Tannöd: Autopsie (Rohschnitte)

Manchmal hilft es mir, einen Text zu zerlegen. Da ich Tannöd für verschiedene Projekte einspannen will, versuche ich dies einmal blogöffentlich zu machen, voraussichtlich in mehreren Fortsetzungen. Absichtliche oder zufällige Besucher sind aufgefordert, sich über die Kommentarfunktion mit Kritik, Ergänzungen etc. zu melden. Zum Korrigieren und Vervollständigen hab’ ich im Augenblick weder Lust noch Zeit.

Andrea Maria Schenkel. Tannöd. Kriminalroman. Hamburg: Edition Nautilus, EA Januar 2006, 10. Auflage März 2007.

Tannöd verzichtet auf eine explizite Ermittlerfigur. Das allein würde nicht ausreichen, dem Text die besondere Aufmerksamkeit zu sichern, die der Devianz auch dann gilt, wenn sie in der (ihrerseits sozialen) Ordnung eines Genres auftritt. Doch das Fehlen der Ermittlerfigur verweist in Tannöd auf eine andere Leerstelle: Der Text kennt (anders als sein Nachfolger Kalteis) auch keine Konzeption für Spuren und Indizien. ‘Locards Prinzip’, dem zufolge ein Verbrechen ohne Spuren undenkbar ist, und das im Zusammenhang mit der Genre-Geschichte kriminalistische und literarische Popularität erlangte (wie gleich der erste einschlägige Google-Treffer weiß, aber s. auch Locard’s Principle).

Die Abwesenheit einer ‘Spuren-Theorie’ macht nicht etwa, wie es in manchen Rezensionen zu Tannöd hieß, ‘den Leser zum Ermittler’, mindestens nicht im literarisch-kriminalistischen Sinn des Whodunnit. Aber dies macht den Text selbst zum Spurenträger, der – dann doch – detektorisches Lesen belohnt, indem er ihm seine literarische Herkunft freilegt und sich als Collagierung überkommener Darstellungs- und Deutungsmuster zu erkennen gibt. Tannöd erweist sich, worin man sein Verdienst sehen kann, als Stereotypenspeicher. Deshalb können die Leichen im Text unter Anteilnahme der Öffentlichkeit beerdigt werden, ohne daß die Spuren der vorangegangen Gewalt, die sie doch tragen müssen, je gesichert worden wären. Und die Spitzhacke, mit der die Leichen produziert wurden, wird umstandslos zu einer Art Dingsymbol für die Gewalt im bäuerlichen Raum, ohne daß sie je auf Fingerabdrücke oder Blut- und Geweberückstände untersucht worden wäre.

Aber wenn schon im Text keine Spurensicherung und und keine Spurendeutung vorgenommen wird, so kann man dies doch am Text machen. Allfällige Folgerungen stehen buchstäblich auf einem anderen Blatt (aber s. dazu schon den Eintrag, der auf Poes Dupin verweist).

Kurzum: Tannöd weicht von einer der zentralen und nachhaltig wirksamsten Genre-Regeln ab, wo er die die literarisch-kriminalistischen Routinen des Indizienparadigmas verweigert und sich statt dessen ganz auf die divinatorischen Kräfte der Erzählinstanz(en) verläßt. Gerade im Kontext zeitgenössischer Krimi-Produktion scheint mir dies eine bemerkenswerte Entscheidung zu sein.

Paratextuelle Aspekte

Mein Expl. ist auf der äußeren ersten Umschlagseite mit einem Sticker versehen, der auf den 1. Platz beim Deutschen “Krimi Preis” [sic!] hinweist, außerdem wird der Text hier als “Krimi” bezeichnet.

