Krimi und/als Fälschung (Berndorff)

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß Krimis aus der Zeit des ‘Dritten Reiches’ auffällig häufig Geld- und Kunstfälschungen thematisieren. (Empirisch belegen kann ich diesen Eindruck im Moment nicht.)

Paradigmatisch erscheint mir Hans Rudolf Berndorff: Shiva und die Galgenblume. (Neuzeitliche Kriminalromane) Berlin und Leipzig: Hillger 1943. (Bemerkungen zur Publikationsgeschichte des Romans gibt es hier.) Im kriminellen Zentrum des Textes steht ein aus Russland emigrierter Kunstmaler, der meist in Paris lebt, aber deutsche Banknoten fälscht und in Deutschland in Verkehr bringt. Zum Verhängnis wird ihm sozusagen ein Urheber-Lapsus, der ihn dazu bringt, auf jedem Schein ein Zeichen anzubringen, das ihn eindeutig als den Fälscher — oder eben als den Künstler-Urheber — entlarven muß.

Nun segelt der Roman selbst unter falscher Flagge (fraglich, ob man dies schon als Fälschung bezeichnen könnte): Berndorff (über den es einen durchaus erhellenden Wikipedia-Artikel gibt) hat ihn auf Bestellung und gewissermaßen unter Aufsicht des Reichssicherheitshauptamts und des Reichspropagandaministeriums verfaßt, deren Leitungen sich davon Propaganda für die Leistungen der ‘deutschen Polizei’ versprachen. Doch darüber läßt der Text seine Leser im Unklaren, es gibt keine “Galgenblume”, die auf die Polizei wenigstens als Ideengeberin verwiese. (Man sollte sich einmal die Credits der deutschen Kriminalfilme in dieser Hinsicht ansehen, denn auch sie mußten auf Beratung durch Polizeidienststellen nicht verzichten.)

Schon eher als Fälschung könnte man den Eindruck bezeichnen, den der Roman (wie die meisten Krimis der Nazizeit) von der Arbeit der Polizei vermittelt. Das ist in der Tat Propaganda, aber nicht etwa für nationalsozialistische Weltanschauung generell oder für die spezifische Form der Verbrechensbekämpfung im ‘neuen deutschen Staat’. Sieht man einmal davon ab, daß zwei Berufsverbrecher explizit befürchten (was auch schon eine Seltenheit ist), nach Absitzen ihrer Strafe aus dem “Z” (wie Zuchthaus) direkt ins “Kazet” (wie Konzentrationslager) überstellt zu werden, so kann man sich eine perfektere Repräsentation des wohltätig-väterlichen Staates als durch die Polizei des Romans nicht vorstellen. Dieser Polizei ist z. B. auch jede Spur der Ausübung körperlicher Gewalt gegen Verdächtigte oder überführte Verbrecher abhanden gekommen, obwohl diese Gewaltausübung keineswegs nazi-spezifisch und auch nicht auf die deutsche Polizei beschränkt war. (Die symbolischen Funktionen der Gewaltausübung gegenüber Verhafteten haben eine lange Tradition, wie man beispielsweise in Eckhardt Meyer-Krentlers Willkomm und Abschied [...], München 1987, nachlesen kann.)

Daß im übrigen auch die Verbrecherfiguren des Romans eher an älteren Traditionen als an den nazistischen Vorstellungen von Volksschädlingen und Berufsverbrechern oder gar von rassischer Minderwertigkeit orientiert sind, vermag nach all dem kaum zu verwundern.

Thomas Wörtche, so denke ich (wiederum ohne Belege), müßte diesen Roman als verlogenes Machwerk bezeichnen, das die dem Krimi inhärente Anbindung an soziale Realität mißbraucht, um seinen Lesern die schlechte Fiktion der Propaganda unterzujubeln. Aber da käme mir dann der (gleichfalls eminente) Krimileser Ernst Bloch dazwischen, der mich in der schlechten Fiktion den Traum einer, wenn schon nicht guten und richtigen, so doch besseren Wirklichkeit erkennen läßt. Es kann schließlich keine Frage sein, daß Berndorff und seine polizeilichen Helfershelfer die wirklichen Verhältnisse in den Sipo- und Gestapozellen kannten. Und dieser, für sie ‘realen’ Wirklichkeit setzen sie das Bild einer rechtsstaatlich agierenden Polizei entgegen — schon weil es keine andere propagandataugliche Vorstellung für sie gab. Und das fördert auch den (oder die) rezeptionsnotwendige “willing suspension of disbelief” für die Zeit der Lektüre. Denn auch die Volksgenossen und Volksgenossinnen an den Fronten und der Heimatfront hatten, sei es als Betroffene oder als Zuschauer, inzwischen ihre Erfahrungen mit dem Polizeiterror der Nazis gemacht.

Die Frage bleibt, ob man den Text aus dieser Perspektive noch als Fälschung und seine Lektüre als Eskapismus bezeichnen möchte, auch wenn man ihn keineswegs sympathisch finden muß.

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Ein Kommentar

  1. rem
    Erstellt am 06.04.2008 um 17:35 | Permanent-Link

    welche “ausübung körperlicher gewalt gegen verdächtige oder überführte verbrecher” gab es im dritten reich? der verfasser scheint da kundig zu sein, da er doch den roman als “fälschung” bezeichnet.

    und welche erfahrungen machten die volksgenossen mit dem polizeiterror der nazis?

    die einweisung in ein kl nach verbüßung der haft für berufsverbrecher ist jedenfalls auch heute üblich. man nennt es sicherungsverwahrung.

    und gar so gruslig scheint es dort nicht gewesen zu sein. hat man nicht vor kurzem einen kl-überlebenden aus aktuellem anlaß in das big brother haus geschleift, um den insassen antifa-unterricht zu erteilen – gerade die beliebten migranten lassen in dieser hinsicht ja einiges zu wünschen übrig – und hat er nicht in dieser sendung gesagt, daß er, von der ss vor die wahl gestellt, auf die anrückenden russen zu warten oder mit der ss abzurücken, sich für letzteres entschieden hätte?

    sind menschenrechtsverletzungen in den usa nicht tägliches brot? sitzen nicht laut welt 1 prozent der us-bürger derzeit in us-gefängnissen? inwieweit unterschied sich das dritte reich hier quantitätsmäßig von den heutigen usa?

    haben nicht die kommunisten richard sorge und harro schulze-boysen ein jahrzehnt lang anstellung im staatsdienst gefunden, bis sie als landesverräter enttarnt wurden? schreibt nicht der spiegel-autor heinz höhne, daß die mitglieder der roten kapelle bemerkenswerter weise bei verhören zusammengeklappt sind, ohne gefoltert worden zu sein? und dies im im krieg bei landesverrat. wie ist man da also gegen gewöhnliche verbrecher vorgegangen?

    wo war der terror gegen die volksgenossen?

    oder ist berndorffs buch die realität und der verfasser der fälscher und propagandist?

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