Moderne Menschen, Moderne Medien, Moderne Verbrechen

Otto Soyka: Das Experiment . Roman. (2. Aufl. in der Reihe ‘Lutz’ Kriminal- und Detektivromane’, Bd. 121) Stuttgart: Lutz 1924.

Ich vermute, daß die erste Auflage des Textes (die in keinem Bibliothekskatalog erscheint) noch vor 1914 als Fortsetzungsroman in einer Zeitschrift oder einer Illustrierten veröffentlicht wurde.

Verbrechen und Verbrecher sind die Produkte der Medien, die über sie berichten: Diese These könnte man so gut aus Luhmanns “Realität der Massenmedien” (1996) wie aus E. A. Poes “The Mystery of Marie Rôget” (1842/43, 1845) beziehen. Absonderlich ist es also nicht, daß sich Otto Soykas Romane des Medienthemas annehmen. Ohnehin zeichnet sich die (fiktionale) Kriminalliteratur als Medium der Kriminalitätsproduktion durch eine Neigung zur Selbstreflexion aus, die auch den Umweg über die (nicht selten kritische) Darstellung der Konkurrenzmedien nimmt. Während in Soykas Das Glück der Edith Hilge (1913/1924) der Polizist seine Aufgabe im Verfassen von Romanen sieht, in denen er — vergeblich — die Wahrheit über das zu lösende Verbrechensrätsel zu finden hofft, wird im Experiment die Information (und Desinformation) des Publikums durch die Berichterstattung zum Thema.

Gleich im ersten Kapitel des Romans werden die unterschiedlichen Bedeutungen von ‘Medium’ so ineinandergeschüttelt, daß ein gemeinsamer Deutungskern entsteht. Medien verschaffen ‘Zugang’ und vermitteln Koexistenzen. Die Anwesenheit von Abwesendem wird durch die Illusion von Abbildung erzeugt: Don Mario, der Hellseher, der die Vergangenheiten und die Zukünfte seiner zahlenden Klienten aufzudecken verspricht, macht sich durch eine Reklamekampagne, die selbst Sensation macht, in der Stadt bekannt: er verschafft sich durch (das Steuerungsmedium) Geld Zugang zu einer breiten Öffentlichkeit, nur um die Zahl der tatsächlich angenommenen Wissbegierigen durch exorbitante Honorarforderungen, zu begrenzen. Doch Don Mario ist ein Betrüger, der (wiederum mit Geld) Einblick in die Archive mit dem Wissen über die in Frage kommenden Persönlichkeiten bekommtt und auf diese Weise so perfekte Vergangenheitskenntnisse zeigen kann, daß seine Zukunftsprognosen, wenn sie überhaupt noch erwünscht sind, nicht in Frage gestellt werden. Don Mario sagt, kurz bevor er entlarvt wird: “Ein einheitliches Kunstwerk ist jedes Menschen Schicksal” (S. 20). Und indem er entlarvt wird, verliert Don Mario die Macht, die ihm durch Geld, Skrupellosigkeit und Intelligenz zugewachsen ist. Sie geht auf den über, der ihn entlarvt – und der sie dann verbraucht.

Der Sachverhalt des Kriminalfalls, der Soykas Text antreibt, ist in der Szene enthalten, die unter “Visuelle Evidenz ” zitiert wurde. Versteht sich, daß der Ermittlertraum – Täter, Opfer und Tatmittel im Moment der Tat konserviert – ein Traum bleibt. Die Vor-Gänge, die zu dem Tableau geführt haben, werden nach und nach aufgedeckt (das heißt: sie erhalten Bedeutungen, die dem ersten Augenschein widersprechen). Doch der letzte Beweis für die eigene Unschuld wird vom vermeintlichen Täter geliefert, der sich dafür selbst opfert. Die Erfindung, um die es geht (und die auch zerstört wird), sollte ihrerseits Zugang zu Macht und Geld verschaffen, und zwar auf wahrhaft grundstürzende Art und Weise (für SF-Fans: den beiden Wissenschaftlern ist es gelungen, Knallgas gezielt und dosiert für die Energieversorgung und zum Ersatz der endlichen fossilen Quellen nutzbar zu machen …).