Klappentext: man müßte ihn insgesamt zitieren, im ersten Satz wird vom “Mordhof” gesprochen, im zweiten eine “ganze Familie” mit der “Spitzhacke erschlagen”. Es folgt ein rezeptionsästhetischer Abschnitt über die Spannung, die entstehe, wenn man dem Mörder (von dem “jede Spur” fehle1) “bei seinen alltäglichen Verrichtungen, ohne seine Identität zu kennen” beobachten könne”: Das Rätsel, das der Text in den Abschnitten [3], [12], [15] und [17] stellt (s. u. zum Discours), wird hier partiell schon gelöst, die “spannende Unruhe” ansatzweise in jene Ruhe verwandelt, die sich vollständig jedoch “erst [auf]löst, wenn das Mosaik komplett ist”. Der Hinweis auf die Autorin und erneut den deutschen Krimipreis von 2007 ist mit einem Bild komplettiert, das hier nicht weiter kommentiert werden soll, weil es zu klein ausgefallen ist, um die versammelten Zeichen mehr als nur erahnen zu lassen.

Impressum: Die Zitate aus der “Litanei zum Troste der armen Seelen” werden nachgewiesen: Myrtenkranz! Ein geistlicher Brautführer und Andachtsbuch für die christliche Frau. Kevelaer 1922.2 Außerdem: “Mit besonderem Dank an Peter Leuschner”, der die gerichtsnotorischen Sachbücher zum Fall Hinterkaifeck verfaßt hat.

In der Verlagswerbung nach Textschluß figurieren u. a. Bücher von Léo Malet und Doris Gercke. Die hintere Umschlagsseite enthält Blurbs aus Rezensionen des Deutschlandfunks und von Frau Elke Heidenreich, außerdem eine Variante des Klappentexts, in der auf den “authentischen Fall” als Grundlage hingewiesen wird. Außerdem wird dem Rezipienten ein Plotvorschlag gemacht, der wiederum die ‘Lösung’ enthält. “Der Leser wird Zeuge des Verbrechens [...] und begleitet jeden Schritt des Mörders, ohne dessen Identität zu kennen. Schließlich entfalten sich die traumatischen Beziehungen innerhalb der Dorfgemeinschaft, die dazu führten, dass einer von ihnen grausam Rache nahm”. ‘Trauma’ und ‘Gemeinschaft’ sind bemerkenswerte Stichworte, die den Klappentextleser auf die Spur verbreiteter Deutungsmuster3 für Verbrechen führen.

Präsentation (Discours)

… das ‘Wie’ des Erzählens4

Der Text präsentiert sich in 43 Abschnitten, deren Umfang zwischen einer Seite und etwa fünf Seiten variiert. Sieben dieser Abschnitte bestehen aus kursiv gesetzten Zitaten aus der “Litanei zum Troste der Armen Seelen”, die Teil der katholischen Sterbe- bzw. Begräbnisliturgie ist.5 Ein einziger, nämlich der erste Abschnitt, ist einer Ich-Stimme zugeordnet und begründet die Recherchesituation im “Morddorf”.6 Der große Rest des Textes besteht aus siebzehn ‘Aussage’- oder. ‘Interview-Protokollen’, die als Überschrift jeweils Namen, Alter und Stellung der aussagenden Personen tragen. Hinzu kommen achtzehn erzählende Darstellungen, bei denen anstelle einer Überschrift jeweils die ersten zwei oder drei Wörter durch Fettsatz hervorgehoben sind. Die drei strukturbildenden Erzählsituationen (Zitate, Protokolle, Erzählsequenzen) sind noch jeweils durch ein zweites, und zwar ein typographisches Merkmal gekennzeichnet: die Litaneisequenzen werden durch einen hellgrauen senkrechten Balken am Seitenbeginn angekündigt, bei den Interview-Protokollen ist dieser Balken stärker eingefärbt, während die Einschaltungen des Erzählers bzw. des Ichs im ersten Abschnitt durch einen schwarzen Balken angezeigt werden.

