Besessen vom “Tätermenschen” (Peter Landerl)

“Immer schon hatte ich mich leidenschaftlich für Kriminalfälle interessiert” (S. 29), sagt Jakob über sich selbst und Johannes bestätigt: “Als Kind verschlang er mehrere Krimis in der Woche. Später hat er Bücher über Aufsehen erregende Kriminalfälle gelesen” (S. 77. Man sollte das einmal untersuchen: Literarische Texte, in denen Krimilektüre als kindliches, defizitäres Verhalten charakterisiert wird.) Doch weiter im vorliegenden Text:

“‘Aber man muss doch zugrunde gehen, wenn man sich mit solchen Wahnsinnigen beschäftigt’, sagte ich [d. i. Johannes]. ‘Schön ist das nicht, aber ich kann nicht anders. Die Seele ist tief und schwarz. Ich muss verstehen, warum jemand so etwas macht. Ich komme einfach nicht los von Tätermenschen’” (S. 91 f.).

Peter Landerl: Dunkle Gestalten. Weitra: Bibliothek der Provinz 2007.

Die literarisch-fiktionale Rekonstruktion eines Kriminalfalles aus den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist in Landerls Roman nicht Selbstzweck, auch nicht bloß Anlaß, das Panorama einer ‘grauen’ Zeit in der österreichischen Provinz zu entwerfen (s. die Rez. von Peter Röckl ). Der Roman handelt vielmehr (und nicht umsonst im Rücken seiner Protagonisten) von den Funktionen, die der Gewalt in ihren symbolischen Repräsentationen zugeschrieben werden können. Er nötigt zur Reflexion der Opfer- und Täterrollen, die im medialen Kontinuum von fiktionalen und faktualen Darstellungen mit Bedeutungen aufgeladen werden.

Zwei Ich-Erzähler konstituieren den Text: Jakob berichtet von der Reise in seinen Heimatort Sierning (bei Steyr) an’s Sterbebett seines Onkels, während Johannes1 in dazwischengeschalteten Passagen (die zudem kursiv abgesetzt sind) von einem früheren Besuch bei Jakob in Straßburg erzählt. Johannes war indiskret genug, Jakobs ‘Geheimnis’ aufzudecken, das darin besteht, daß er als Aufseher in einem Museum arbeitet und nicht etwa als Dolmetscher und Übersetzer bei einer der EU-Institutionen.

Jakob stellt sich als traumatisierter Sohn eines alkoholabhängigen und gewalttätigen Vaters dar, von dem er sich (wie es das Lehrbuch will) auch nach dessen Tod nicht lösen konnte. Er ist voller Selbstmitleid, ein geschwätziger Erzähler, der die Welt für schlecht hält und die Eltern für sein wenig geglücktes Leben verantwortlich macht. Haß und die Wut auf den Vater und die schwache Mutter sind, wenn man den Darstellungen der beiden Erzähler vertraut, nur zu berechtigt, und im Prinzip wäre Jakob der ideale Kandidat für eine Killerkarriere nach dem Motto ‘Killed Person Kills Persons’ (Mark Seltzer): Die Opfererfahrungen der Kindheit machen den Erwachsenen zum Täter, die Gewalt des Sohnes ist eine mimetische Reaktion auf die Gewalt des Vaters.2 Die Furcht vor dieser Entwicklung kann man dem zurückgezogenen und ritualisierten Alltagsvollzug Jakobs ablesen sowie den wenigen Ausbrüchen, die er seinem Haß und der mit ihm verbundenen Gewaltbereitschaft gestattet.3

Doch es scheint sich ihm ein Ausweg aus der Verstrickung mit der (Symbolik der) erfahrenen Gewalt zu eröffnen. Er kann seine Leseerfahrungen aktivieren und selbst zum Autor werden, der aus Texten über einen Sensationsfall einen neuen Text produziert, in dem er seine Kindheitserfahrungen aufgehoben werden. Im Haus des Onkels fällt ihm ein Zeitungsbericht über den Fall Engleder in die Hände, den “Mörder mit dem Maurerfäustel “, der in der Mitte der fünfziger Jahre, noch vor Jakobs Geburt, die Gegend um Steyr unsicher gemacht hatte. Jakobs Recherchen in der Wiener Nationalbibliothek fördern nicht nur den Sensationsfall des mehrfachen Mörders und Vergewaltigers Engleder zutage, sondern auch eine Selbstbeschreibung der österreichischen Gesellschaft der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts.

