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Ballmanns Erbe (I, H. Rosendorfer)
Ballmann verschwindet
Herbert Rosendorfer (1981): Ballmanns Leiden oder Lehrbuch für Konkursrecht. Roman. München: Nymphenburger.
(Im zweiten Teil: Georg M. Oswald (2007): Vom Geist der Gesetze. Roman. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.)
Am Mittwoch, dem 6. Juni (wohl im Jahr 1978) verschwindet der Vorsitzende Richter am Landgericht Dr. Martin Ballmann aus seinem Reihenhaus und dem Gesichtskreis seiner Familie. Mit seinem Freund, dem wandernden Kelten Kurt Zwergfleisch, genannt Burschi, macht sich Ballmann auf, die “Geheimen Weltenbaumeister” dort zu finden, “wo die Täler aufhören, in denen die letzten Kelten leben”. Seit dem 19. März, dem Tag nach seinem fünfzigsten Geburtstag, war Ballmann seinen Dienstpflichten nicht mehr nachgekommen, obwohl diese für ihn überschaubar geworden waren. Im Jahr darauf wird er von einer Runde aus Justiz- und Ministeriumsjuristen so gut wie für tot erklärt, obwohl seine Frau dazu ihre Mitwirkung verweigert.
Arcimboldo: Der Frühling (I), um 1573 (Schutzumschlag, Quelle hier: www.zeno.org).
Ballmann, alles andere als ein Überflieger, hatte zuvor eine Bilderbuchkarriere bei der bayerischen Justiz gemacht: nach zwei ordentlich absolvierten Staatsexamina hatte er Richter- und Staatsanwaltsstellen inne, er war für kurze Zeit auch für NS-Ermittlungen zuständig, was in den sechziger Jahren durchaus Beförderungspunkte einbringen konnte. Damit mag zusammenhängen, daß er verhältnismäßig jung zum Vorsitzenden Richter einer Zivilkammer am Landgericht avancierte. Damit hatte er sich offenbar noch nicht am Ende seiner Laufbahn gesehen. Außerhalb seiner Dienstzeiten hatte er an Manuskript eines “Lehrbuchs zum Konkursrecht” gearbeitet. Seine Bewerbung auf eine Richterstelle am Obersten Landesgericht wurde jedoch zugunsten eines im Dienstalter jüngeren, aber dafür der Regierungspartei angehörenden Kollegen abgelehnt: Diese Kränkung wird ihm als Motiv für sein absonderliches Verhalten unsterstellt, das den Kollegen nicht nur den gewohnten Arbeitsablauf durcheinanderbringt, sondern auch als Selbstzerstörung erscheint.
Doch für Ballmann scheint die Reise zu den Weltenbaumeistern (über deren Ausgang man nichts erfährt) erstrebenswerter als das tägliche Kleinarbeiten von Wirklichkeiten zu justizförmigen Sachverhalten, das nur noch abgelöst wird von der Darstellungspflichten des Oberhaupts einer Familie, die dafür weder Interesse noch Bedarf zeigt. Erst, als er sein Studio im Dachgeschoß des Reihenhauses nicht mehr verläßt, erregt er bei der Familie (wie bei den Kollegen) milde Aufmerksamkeit; während im Landgericht die Arbeit liegen bleibt und die Richter der Kammer den Ausfall des Vorsitzenden kompensieren müssen, breitet sich im Haus der säuerliche Geruch aus, der entsteht, wenn sich jemand auch der Körperpflege entzieht. Ballmanns Verwandlung läßt ihn seiner Umgebung als “ein absonderliches Insekt” erscheinen, das nur dank der beamtenrechtlichen Fortschritte auch in seinem reduzierten Zustand weiterhin zum Familieneinkommen beiträgt.
Ballmann nimmt seine Verwandlung nicht mit Schrecken zur Kenntnis, obwohl ihre Ursachen im fremd bleiben; er hat auch nicht zu fürchten, daß die Familie ihn letztlich würde totschlagen müssen. Die Verschiebung seiner Realitätskonzeption (die im Arcimboldo-Bild des Schutzumschlags einen Ausdruck findet) bedeutet ihm Befreiung, so daß die Beobachtung seiner ‘Erkrankung’ nicht ihm, sondern der Justiz die Diagnose stellt. Das banale, alltägliche Funktionieren der Justiz erscheint selbstdestruktiv und macht aus den vermeintlichen Akteuren haufenweise ‘Kretins’ und ‘Beamtenärsche’, die mit der Justizwirklichkeit, die sie Tag für Tag (nach innen wie nach außen) produzieren, Persönlichkeitsabweichungen entwickeln, die nicht als harmlose Schrullen, sondern als Symptome angesehen werden müssen.