Schon durch diese Art der Präsentation vermittelt der Text den Eindruck eines ausgeprägten Ordnungswillens, der durch die (halbrahmende) Anbindung an einen Ich-Erzähler als oberste Instanz noch verstärkt wird. Insbesondere die typographische Betonung läßt an eine Arbeitssituation denken, an einen Schreibtisch etwa, auf dem Arbeitsabläufe und Aktenablagen durch Ein- und Ausgangskörbchen und mit getrennten Stapeln für Erledigtes und Zu-Bearbeitendes präfiguriert sind, so daß eine Ordnung entsteht, deren Ästhetik auf die innere Verfassung des Arbeitenden verweisen soll. Durch die doppelte Bezeichnung der Textordnung entsteht aber auch der Eindruck von Zwanghaftigkeit, mit der die Abwehr von Chaos betrieben werden soll.7 Die Fragmentierung, die vor allem durch das Nebeneinander der Aussagen entsteht, wird durch das recherchierende, formulierende und beglaubigende Ich gleichsam aufgehoben und in einen Ordnungsrahmen eingespannt, der in den erzählend-deutenden Sequenzen ausdrückt wird und sich bewähren muß. Das Gegen- und Übereinander von Fragmentierung und Ordnung führt freilich auch zu Konstruktionsproblemen im Text.

Im folgenden werden die einzelnen Textabschnitte, in denen der Plot konstituiert wird, kurz charakterisiert. Dabei werden die Interview-Abschnitte und die erzählenden Abschnitte getrennt aufgeführt, aber zur Erleichterung wurden Numerierungen hinzugefügt, so daß man sich – etwa per Cut-and-Paste – eine Tabelle herstellen könnte, mit der der Erzählverlauf abgebildet wird. Selbstverständlich können diese Kondensate nur Teileindrücke liefern.

Interviews:

[4]: die Schülerin Betty, die darüber berichtet, daß sie seine Freundin Marianne in der Kirche und in der Schule vermißt habe; [7]: Babette Kirchmaier, Pensionistin, über die Magd Marie; [9] die Schwester Maries, über deren Arbeitsantritt auf dem Danner-Hof und den Eindruck, den dieser gemacht hat; [13]: der Lehrer über das Fehlen Mariannes und seine Untätigkeit; [14]: der Postschaffner darüber, daß und warum er bei seinen Gängen zum Hof nichts bemerken konnte; [15]: die Aussage des Monteurs, der seine Arbeit auf dem Hof verrichtete, ohne Kontakt zu dessen Bewohnern zu bekommen, weitere Wahrnehmungen; [18]: Betty Sterzer darüber, daß die Nachbarn aufmerksam werden; [21] Georg Hauer über seine (angeblich) letzte Begegnung mit Danner, über verdächtige Wahrnehmungen und Waffen, über die ‘Sache mit Barbara’; [25]: Hansl Hauer wird zum Haus geschickt, das Vieh brüllt, ihm ist unheimlich, er alarmiert die Nachbarn; [26] Johann Sterzer über das Auffinden der Leichen, das Verhalten Georg Hauers dabei; [27] Alois Huber über das Auffinden der Leichen, Reflexion über die Kriegszeit und das Furchtbare; [30] Maria Sterzer über Fremdarbeiter auf dem Hof, mögliche Täterschaft; [31] der Bürgermeister über die Vergangenheit; [33] Anna Hierl über die Verhältnisse auf dem Hof, über ‘Mich’, aber auch über den Inzest und über Hauer; [35] die Kramerin als Volkesstimme; [37] die Pfarrersköchin über das Ausrotten; [38] der Pfarrer über die Demoralisierung durch den Krieg, über den Besuch Barbaras bei ihm.

Die Ordnung dieser Aussagen ist nicht weiter problematisch und letztlich am Ermittlungsmuster orientiert: Zunächst wird Abwesenheit in der Öffentlichkeit (Marianne Danner in der Schule, die Danner-Familie auf ihrem Hof) thematisiert, dann die Anwesenheit des Mordopfers Marie am Tatort motiviert (als Zufall des ‘normalen’ Lebens). Dann die Aufmerksamkeit, die Abwesenheit in der Umwelt erregt und die in die Dramatisierung des Leichenfundes übergeht. Schließlich die Deutungsversuche, die das Geschehen in die Ordnung überführen wollen und dabei Ursachen und Funktionen der Ausrottung thematisieren und die fiktionale Lösung verfehlen (allerdings im Sinne des ‘near miss’).