Der Roman besteht zu einem wesentlichen Teil aus Zitaten, er collagiert Zeitungsberichte und Kommentare.4 Erst im Deutungsprozeß, der dem Täter seinen Ort (bzw. Un-Ort) zuweist, wird der Gewalttäter zum Außenseiter. Dabei sind die Zitate durchgängig selbst von Aggressivität gekennzeichnet, die sich sowohl gegen den Verbrecher richtet als auch gegen den Staat, der seine Schutzfunktionen nicht erfüllt, und die Gesellschaft, deren Wertewandel und Demoralisierung das Verbrechen zuläßt. Doch betrifft dies nur die öffentlich sichtbare Gewalt, die von dem unterschieden wird, was im abgeschlossenen Raum der Familie geschieht. Hier werden die Opfer produziert, die selbst noch daran mitwirken, daß ihre Erfahrungen unerkannt bleiben. Nur so ist die Selbstreproduktion der familiären Gewaltverhältnisse jenseits allen gesellschaftlichen Wandels möglich — und noch die Familie der Schwester Jakobs ist davon gekennzeichnet.

Jakobs ‘Flucht’ aus dem unmittelbaren familiären Umfeld unterbricht die unmittelbare Reproduktionskette um den Preis der Neurose, die sich in der obsessiven Beschäftigung mit symbolischen Repräsentationen von Gewalt, Tod und Trauma äußert. Obwohl sein Spektrum von der alltäglichen Kriminalberichterstattung über die Spuren, die im Stadbild aufzufinden sind, bis zur ‘hohen Kunst’ reicht, bleibt Jakob doch im Dogma der Abbildung stecken. Im alltäglichen Lebensvollzug, den er ritualisiert und auf wenige Begegnungen beschränkt, wird die Angst davor sichtbar, daß die väterliche Gewalt bei ihm zum Durchbruch kommen könnte. Ikonen des Nicht-Verstehens wie Armin Meiwes (der “Kannibale von Rothenburg”) und Bertrand Cantat (der Lyriker von Noir Désir) markieren auch die Grenzen von Jakobs Einsichts- und Reflexionsfähigkeit. Er bleibt sich selbst ein Rätsel, das sich auch durch die Autorschaft nicht löst.

Damit bleibt der Leser den eigenen Erfahrungen überlassen: Der regelmäßige Hype um literarische Texte, in denen alte Kriminalfälle ausgegraben werden (mit ihren alten Leichen und bekannten oder unbekannten Tätern) wird zum Ausdruck des kollektiven Dilemmas. Jeder weiß, daß er Mitglied einer Gesellschaft ist, die sich nach Abbildungs- und Seriengesetzen reproduziert. Also benennt die Gewalt, die beim Anderen identifiziert wird, stets auch die eigene Gefährdung, zum Täter (und nicht nur zum Opfer) zu werden. Die obsessive Beschäftigung mit Identifizierung der Gewalt und ihrer Symbolik macht uns zu einer neurotischen Gemeinschaft: das ist in diesen Tagen mit Händen zu greifen.

Daß dem nicht so leicht zu entkommen ist, deutet sich im letzen Absatz des Textes von Landerl an. Jakob spricht:

“Ich schaute in den Himmel, in die Wolken, hätte am liebsten die Arme ausgestreckt, hätte mich am liebsten wie ein Kreisel gedreht, bis mir schwindelig geworden und ich niedergefallen wäre. Stattdessen steckte ich die Hände in die Hosentaschen, drehte mich um und ging zurück Richtung Ausgang” (S. 157).

Dem ist der letzte Satz des Ich-Erzählers Patrick Bateman entgegenzuhalten: “THIS IS NOT AN EXIT” — und in der Tat gibt es seitdem Wiederbegegnungen mit Bateman, für die Leser in Glamorama, für den Autor in Lunar Park. Bateman ist so gut ein Repräsentant des Imaginär-Realen wie Jack the Ripper seit 120 Jahren das Real-Imaginäre vertritt. Zusammen markieren sie den Kern der Neurose, die Landerls Jakob exemplifiziert. (Insofern ist es auch folgerichtig und lobenswert, wenn ein Auslober seinen Krimipreis als “Ripper Award ” bezeichnet.)

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  1. Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus … []
  2. Vgl. dazu nur Norbert Horsts Todesmuster, 2005. []
  3. Er versucht beispielsweise die Beerdigung der Eltern zum grotesken Tribunal über den Vater zu machen, doch er dringt auch mit der Verletzung der Konventionen nicht durch. []
  4. Über deren Authentizität hier nichts gesagt werden kann []

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