Ripperology (V)

Ernst Weiß: Hodin [Erzählung], 1923. Hatten wir hier schon, können wir weiterhin gebrauchen.

Hier ein Auszug:

“Bei der letzten, das heißt bei der nur geplanten und begonnenen, nicht aber vollzogenen Tat, die Hodin in belebter Gegend, in früherer Abendstunde ins Werk zu setzen suchte, war er ergriffen worden. Auch hier hätte der bis dorthin immer vom Glück wunderbar Begünstigte noch Zeit zur Flucht gehabt. Aber seine Hände, die sich um den Hals seines Opfers spannten, konnten sich nicht befreien, nicht lösen, nicht entwirren.

Dieses Opfer, ein älterer, menschenfremd hausender Privatmann, war auf wunderbare Weise dem sicheren Verderben, welches ein früheres Opfer Hodins augenblicklich nach dem tödlichen Gurgelgriff ereilt hatte, dadurch entgangen, daß er sich durch einfaches Verstecken rettete. Während der andere der würgenden Hand durch Aufbäumen, durch atemraubendes Hilferufen oder durch törichte Fluchtversuche und aussichtsloses Stampfen mit den Beinen, auf denen der riesige Mörder dann nur um so unerschütterlicherwuchtete, zu entkommen suchte, hatte der Privatmann seinen schmalen und fischartig glatten Kopf nur so tief als möglich in den offenen Halskragen versenkt, wobei der Kopf unter dem aschen-farbenen Gesträhn von Hodins Bart fast verschwand. Denn der Privatmann mußte irgendwie begriffen haben, dieser wie jeder andere Mörder, der von tierischem Mordinstinkt mehr als von menschlicher Logik geleitet würde, hätte nur den einen möglichen Griff, und mißlänge dieser durch einen nicht vorauszusehenden Zufall, dann sei alles hilflos an ihm und nicht mehr tierisch sicher, sondern nur tierisch blind.

In diesem Bestreben preßte das Opfer sein hakenförmiges, bartloses, unsauberes Kinn, ohne einen Ton von sich zu lassen und ohne ein Atom, einen Hauch des in diesen Sekunden so sehr kostbaren Atems preiszugeben, hinab an sein Brustbein. Dem Mörder blieb in Händen bloß der ebenfalls recht unsaubere, struppig bewachsene, aber von Schweiß triefende und schlüpfrige Scheitel des Opfers, umrahmt von einem mürben, an den Rändern vergilbten Halskragen, der nach dem vor zwanzig Jahren modern gewesenen Modell Gigi geschnitten war; alles war umrauscht und umwallt von dem riesenhaften Bart Hodins.”

Diesen Kragen würgte Hodin, indem er, selbst laut keuchend und tief Atem einholend, dessen Enden übereinanderschlug und in einen Knoten verknüpfte, während das Haupt des Opfers mit dem schlüpfrigen Scheitel immer tiefer in den Schlitz des Hemdes versank und ihm so vollends entglitt.

Jetzt drang aus dem breiten, wie geschliffenen Munde des Opfers unter dem feuchten Hemde Lachen und kicherndes Schreien in langen Zügen hervor, aller noch immer drohenden Gefahr ungeachtet. Zum ersten Male verlor der herkulisch gebaute, völlig gefühllose, von Gott wie vom Satan zum Morde bestimmte Verbrecher alle Kraft zum Entscheidenden.”

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