Erzählinstanz:

[1]: Ich, Recherchesituation; [3]: Arbeit auf dem Hof (der Täter am Morgen, das Vieh muß nach der Tat versorgt werden); [5]: Marianne im Bett, nächtliche Alpträume, die Geschichten, die den Kindern erziehungshalber erzählt werden; sie steht auf, geht zum Stadel: die Zeit des Mordes; [8]: Zwei Frauen auf dem Weg zum Danner-Hof (offenkundig Marie und ihre Schwester); [10]: Maries erster Tag auf dem Hof: der Blick auf die Familie; [12]: Das Morgenritual des Dannerbauern; [15]: Arbeit auf dem Hof (der Täter am Abend); [17]: Der Täter hat das Messer auf dem Hof vergessen (mit dem er in [15] Speck geschnitten hat (?), Fast-Begegnung mit dem Monteur, die in dessen Aussage eine Rolle spielt [16]; [20]: Mich, Michael Baumgartner, der Con Man auf dem Hof. Seine Biographie, seine Begegnungen mit dem alten Danner; [22]: die alte Dannerin beim Gebet, ihre Familiengeschichte, der Inzest; sie geht in den Stall; [23]: der alte Danner im Bett, steht auf, um nach den Frauen zu sehen, geht zum Stall; [24]: Mich beobachtet das Haus, sieht Marie und ihre Schwester kommen; [29] Der Mörder träumt vom Tod; [34]: Hauer, der Tod seiner Frau, das Verhältnis zu Barbara; ‘sein’ Sohn; [36]: aus der Berichterstattung über die Beerdigung; [39]: Barbara kommt vom Pfarrer, Rückblende. Die Vergangenheit, der Vater und Hauer. Der Ekel der Frau vor den Männern; [40]: Mich liegt auf der Lauer – und sieht den Mord (das maschinenmäßige Töten, das quasi-teichoskopisch mitgeteilt wird); [41]: Mich flieht; [42]: Hauer, seine Tat und der mögliche Suizid; ([43] Litanei am Ende).

Die Vergegenwärtigung der Tat (in [40]) bildet das Zentrum, um das weitere Zeitspannen angeordnet sind: unmittelbar vor und nach der Tatzeit, so daß man den Abstand in Stunden und Tagen bemessen ist (die Arbeit des Täters auf dem Hof, das Finden der Leichen), der Winter vor der Tat usw. – bis hin zum Beginn der Ehe der alten Danners in der Zeit des Ersten Weltkriegs. Wie die Tat als exzentrisches Zentrum in das Zeitgefüge des Textes eingebaut ist, so bildet der Hof das exzentrische Zentrum des im Text konstituierten Raumes: Mehrfach werden die Gänge bzw. Fahrten zum Dannerhof thematisiert (Marie und ihre Schwester, der Briefträger, der Monteur), wobei wichtig ist, daß die Hofbesucher im Vorfeld stets beobachtet werden können. Doch insbesondere durch die Gegenüberstellung von Aussagen und Erzählpassagen erscheinen der Hof selbst und die Familie, die ihn bewohnt, als geschlossenes, gleichsam exterritoriales Gebiet, das zwar nicht unbeobachtet ist, aber der unmittelbaren Beobachtung entzogen bleibt. (Man könnte an dieser Stelle schon die Muster benennen, auf die sich die Tannöd-Konstruktion beziehen läßt, ohne daß unmittelbare Zitatzusammenhänge herzustellen sind: zu denken wäre an Auerbachs Diethelm von Buchenberg, aber auch (und wohl vor allem) an das Mergel-Haus in Droste-Hülshoffs Die Judenbuche – wobei von hier aus die Traditionslinien durch die Dorfgeschichtenliteratur des 19. und 20. Jahrhunderts zu ziehen wäre: aber das ist ein weites Feld, in dem “manches völlig anders und manches altgewohnt” ist.)

