Reinhard Mey wird heute fünfundsechzig — das wäre mir nicht aufgefallen, hätte ich nicht vor einigen Tagen einen Artikel über den Garten gelesen, den sich Agatha Christie und Max Mallowan in den dreißiger und vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts angelegt haben (Ursula Friedrich im Tagesspiegel am 16.12.2007).
Jedenfalls zeigte Mey 1972 mit “Der Mörder ist immer der Gärtner” ausgesprochenen Spürsinn für ein Krimi-Thema, das allem Anschein nach unter der Aufmerksamkeitsschwelle von Krimi-Experten liegt (Meys Text kann man z. B. hier unter den Oberbegriffen Moritat/Bänkelsang finden): Man braucht sich nur die Inhaltsangaben der Kommissar-Folgen anzusehen, die um 1970 erstausgestrahlt wurden.1
Läßt man sich einmal (von Mey) infizieren, dann kann man sich der Fundstellen in der Genre-Literatur der letzten 150 Jahre kaum erwehren: Gärten, in denen züchtige Frauen jäten und tüchtige Hilfskräfte mähen, Gartenzäune, die das Diesseits der Ordnung vom jenseitigen Chaos scheiden (Raabes “Rote Schanze” güßt), Gärtner, die dem Ermittler mit weisen Ratschlägen zu Seite stehen, während sie die wilden Triebe beschneiden. Denn selbstverständlich bleibt der melodramatische Topos2 vom Bösen nicht verschont: Gärten müssen ständig überwacht und gepflegt werden. Und selbst dann kann man nie sicher sein, daß die gothischen Ungeheuer nicht in einer Ecke überleben und sich bei erster Gelegenheit wieder zeigen.
Aber es ist nicht das erste Mal, daß ich das Thema zu lancieren versuche (s. z. B. zu Kaffkes Schmidtmann oder zu Nabbs Guarnaccia).
Reinhard Mey sei jedenfalls herzlich beglückwünscht!
PS: und wie’s der Teufel will, wird just das “Gartenhistorische Forschungskolloquium 2008” angekündigt (via H-Soz-u-Kult).
PPS: “Early in THE REDBREAST (Harper/HarperCollins, $24.95), an elegant and complex thriller by the Norwegian musician, economist and crime writer Jo Nesbo, an old man who has just received a death sentence from his doctor goes into the palace gardens in Oslo and kills an ancient oak tree. “Yes!” you think. “What a terrible act, but what wonderful symbolism!” And you’ll be amazed when, hundreds of pages later, the real reason for the aboricide is revealed, along with the answers to other seemingly minor mysteries (including the significance of the title) that figure in the novel’s ingenious design” (Marilyn Stasio in der New York Times, 23.12.2007).
- Sucht man bei Amazon (UK/US) nach Mystery/Thriller-Titeln mit “Garden“, dann erhält man 285 Treffer (mit allen Mehrfachnennungen), die Suche nach deutschsprachigen Titeln (“Garten“) bringt immer noch 25 Treffer. Sucht man bei Watching the Detectives nach dem Stichwort “Garten” , dann weden zwar gut sechzig Einträge angezeigt, von denen aber kaum einer (um nicht zu sagen keiner) Garten, Gärtner und Gartenarbeit als Krimi-Thema aufgreift. Aber das soll sich jetzt ja ändern. [↩]
- Grundlegend: Peter Brooks, The Melodramatic Imagination. Balzac, Henry James, Melodrama, and the Mode of Excess, New Haven and London: Yale University Press 1976. [↩]
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2 Kommentare
Danke, lieber JL, für die Aufklärung. Die Bedeutung Reinhard Meys für die Theorie der Kriminalliteratur war mir bis jetzt unbekannt. Dass sich im Metapherngarten der Gartenmetapher herrlich wildern und assoziieren lässt, liegt auf der Hand, wenn man die Ursprünge der KL betrachtet. Ordnen, wiederherstellen, das Ausrotten von Ungeziefer, das Erzeugen eines harmonischen Ganzen – das trifft ja bis heute für eine bestimmte Form der KL immer noch zu. Indes: Man kann auch den Bock zum Gärtner machen, dann sieht die Sache schon anders, geradezu “noir” aus. Und dass beim Umgraben des Gartens dort auch so manche Leiche bequem versteckt werden kann, kommt hinzu. Wir bleiben am Thema.
bye
dpr
Das, lieber dpr, traue ich R. Mey schon zu, daß er 1972 den Bock im Gärtner erkannt hat und wußte, wo Kellers Leichen stecken. Um im ersten Bild zu bleiben: ich freue mich, daß das Thema auf fruchtbaren Boden gefallen ist.
Beste Grüße!