Moritat (Gottfried Keller)

Gottfried Keller:

Ballade
vom jungen Mörder Haube

Unheilschwanger sind die Lüfte,
Und es naht ein graues Weh;
Denn es sproßten Macbeths Taten
In der Unschuld weißem Schnee!

Gab es wohl ein sanftres Wesen,
Als ein Schneiderlehrling bot?
Einer ist jedoch erstanden,
Der schlug seinen Meister tot.

Seinen großen, starken Meister,
Der im Bette friedlich schlief;
Als der Morgen graute, hieb er
In die grauen Locken tief.

Weckte mordend so den Meister,
Der schlaftrunken mit ihm rang;
Und mit dem graunvoll Erwachten
Rang der Knirps, bis es gelang,

Bis der Stärkre sank zu Boden.
Dieses tat der kleine Held,
Und der Kobold such sogleich
Nach des Toten Gut und Geld.

Blutbedeckt von Kopf zu Füßen,
Triefend auch vom eignen Blut,
Späht der Wicht nun unverweilet
Nach des Toten teurem Gut.

All die friedlichen Gelasse,
Laden, Schränke malt er rot
Mit der Hand, dem roten Pinsel,
Bis dem Aug der Raub sich bot.

Schließt behutsam alle Türen,
Wäscht sich von der Tünche rein,
Wechselt das Gewand und schnüret
Endlich sich das Bündelein.

Und dasselbe unterm Arme,
Tritt er hastig aus dem Haus,
Atmet keck die Morgenlüfte,
Schaut nach allen Winden aus.

Freiheit hat er nun und Schätze,
Und der junge Tag bricht an;
Eben hat der Zuckerbäcker
Seinen Laden aufgetan.

Und wie einer, der besitzet
Und befiehlt, tritt jener ein,
Läßt begehrlich seine Blicke
Schweifen über Glas und Schrein.

Läßt das reiche Füllhorn stürzen,
Marzipan rollt und Tragant,
Füllet schwelgerisch die Taschen
Mit dem bunten Allerhand.

Spielet mit den süßen Dingern
Jetzo auf der Eisenbahn,
Welche ihn nach Hamburg führet
Und zum großen Meer hinan.

Blickt neugierig wie ein Wiesel
Aus dem Wagen in das Feld,
Ahnet hinter jedem Busche
Des Kolumbus neue Welt.

Doch die Kunde seiner Untat
Ist in Hamburg längst bekannt
Durch den Telegraph; am Bahnhof
Harrt Senator und Sergeant.

Harrt der ehrwürdge Senator,
Welcher Polizeichef ist
Und die menschenkundgen Worte
Nunmehr tief und ernst ermißt.

Sieh, da schießt der Eisendrache
Zischend, dampfumhüllt heran,
Einen dunklen Menschenknäuel
Speit er brüllend auf den Plan.

Aus dem Knäuel spinnt behende
Sich der kleine Mann heraus;
Mit dem Bündelchen im Arme
Sieht er ganz gewöhnlich aus.

Eben schmilzt ihm auf der Zunge
Ein Bonbon von Gerstensaft –
“Söhnchen mein, wo ist dein Meister?”
Tönt es, und sein Knie erschlafft.

Jenes sprach mit sanfter Stimme
Der Senator. “O mein Gott!
Wißt ihr denn, daß er erschlagen?
Ja, den Meister schlug ich tot!”

Weil ihm jede Einsicht mangelt
In den blitzeschwangern Draht,
Glaubt er fest, daß Gott der Rächer
Selbst hier eingegriffen hat.

“Hat dein Meister dich beleidigt
Oder Übles dir getan?”
“Nein”, sagt er und starrt zum Himmel
Und starrt rings die Menschen an.

Offnen Mundes, staunend läßt er
Fesseln seine Mörderhand.
Seltsam war es, als in dieser
Man ein Herz aus Zucker fand.

(Zit. nach SW 15.2, Bern 1949, S. 100-103. Im Kommentar, S. 233: “Schauerballade, die in einen Kreis ähnlicher Motive gehört. [...] Der alte Keller schrieb über die Handschrift: Berliner Mordgeschichte von 1852. Versuch solcher Tagesgräuel, California-Curiosa, Schiffsuntergänge etc. zusammen zu stellen, aber wegen Trivialität unterlassen”.)

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