung, Medien und getagged , , , , , . Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt.

Du kannst diese HTML Tags und Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>