“Mir leuchtet nicht ein, warum die Tatsache, dass der London Ripper die Medien anregte und anregt und sein mediales Bild ein Eigenleben begann, so anders sein soll, als das was mit geschichtlichen Ereignissen vor und nach ihm geschah und geschieht. Was hindert zukünftige Preisgeber daran einen Krimipreis für Spionagekrimis nach Adolf Eichmann zu benennen, dessen Gefangennahme durch die Israelis mit dem anschließender Prozess und seiner medialen Aufarbeiten eine gewisse Analogie zur der medialen ‘Bearbeitung’ des London Rippers aufweist” (Internationale Krimis).
Und in englischer Sprache, damit kein Mißverständnis aufkommen kann:
“So can we expect that the next time they look for an name for a spy novel award they will chose Adolf Eichmann?” (Crime always pays).
Man kann gegen einen der hierorts vergebenen Krimipreise polemisieren, schon gar, wenn er als “Ripper-Award” bezeichnet werden möchte. Aber andere als die Grenzen des guten Geschmacks werden überschritten, wenn man in diesem, genau in diesem Kontext auf Adolf Eichmann zu sprechen kommt.
Ich zweifle, daß ich mich Herrn Dr. Kochanowski verständlich machen kann, aber ich will es trotzdem noch einmal versuchen:
Die fünf schrecklich zugerichteten Frauenleichen, die im Herbst 1888 im Londoner Stadteil Whitechapel gefunden wurden, verweisen auf ein ebenso schreckliches Mordgeschehen, egal welche Hintergründe es gehabt haben mag. Aber man mißachtet die Opfer dieses Geschehens nicht, wenn man vermutet, daß sie heute, hätte die Polizei seinerzeit den oder die Täter gefaßt, allenfalls noch für Kriminalitäts- oder Medienhistoriker Erinnerungs- und Fußnotenwert hätten. Schon der Vergleich mit Haarmann oder Kürten würde bei Experten und bei Liebhabern des Massen- und Serienmordes Kopfschütteln hervorrufen. Lediglich das Fehlen eines Tätergesichts gibt diesen Leichen ihre spezifische Anmutungsqualität.
Wenn man Eichmann in dieses Erinnerungsspiel bringt, dann wertet man den oder die Whitechapel-Täter nicht etwa auf, sondern Eichmann ab: Man stellt diesen in den Horizont eines zwar schrecklichen, aber kriminalitätshistorisch keineswegs ungewöhnlichen Geschehens. Schlimmer kann ich mir die Verharmlosung des Juden- und Völkermords nicht vorstellen: Eichmann als Ripper — das scheint mir die ultimative Entlastung sowohl Eichmanns selbst, als auch derer zu sein, auf die er sich verlassen konnte. Da hilft es auch nichts mehr, wenn man von ‘gewissen Analogien’ spricht. Und mit Krimi oder Krimipreisen hat das nur dann noch etwas zu tun, wenn man sich absichtlich gegen die Unterschiede von Literatur und Geschichte sowie von Geschichte und Kriminalitätsgeschichte blind macht.
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