Statistisch gesehen repräsentiert Josef Kalteis die Ausnahme, literarisch dagegen folgt er der Regel, wenn er seine Mordopfer außerhalb sucht und so das Risiko bezeichnet, das Frauen eingehen, die sich aus den Räumen entfernen, in denen sie geschützt und kontrolliert sind. Wer nachts nach einem Rendezvous noch die ganze Stadt durchquert, um nach Hause zu kommen, wer sich einen freien Tag in Starnberg machen will, um den Konflikten mit den Eltern zu entkommen, der begibt sich in Gefahr. Wer schließlich, wie Kathi, halb freiwillig und halb gezwungen vom Dorf in die Stadt zieht, muß wissen, was zu erwarten ist, wenn man die Abhängigkeiten vom gewalttätigen Vater tauscht gegen die Abhängigkeit von den Männern schlechthin. Die träumerische Naivität, mit der sie ihren Unglücksweg geht, zieht alle Lesersympathien auf Kathi, doch darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie sich freiwillig exponiert. Aber wer wollte es ihr verdenken (auch nur nach der Lektüre der Romane von Lena Christ), daß sie die Stelle als ‘Kuchelmensch’, die ihr angeboten wird, ablehnt und statt im Dienstbotengelaß mit wechselnden Männerbekanntschaften beim Soller im Tal übernachtet.
Kathi ist das exemplarische Opfer. Bei aller Unschuld ist sie auch verantwortlich. Speziell mit ihr baut Schenkels Text auf die mediale Tradition, in der die Serienkillerfiguren nicht nur das monströs Böse verkörpern, sondern auch als Vollstrecker von Disziplinierungswünschen fungieren. Kathi und Kalteis gehören insofern zusammen wie der Ripper und seine Opfer. Ihnen sicherte nicht der gewaltsame Tod an sich das ‘Überleben’ im kollektiven Gedächtnis, sondern allein, daß sie (bzw. ihre Körper) Material für den unbekannt bleibenden Mörders geworden waren –
– “the deaths of such women inspire little outrage from the society that consigns them to oblivion anyway”.1
In dem aufschlußreichen, aber auch unappetitlichen ‘Death Row Interview’, das Stephen Michaud und Hugh Aynesworth mit Ted Bundy gemacht haben, gibt es eine Stelle, an der Bundy über die Bedingungen räsonniert, unter denen ‘multiple homicides’ insbesondere an Frauen begangen werden:
“We’re seeing greater and greater opportunity for this kind of behavior to manifest itself—continuing right on down through the family, continuing right down to morals, increased cultural liberating… “do your own thing” kind of atmosphere. Greater mobility is a factor, too. Certainly, greater chaos on the social level. And economically. You see lots more kids on the run, on the move. /Women’s liberation is another extraordinarily interesting thing, because women have a great deal more freedom to move here and there. They are no longer stuck in their homes. They are not watched over. It seems that it is happening in a geometric fashion. The more they expose themselves as victims to this potential behavior. / The more you erode traditional means of conditioning people to behave in certain ways, the more kinds of individuals are going to be exposed—who have this kind of weakness. They are going to be more successful more rapidly at it because they are going to have many more prospective victims. / The police are becoming less and less capable of detecting this kind of behavior, because you have this great body of young people on the move. You can listen to any television program talking about how we’ve got so many missing teenagers we don’t know what to do. And that’s going to increase all the time”.
Bundy rezitiert die Kernpunkte konservativer Klagen über Werteverfall und den Bindungsverlust der traditionellen Institutionen und dient sich indirekt2 als Vollstrecker an, der diejenigen aufhält, die ‘on the move’ sind und so den generellen Eindruck von Ordnungs- und Orientierungslosigkeit vermitteln.3 Bundy stilisiert sich zum rettenden Krieger, der dem Kontrollverlust des Staates über die Gesellschaft Einhalt gebieten kann: “I suppose in an all-out war of some kind or even a strategic war would calm society down and tighten it up. Increase traditional forms of control or authority. Decrease anonymity, decrease mobility”.4
Als mediale Ikone des Serienmords tritt schon Ted Bundy die Nachfolge Jack the Rippers an. Von Anfang an steckt die Ambivalenz im Bild des Serienmörders, der als das ultimative Monster dargestellt wird, und doch gleichzeitig die öffentlichen Räume von den Bedrohungen freihält, über die die Polizei keine Macht hat. Der Serienmörder übt die Autorität aus, die in den Diskursen angemahnt wird und gleichzeitig als aufgegeben erscheint. Im Fall von Fritz Haarmann kam genau dies mehrfach zur Sprache: Theodor Lessing machte Skandal,5 als er auf die ambivalenten Beziehungen zwischen Haarmann und der Polizei hinwies, während der seinerzeitige Hannoveraner Polizeipräsident die Mordopfer einer ‘moralisch minderwertigen’ Schicht zuordnete.6
Kein Wunder, daß die Nazimachthaber, die sonst jede Gelegenheit nutzten, ihre Ordnungsmacht ins rechte Licht zu rücken, mit der Verhaftung und der Verurteilung des Kalteis-Vorbilds Eichhorn sowenig Aufsehen erregen wollten wie mit Bruno Lüdke und Paul Ogorzow. Wenn man der Polizei die Peinlichkeit der öffentlichen Darstellung ihres Mißerfolges ersparen wollte, dann heißt das auch, daß öffentliche Gewalt, die jenseits der Gesetze operierte, nur von den zuständigen Stellen ausgehen sollte. Mit ihren Serienmördern schaffte sich die Polizei des ‘Dritten Reiches’ in aller Stille die Konkurrenz vom Hals. Und da liegt für mich eines der Probleme von Kalteis: Der historische Kontext wird in der Fiktionalisierung des Falles Eichhorn nicht vollständig verschwiegen, aber er wird durch das traditionelle Serienkillerbild gleichsam normalisiert und zivilisiert.
- Arthur M. Saltzman: Beholding Paul West and The Women of Whitechapel. In: Twentieth Century Literature 40, no. 2 (Summer 1994), S. 256–271, hier S. 263. [↩]
- Denn er spricht über einen hypothetischen Serienmörder, nicht etwa direkt über sich selbst. [↩]
- Nicht umsonst verweist James Dobson, der Gründer von Focus on the Family bis heute auf sein angeblich ‘letztes Interview‘ mit Bundy. [↩]
- Zitate aus Stephen G. Michaud and Hugh Aynesworth: Ted Bundy: Conversations with a Killer. The Death Row Interviews. Updated Edition of the New York Times Bestseller with foreword by Robert H. Keppel, Ph. D. President, Institute of Forensics. Irving, TX: Authorlink Press 2000, p. 120-122. [↩]
- Theodor Lessing: Haarmann. Die Geschichte eines Werwolfs. (Außenseiter der Gesellschaft. Die Verbrechen der Gegenwart. Hg. von Rudolf Leonhard, Bd. 6) Berlin: Verlag Die Schmiede 1925. [↩]
- Vgl. dazu Thomas Kailer: Die Stadt und der Mörder. Der ‘Fall Haarmann’ aus sozial- und kulturhistorischer Perspektive” (Vortrag gehalten vor dem Historischen Verein für Niedersachsen am 27. Januar 2005, Http://www.thomaskailer.de/haarmann01.pdf. [↩]
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