Doch die Unzugänglichkeit des Binnenraums, in dem der Mord stattfindet, ist offenkundig ein Problem für die erzählerische Konstruktion: das recherchierende und erzählende Ich kann im Prinzip den Tatort zur Tatzeit, kann also die Tat selbst nicht aus eigener Anschauung oder aus der Anschauung der interviewten Beobachter vergegenwärtigen. Ich aller Regel greifen Ich-Erzähler in solchen Fällen zu einem – stets fiktionalisierenden – ‘ich stelle mir vor’. Schenkels Text nimmt einen anderen Ausweg, indem er einen unzugänglichen Zeugen zur Tatzeit am Tatort positioniert. Man kann dieses Konstruktionselement als quasi-teichoskopisch bezeichnen, da es zwar den Beobachter, der stellvertretend zusieht, einführt, diesen aber nicht mehr sprechen lassen kann. Zwischen dem ‘Ich’ des ersten Abschnitts und “Mich”, dem Beobachter, der im Stadel versteckt ist, hat es keinen Kontakt gegeben, weder unmittelbar, noch über Zeugen vermittelt. Aber das Ich steckt eben nicht nur phonemisch im Mich, der seine textnotwendige Erweiterung ist. Mit dieser ungewöhnlichen, umständlichen und letztlich devianten Konstruktion wird die die Darstellung und/oder Literarisierung von Verbrechen als dessen Abbildung generell als ein Eindringen in verschlossene, unzugängliche Räume (der Vergangenheit, aber auch des ‘Innenlebens’) macht, das nur in Fiktionen geleistet werden kann (wobei dann eben die Fiktionen wieder an Fiktionsspeicher anschließen müssen …).

Histoire

eben: das ‘Was’ der Geschichte …(Fabel, Plot, erzählte Welt, Geschehnisse, in ihren (kausalen?) Zusammenhängen, Motivationen – usw. usf.).

Die erzählte Zeit reicht, grob gesprochen, vom Ersten Weltkrieg bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts, jedenfalls in “Jahre” nach dem ersten Sommer nach dem “Kriegsende” von 1945,8 den das Erzähler-Ich in ‘glücklicher Erinnerung’ hat, als eine heile Welt, die jetzt zum “Morddorf” geworden ist. (Das sind im Grunde paradoxe Zuschreibungen, die auf divergente Wirklichkeiten verweisen.) Wiederum grob gesprochen ist dies der Zeitraum einer Generation: die alten Danners dürften kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert geboren sein, die Heirat fand kurz nach dem ersten Weltkrieg statt, als die Dannerin verwaist war. Ihr Mann hatte als Knecht auf dem Hof gearbeitet und um die Erbin des elterlichen Hofes geworben.9 Das Verhältnis der Danners zueinander ist ein wesentliches (aber auch stereotypes) Thema des Erzählens, die Arbeit auf dem Hof, die mangelhafte Integration in das soziale Umfeld (Stichwort ‘Dorfgemeinschaft’, s. o.) wird thematisiert; der Blick der Zeugen ist alles andere als unvoreingenommen und bestätigt die exzentrische Position der Danners. Die Ehe scheint ungut gewesen zu sein, auch das ist ein (literarisches) Stereotyp, das auf die soziale Ungleichheit verweist und das Problem, wenn die ländlich-traditionelle Herren-Rolle und die Rolle des Eigentümers auseinanderfallen. Das inzestuöse Verhältnis Danners zu seiner Tochter Barbara hat insofern auch einen sozial-ökonomischen Hintergrund in der bäuerlichen Erb- und Eigentumsverfassung; gegenüber der Tochter ist der Bauer sozusagen Herr aus eigenem Recht. Und damit korrespondiert das Abwenden der Mutter, ihre Schuldgefühle, die sich im beständigen Beten äußern. Die Geschichte der Tochter ist vom Inzest bestimmt; die Kinder, die sie bekommt, werden legitimiert, das erste in einer schnell wieder aufgelösten Ehe, das zweite durch Hauer, von dem sich Barbara sofort nach der standesamtlichen Eintragung wieder abwendet.