Mit dem Kafka-Zitat deutet sich an, daß Rosendorfers Roman zur Justiz, zur Literatur und zu den Verbindungen von Justiz und Literatur ein emphatisches Verhältnis unterhält. (Man sollte, auch mit Blick auf Oswalds Justiz-und-Medien-Roman, daran erinnern, daß Rosendorfer ein höchst versatiler Autor ist, der auch populäre TV-Formate wie Polizeiinspektion 1 oder Tatort bedient hat. Andererseits hat er sich auch aus literar- und justizhistorischer Sicht mit der Crème deutschen ‘Dichterjuristen’ befaßt, mit E. T. A. Hoffmann, Eichendorff, Kafka.)
Das Personal in Rosendorfers Roman kennt nur zwei Möglichkeiten, sich gegen die Déformation profesionelle zu behaupten: die der (kunstgestützten) Distanzierung auf eine Position überlegener Reflexion (die freilich Unabhängigkeit auch im materiellen Sinne voraussetzt: Oberstaatsanwalt Dr. F. ist das Beispiel), oder die der Querulanz, mit der die Justiz von innen heraus sachverhaltsmäßig so lange kleingearbeitet wird, bis sie entnervt auf- und ihr Opfer freigibt (nicht umsonst heißt die Richterfigur, an der dies im Text durchexerziert wird, “Himmelreich”). Beide Auswege bleiben Ballmann versperrt; bei aller Sympathie, die der Text für seine Hauptfigur entwickelt: Ballmann ist weder klug noch mutig genug, um sich im System gegen das System behaupten zu können. Bei all dem bleibt die Justiz abgeschlossen, ihre Akteure sind zugleich ihre Täter und ihre Opfer. Demgegenüber bilden die Rechtssuchenden, die Angeklagten, die Normalbürger ephemere Erscheinungen, die zumeist gesichts- und geschichtenlos auftauchen und nach kurzer Zeit wieder verweinden.
Ballmanns Lebens- und Berufsgeschichte setzt sich aus einer Reihe von Anekdoten zusammen, deren Funktion vom Ende her klar wird: Sie sind das narrative Überlebenselement der Justiz, das bei Ballmann schließlich nicht mehr verfängt. Jeder, der einmal mit einem Justizjuristen gesprochen hat, weiß, daß in den Justizanekdoten das Komplexitätsgefälle zwischen der Wirklichkeit der Justiz und der ‘wirklichen’ Wirklichkeit angezeigt und gleichzeitig bearbeitet wird — wobei der Standort darüber entscheidet, wo höhere, wo geringere Komplexität angenommen wird. Die Anekdotik bietet gleichsam eine Bühne, auf der Selbstreflexion sozial zulässig ist und als ungefährlich erscheint. Doch sobald Ballmann zur Erkenntnis gelangt, insgesamt in einer Welt zu leben, die allein um seinetwillen inszeniert wird, bricht der Anekdotenfluß ab und an seine Stelle treten die Erzählungen Burschis aus seiner keltischen Vergangenheit und ihren Lebenszusammenhängen, in denen unablässig Selbstbehauptung dargestellt wird.
Anders als Gregor Samsa (1915) kann sich Ballmann aus seinem Insektendasein (dem Funktionieren in beruflichen und familiären Zwängen) befreien, insofern entgeht er, indem er verschwindet, seinem Tod. Dazu verhilft ihm die Lektüre in Hofmannsthals ‘Briefen des Zurückgekehrten’ (1907/08) — ein weiterer Referenztext, der die Normativik von Wirklichkeitskonzeptionen reflektiert. Ballmanns Schicksal wird zum literarischen Exempel, mit dem sich Rosendorfers Text an die Justiz richtet, der die Literatur als Überlebensmittel dargereicht wird. Wir übrigen Leser sind, wie die Rechtssuchenden im Text, auf die Zuseherrolle reduziert. Wir dürfen uns mit einer weiteren Anekdote amüsieren, einmischen sollen, können wir uns nicht.
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