Herrschaft im eigenen Haus (Soykas Wirtschaftskrimi)

Otto Soyka: Käufer der Ehre. Roman. Leipzig: Ernst Keil’s Nachfolger (August Scherl) 1922.

Die Gründung einer Bank ist (nicht erst Brecht zufolge) ihrer Beraubung vorzuziehen. Andererseits macht das Fälschen von Büchern zum Zwecke des Abzockens der Konkurrenten im eigenen Milieu einen (kriminal-)literarischen Plot nicht eben anmutungsreich (sieht man einmal vom selbstreflexiven Dreh der Bücherfälschung ab). Es ist nicht verwunderlich, daß in Soykas Roman zwar viel geredet und noch mehr reflektiert, aber kaum im kriminalliterarischen Sinne gehandelt wird. Gestorben jedenfalls wird in diesem Roman auf natürliche Art und Weise, an Krankheiten und am Lebensüberdruß. Aber der Held (der eigentlich ein Anti-Held ist) wird am Ende vor Gericht und ins Gefängnis gebracht, und zwar unter Mithilfe eines Polizeibeamten, der geradezu idealtypisch die väterliche Ordnung repräsentiert und insofern mit dem ‘eigentlichen’ (und versagenden) Vater konkurriert.

Wenn man sich an das Jahr der Erstveröffentlichung unter dem Titel Das Herbarium der Ehre erinnert, an 1911 also, dann sind die Themen, die im Roman verhandelt werden, keineswegs absonderlich. Und auch die Verweigerung von Action läßt sich leicht in die verschiedenen Lektüreperspektiven integrieren (wobei der Leser seinen detektorischen Eifer eher auf die zeitgenössischen Diskurse als auf die historischen Realitäten richten sollte):

Im Hintergrund stehen die Probleme, aber auch der Ennui einer Gesellschaft, die angesichts ihrer inneren Widersprüche und Wachtstumsprobleme immer mehr nach ‘gewaltigen’ Auswegen sucht. Weder im Börsenspiel noch in der Orientierung an überkommenen Vorstellugen von ‘Ehre’ (und den dazugehörigen ‘Ehrenhändeln’) findet man Erfüllung, so daß mit dem imaginierten ‘großen Krach’, der kommen muß, Faszination und die Vorstellung von Befreiung verbunden wird. (Immer unter dem Aspekt, daß man die eigene Haut schon werde retten können.)

Dabei spielen Entzauberung und Entmythisierung der Vaterfigur(en) eine wesentliche Rolle, wobei freilich die Söhne, ob sie nun erfolgreich sind oder nicht, stets auch die eigene Existenz auf’s Spiel setzen müssen (Kafkas Urteilserzählung wird 1913 erscheinen).

Man darf auch nicht vergessen, daß die Freudsche Kränkung erst zehn Jahre zurückliegt. Nicht nur Vergangenheit verändert sich für das Ich, das nicht mehr Herr im eigenen Haus sein darf, sondern auch die jeweilige Gegenwart des Handelns, das von latenten Abhängigkeiten bestimmt wird: das Ich als Marionette, die nur handeln kann, so lange sie die Fädenzieher nicht wahrnimmt.

Und schließlich die Parallelisierung von Kunst und Verbrechen, von Verbrechen und einer Urheberschaft, die sich immer noch autonom setzt und doch von den vorhandenen Bildern, Diskursen abhängig ist: der Ripper von 1888 gehört insofern ins Bild und ist als ein Narrativ für die Orientierung der Leser ganz unverzichtbar.

Im übrigen beschränke ich mich für den Augenblick auf eine kurze Inhaltsparaphrase:

Alfred Weglehner ist neunzehn Jahre alt und eigentlich kurz davor, in die väterliche Firma einzusteigen, als er sich Knall auf Fall in eine junge Frau verliebt, die ihn um Geld bittet, mit dem sie ihre kranke Mutter und ihre ebenfalls siechende jüngere Schwester unterstützen will. Freilich: für eine nachhaltige Sanierung der nach dem Tod des Vaters1 verelendeten Restfamilie wären 20.000 Mark vonnöten, die auch der Sohn des reichen Unternehmers Weglehner in Rotenfeld nicht ohne weiteres auftreiben kann. Das mütterliche Erbe wird ihm erst mit der Volljährigkeit zugänglich, der Vater lehnt schlankerhand jede Vorauszahlung ab, Geschäftsfreunde des Vaters bieten ihm allenfalls einige hundert Mark an, verbunden mit dem guten Rat, sich von dergleichen Wohltätigkeitsmarotten in Zukunft fernzuhalten, schließlich wären sexuelle Bedürfnisse wesentlich billiger zu befriedigen. Kurzum: Es kommt zum Bruch zwischen Vater und Sohn. Alfred Weglehner wandert in die USA aus, macht dort sein finanzielles Glück und kehrt zehn Jahre später nach Rotenfeld zurück – bestens situiert und allem Anschein nach glücklich verheiratet mit der Tochter eines amerikanischen Nabob2 Er tritt jetzt als Geschäftsführer neben seinem Bruder Ewald in die väterliche Firma ein und entwickelt unmittelbar hochfliegende ökonomische Aktivitäten, die durch den sagenhaften Reichtum seines Schwiegervaters mehr als gedeckt erscheinen.

Alfred Weglehner gründet eine Bank, vorgeblich, um die wirtschaftliche Entwicklung seiner Heimatstadt auf eine breitere Basis zu stellen und die breiten Schichten der Arbeiter und des Mittelstandes am Fortschritt teilhaben zu lassen. Versteht sich, daß dies nur Fassade ist; doch Weglehner geht es nicht um die eigene Bereicherung (er verspielt im Gegenteil zum eigenen noch das ganze familiäre Vermögen). Sein Ziel ist die Entehrung der Mächtigen und Reichen – letztlich aber die Demontage des Vaters. Weglehner bringt alle bedeutenden Männer der Stadt dazu, sich an seiner Gründung zu beteiligen, alle versprechen sich Profit und Mehrung ihres symbolischen Kapitals. Dabei beruhen seine Versprechungen auf falschen Zahlen und buchhalterischen Fälschungen, zu denen sich die Mitarbeiter der väterlichen Firma leicht bereitfinden, die aber einem aufmerksamen Blick nicht entgehen könnten. Doch die Aussicht auf Gewinn läßt kaufmännische Vorsicht wie kaufmännische Ehrenhaftigkeit in den Hintergrund treten – und genau dies ist Weglehners Ziel: die Vernichtung des symbolichen Kapitels – die Entehrung der herrschenden Schicht seiner Heimatstadt. Der Plan gelingt – soweit er überhaupt gelingen kann. Auf dem Höhepunkt einer Vertrauenskrise, die seine Geschäftspartner noch meistern wollen, und kurz vor seiner Verhaftung stellt sich Weglehner selbst der Strafverfolgungsbehörde und deckt seine Fälschungen auf. Daß er das er das eingesammelte Geld zu wohltätigen Zwecken verwendet hat, macht den finanziellen Schaden für seine Partner irreversibel, während ihre Beteiligungen im Strafverfahren gegen Weglehner öffentlich werden müssen, doch das ist nicht mehr Gegenstand der Erzählung (vgl. die Schlußbemerkung in Soykas Roman).

Weglehner tritt seine Strafe als Geläuterter an; bevor er sich selbst zur Anzeige bringt, hat er noch eine Begegnung mit der Frau, der seine erste, unerfüllbare Liebe galt. Sie hat sich den Zwängen, denen sie ausgesetzt war (und die bis zu der von Wegelehners Vater arrangierten Heirat gingen), gestellt und sie in ein modellhaftes Familienleben verwandelt. Die Umorientierung, die bei ihrem Mann erst nach Jahren der geduldigen Erziehung abgeschlossen werden konnte, trifft Alfred Weglehner als Epiphanie einer heiligen Familie, die den Einfluß des eigenen Vaters (der insofern das böse Prinzip vertritt) endgültig zerstört. Doch ehe er dieses Ende inszeniert, richtet der Roman ein ironisches Licht auf die Funktionen der Literatur bei der Erziehung des Menschengeschlechts:

Jetzt könnte es erst interessant werden …

  1. Einem Ingenieur, der sich Erfindungen zur Energiegewinnung beschäftigt hatte: das Perpetuum Mobile war schon immer das beste Mittel, Familien ins Elend stürzen zu lassen. []
  2. Die an Imma Spoelmann aus Thomas Manns Königliche Hoheit, 1909, erinnert, aber alles andere als deren Wohltätigkeit entfaltet. []

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