Doch zunächst sieht es so aus, als könnte der Verdächtige trotz seines Schweigens zum Tod verurteilt werden. Man kennt zwar seine Motive nicht, doch man kann spekulieren, ob er den Professor aus menschenfreundlichen Gründen an der Verwertung der Erfindung hindern wollte, ob er gar die Menschheit vor sich selbst retten wollte, oder ob es sich um eine triviale Dreiecksgeschichte handelt. ‘Modern’ wäre das Verbrechen allemal, da es im Kontext moderner Wissenschaft und modernen Erfindungsgeistes begangen wird – und einen Täter hätte, der diese Modernität reflektieren konnte.

Leßner, der vermeintliche Mörder, gehört einem Freundeskreis junger Männer an, die gemeinsam unterschiedliche Aspekte der Modernität verkörpern, ihr gegenüber aber einen Reflexionsstandpunkt einnehmen, von dem aus das ‘Heute’ als Durchgangsstadium zu einer Zukunft begriffen werden kann, die der vorausschauendem Einfluß zugänglich ist. So wird der Versuch, Leßner vor der Todesstrafe zu retten und vom Mordvorwurf zu befreien zu einem zweiten, einem sozialen Experiment. Bei diesem Experiment geht es nicht um Schuld oder Unschuld und die juristische Verarbeitung, sondern darum, “den Lauf der Dinge” zu ändern (S. 65). Während Leßner die wissenschaftlich-technische Zukunft repräsentiert, steht Dr. Arent für den Zugriff auf das Massenbewußtsein und eine aus Psychologie und Medizin entwickelten Suggestionstechnologie. Bei Reming schließlich, der über nahezu unbegrenzte Geldmittel verfügt, kommen diese Perspektiven zusammen und formen seinen Handlungsansatz.((An dieser Stelle müßte man auf die Unterschiede im Verhältnis von Modernität und Moral in Edith Hilge eingehen. Laß ich aber.))

Remings Strategie ist auf den ersten Blick plausibel und sie scheint auch aufzugehen. Sie zielt auf die ‘Volksjustiz’ und nutzt die Suggestibilität der Massen, um die zwölf Geschworenen schon vor dem Verfahren davon zu überzeugen, daß Leßner kein Verbrechermensch, sondern ein moralisch hochstehender Menschenfreund ist, der, was immer er getan haben mag, keinesfalls schuldig gesprochen werden darf. (Die Analogie zu Don Marios Verfahren ist offenkundig: Remnigs Kampagne nimmt auf die gesamte Öffentlichkeit in den Blick, aus der die Geschworenen dann ausgewählt werden. Massensuggestion ist insofern immer Suggestion durch die Masse der Suggestierten/Suggestiblen.)

Literarhistorisch gesehen zieht Reming die Lehren aus Poes Literarisierung des Falles Rogers : Er verfügt mit Dr. Arent selbst über einen Leser, der — wie Poes Dupin — damit vertraut ist, daß weder Texte noch (konservierte) Tatorte feste Bedeutungen haben. Und er hat den Einfall, Dupins Lesestrategie zu einer Leumundskampagne für seinen Freund umzubauen, die allein auf die Glaubwürdigkeit setzt, die durch nachdrücklich-wiederholte Berichterstattung entsteht. (Zeitungen und Reklame gehören zusammen.)

Doch im Endeffekt scheitert Remnig und zieht sich ins beschauliche Landleben zurück: Seine Strategie der Massenbeeinflussung (aus Dupins hermeneutisch-probabilistischer Theorie der Massenmedien) rechnet nicht damit, daß sie auch den Verdächtigen erreichen muß. Doch der, abgeschlossen in seiner Zelle, rekonstruiert seinen eigenen Fall so, daß der konservierte Tatort als bedachte Inszenierung des Opfers kenntlich wird, in der er ihm die Rollen des Opfers und des Sündenbocks zugedacht waren. Um dies endültig zu beweisen, muß Leßner sich selbst opfern und nimmt dabei auch gleich noch die Knallgaserfindung mit.

Man kann’s auch so sehen: moderne Menschen und moderne Verbrechen (und moderne Medien) bilden einen Überbau, der die alten Konfliktmotoren (Macht, Geschlechterverhältnis, Generationendifferenzen) nicht verdrängen kann – und insofern auch nicht die individuelle Moral. Das Fazit ist (nicht nur) für Remnig ernüchternd.

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