Ripperology (IV)

“‘Wie mag ein solcher Mensch wie dieser G. sich wohl selbst sehen ?’ fragte die Frau und sprach — in Nachdenken versunken, fast nur wie für sich allein — weiter. ‘Er verführt Kinder, er verleitet junge Frauen, sich selbst zu schänden; und dann steht er da und Iächelt und starrt gebannt auf das bißchen Erotik, das irgendwo wie in schwacher Schein in ihm wetterleuchtet. Glaubst du, daß er unrecht zu handeln meint?’ ‘Ob er es meint? . . . Vielleicht; vielleicht nicht,’ antwortete der Mann, «vielleicht darf man bei solchen Gefühlen gar nicht so fragen.”Ich glaube aber,’ sagte die Frau, und jetzt zeigte sich darin, daß sie gar nicht von diesem einen zufälligen Menschen sprach, sondern von irgend etwas Bestimmtem, das für sie bereits hinter ihm dämerte, ‘ich glaube, er meint gut zu handeln.’

Die Gedanken liefen nun eine Weile lautlos Seite an Seite, dann tauchten sie – weit draußen – in den Worten wieder auf; es war trotzdem, als hielten sie einander noch schweigend bei den Händen und wäre schon alles gesagt. ‘. . . er tut seinen Opfern schlecht, weh, er muß wissen, daß er sie demoralisiert, ihre Sinnlichkeit verstört und in eine Bewegung bringt, die nie mehr an einem Ziel wird ruhen können; . . und dennoch, es ist, als ob man ihn dabei lächeln sähe, . . . ganz weich und bleich im Gesicht, ganz wehmütig und doch entschlossen, voll Zärtlichkeit; . . mit einem Lächeln, das voll Zärtlichkeit über ihm und seinem Opfer schwebt, . . wie ein Regentag über dem Land, der Himmel schickt ihn, es ist nicht zu fassen, in seiner Wehmut liegt alle Entschuldigung, in dem Fühlen, mit dem er die Zerstörung begleitet… Ist nicht jedes Gehirn etwas Einsames und Alleiniges? …’

‘Ja, ist nicht jedes Gehirn etwas Einsames?’ Diese beiden Menschen, die jetzt wieder schwiegen, dachten gemeinsam an jenen Dritten, Unbekannten, an diesen einen von den vielen Dritten, als ob sie miteinander durch eine Landschaft gingen: . . . Bäume, Wiesen, ein Himmel und plötzlich ein Nichtwissen, warum alles hier blau und dort voll Wolken ist; . . sie fühlten alle diese Dritten um sich stehen, wie jene große Kugel, die uns einschließt und uns manchmal fremd und gläsern ansieht und frieren macht, wenn der Flug eines Vogels eine unverständlich taumelnde Linie in sie hineinritzt. Es war in dem abendlichen Zimmer mit einemmal ein kaltes, weites, mittaghelles Alleinsein.

Da sagte einer von ihnen, und es war, wie wenn man leise eine Geige anstriche: ‘… er ist wie ein Haus mit verschlossenen Türen. In ihm ist, was er getan hat, vielleicht wie eine weiche Musik, aber wer kann sie hören? Es würde durch sie vielleicht alles zu sanfter Wehmut …’

Und der andere antwortete: ‘. . . vielleicht ist er immer wieder mit tastenden Händen durch sich gegangen, um ein Tor zu finden, und steht endlich still und legt nur mehr sein Gesicht an die verdichteten Scheiben und sieht von fern die geliebten Opfer und lächelt . . . .’

Sonst sprachen sie nichts, aber in ihrem selig verschlungenen Schweigen klang es höher und weiter. ‘… Nur dieses Lächeln holt sie ein und schwebt über ihnen und noch aus der zuckenden Häßlichkeit ihrer verblutenden Gebärden flicht es einen dünnstengligen Strauß . . . Und zögert zärtlich, ob sie ihn fühlen, und läßt ihn fallen und steigt entschlossen, von dem Geheimnis seines Alleinseins mit bebenden Flügeln getragen, wie ein fremdes Tier in die Wunder volle Leere des Raums.’”

Aus Robert Musil: “Die Vollendung der Liebe” [1911 in Vereinigungen. Zwei Erzählungen]. Zit. nach R. M.: Prosa und Stücke. Kleine Prosa. Aphorismen. Autobiographisches. (Gesammelte Werke I) Hg. von Adolf Frisé. Reinbek: Rowohlt 1983, S. 156-193, hier S. 157 f.

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