Mariana Valverde: Law and Order: Images, Meanings, Myths. New Brunswick, N.J.: Rutgers UP 2006.
Frau Valverde ist Professorin am Centre of Criminology und “Director of the Undergraduate Programme in Sexual Diversity Studies” der University of Toronto. Ihr Buch ist aus den Grundkursen für angehende Kriminologen hervorgegangen und es macht geradezu Lust ein derartiges fächerübergreifendes Seminarprogramm zu gestalten, das sich sowohl an angehende Literatur- und Medienwissenschaftler als auch an Kriminologen richten müßte. Aber wenn man die Programme der einschlägigen Institute und Fakultäten hierorts ansieht, dann scheint dafür kein Bedarf zu bestehen. Doch das Buch eignet sich auch zum Selbststudium. Ich kann es empfehlen, auch wenn ich an manchen Stellen andere Schwerpunkte setzen würde.
Im Einleitungskapitel geht es um das Eingemachte: “Why do politicians, the media and the public appear to be deaf to researchers’ facts” (S. 1). In der Tat: die kriminologische Kritik an der ‘punitiven’ Kriminalpolitik und an einer ebenso orientierten Medienberichterstattung findet kaum Gehör, Strafverfolgung soll nicht nur in den angelsächsischen Ländern ‘tough on crime’ sein und eben auch Bedürfnisse nach Vergeltung bedienen. Die Kriminalpolitik folgt dem Grundsatz ‘mehr vom Gleichen’ (mehr Straftatbestände, härtere Strafen, schnellere U-Haft) und sichert sich damit den öffentlichen Beifall, der gegen die Fragen nach der Effizienz immunisiert. Ein Beispiel: Deutsche Innenpolitiker fordern, das Jugendstrafrecht zurückzudrängen und für ‘heranwachsende’ (achtzehn- bis fünfundzwanzigjährige) Straftäter gleich ganz abzuschaffen. Wollte man in diesen Diskussionen die “facts” berücksichtigen, wäre man gleich beim Zweifel, ob derartige Erhöhungen der Strafdrohungen Auswirkungen auf das Verhalten der anvisierten Bevölkerungsgruppe (im wesentlichen eben junge Männer) haben können. Der Aufwand, der für die Vergeltung getrieben wird, hat allenfalls marginalen Nutzen im Hinblick auf die Kriminalitätsbelastung (wer im Knast sitzt, kann in dieser Zeit, selbst wenn er es wollte, weder schwarzfahren noch einbrechen).
Sind also Politiker und Meinungsmacher schlicht beratungsresistent: blöd geboren und unwillig dazuzulernen? Damit macht man sich’s zu einfach und führt genau das herbei, was man dann beklagt. Die Kriminologie muß/müßte sich, so Frau Valverde, auf die politischen und medialen Perspektiven einlassen. Dazu muß sie lernen (und nicht nur beklagen), daß populäre Repräsentionen von Verbrechen, Recht und Ordnung nicht so sehr kognitive als vielmehr emotionale Bedürfnisse ansprechen (und hervorbringen).
Auch dafür ein Beispiel aus der Nähe: Wenn ich beim Zappen auf das 3. TV-Programm des NDR und dort auf einen Polizeibericht gerate, dann stutze ich regelmäßig, weil ich mich beim Anblick der hamburger Polizeiuniformen kurzfristig in eine (fiktionale) US-Großstadtserie versetzt fühle: dunkelblaue Blousons, die besondere Form der Kopfbedeckung, die Waffe am Gürtel usw.
An der Quelle für das Bild erfährt man mehr darüber, unverkennbar ist der Anschluß an die Blue Religion, an das emotional aufgeladene Bild, das die Medien von amerikanischen Großstadtpolizeien vermitteln. Dabei ist die Symbolik der Bekleidung nicht ohne Ambivalenz, denn mit der Uniform kommt auch die Kehrseite in den Blick mit den zahlreichen Darstellungen, in denen die Polizei als gewalttätig und korrupt erscheint. Aber genau die Mischung macht’s: Vertrauen und Angst sollen der Polizei entgegengebracht werden.
Valverdes Buch hat mit der Einleitung neun Kapitel:
Zwei davon geben einen Überblick über die semiotischen “basics” und stellen das Werkzeug bereit. Das vierte Kapitel handelt über “the mutual constitution of cops and robbers” in wissenschaftlichen — soziologischen, anthropologischen — Kontexten seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, während das fünfte Kapitel den Wissens- und Deutungsaustausch mit der Literatur behandelt (insbes. Poe und Conan Doyle). Das sechste Kapitel thematisiert den Wandel der medialen Ordnungsrepräsentationen zwischen dem “Hard-Boiled Detective” der Zwischenkriegszeit und der “Pre-Crime Unit” (in Spielbergs Minority Report) des ausgehenden 20. Jahrhunderts; das siebte rekonstruiert den Zusammenhang zwischen dem Aufstieg des psychopathischen Serienkiller und dem Untergang des Wohlfahrtsstaates.
Literatur- und filmhistorisch bewegt sich Valverde auf den schon gebahnten Wegen — das ist für den Grundkurs vermutlich sowenig ein Nachteil wie der Widerspruch, den manche ihrer Interpretationen (bei mir) hervorrufen. Mit dem achten Kapitel kommt das Buch auf Repräsentationen von Ordnung zurück, die den Alltag bestimmen, nämlich auf die Geschichte und die Gegenwart städtebaulicher Präventionskonzeptionen. Im neunten Kapitel schließlich wird die Funktion beleuchtet, die bildliche Darstellungen von Verbrechen (Opfer, Tatorte usw.) im Strafprozeß haben (können oder sollen).
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2 Kommentare
Sehen Sie,
dafür liebe ich den englischsprachigen Buchmarkt. Das Buch gibt es bei Amazon in vier verschiedenen Fassungen und einen Preis von 17,99 € für TB halte ich für günstig [dafür bekomme ich noch nicht 'mal mikrobiologische Basislektüre].
Beste Grüße
bernd
das hängt aber auch mit der Zielgruppe (Grundkurs) zusammen und verspricht dem Verlag zwar keine großen, aber berechenbare Einnahmen über einen längeren Zeitraum, während der Preis von geisteswissenschaftlichen Fachbüchern (hierorts) meist auf den Bibliotheksmarkt abgestimmt wird, und das sind, meiner Erfahrung nach, so um die 300 Expl., die der Kalkulation zugrunde gelegt werden müssen; 1000 bis 1200 Expl. (für eine vieldiskutierte Habil-Schrift) sind als Erfolg zu werten, was darüber geht, darf als Wunder gelten.
Und weil ich grad dabei bin: Eva Horns lesenswerte Habil-Arbeit “Der geheime Krieg. Verrat, Spionage und moderne Fiktion” ist als Originalausgabe beim Fischer-TB-Verlag erschienen (Nr. 17707) — zu sensationellen 14,95.
Grüße: JL