Eigenständige, aber doch auf die Danner-Geschichte bezogene, biographische Erzählstränge10 werden der Täterfigur Hauer und dem Con Man Mich zugeordnet: Hauer wird in der Endphases seiner Ehe gezeigt; er ist unfähig, dem Sterben seiner Frau zuzusehen, er verschließt sich gegen ihren Tod. Wie immer man dies psychologisch deuten möchte: Hauer ist gewissermaßen so überdeterminiert, wie Mich, bezogen auf seine Funktionen im Text, unterdeterminiert bleib. Er bewegt sich immer auf der Grenze zwischen Legalität und Illegalität zwischen den Dörfern und den Behausungen ihrer Bewohner, er arbeitet nach Gelegenheit, die er auch immer ausbaldowert.

[...]

Perspektive

Wie gesagt: die Folgerungen werden auf einem anderen Blatt stehen. Nur soviel: der ‘Riß’, den das Massenmorden in das kulturelle Geflecht des Zusammenlebens zur Tatzeit und am Tatort schlägt, der die ‘Gemeinschaft’ beunruhigt, kann nicht ‘kriminalistisch’ gelöst werden. (Das funktionierte schon in Hinterkaifeck nicht). Tannöd stellt sich – thesenhaft formuliert – als Versuch dar, dem Verbrechen wieder literarisch eigenständige, eben ‘nicht-wissenschaftliche’ Deutungsverfahren abzugewinnen. Aber damit produziert er sich das Dilemma, an dem er scheitert, weil er nichts anderes kennt, als den Rückgriff auf die Stereotypenspeicher. Der Text produziert unablässig den Schein von Bedeutung, Signifikanten, die auf Bedeutungsproduktionen zurückverweisen.

_________________________

1 Welche Bemerkung angesichts von 6 Leichen mir ziemlich hanebüchen erscheinen mag.

2 Hätte ich da gleich geschaut, hätte ich mir einiges an Suchen und Vergleichen ersparen können.

3 Die gibt es an anderer Stelle.

4 Für die erzähltheoretischen Begriffe gibt es hier keine Erläuterung.

5 Die Zitatauswahl müßte auf das jeweilige Textumfeld bezogen werden – doch das erspare ich mir hier.

6 “Die, die ich dort traf, wollten mir von dem Verbrechen erzählen. Reden mit einem Fremden und doch Vertrauten. Einem der nicht blieb, der zuhören und wieder gehen würde” (S. 5).

7 Daran ist zu denken, wenn man die literaturkritischen Bewertungen des Romans zur Kenntnis nimmt.

8 Man sieht übrigens, wie ‘ordentlich’ auch die Möglichkeit abgeschnitten wird, zwischen der Ich-Biographie und der Autorinnen-Biographie unmittelbare Bezüge herzustellen.

9 Das ist nicht nur die Konstellation aus AuerbachsDiethelm von Buchenberg, sondern aus zahllosen Dorf- und Bauerngeschichten: ein Konfliktspeicher par excellance.

10 Die sich von den Passagen unterscheiden, in denen Zeugen z. B. von ihren Erlebnissen in der Nazizeit und im zweiten Weltkrieg erzählen.

Verwandte Artikel
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Autoren, Karteikarte, Kriminalliteratur. Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

4 Comments

  1. Erstellt am 04.04.2008 um 12:07 | Permanent-Link

    >> Deutschen “Krimi Preis” [sic!]

    Ja, die Schreibweise ist korrekt, die Selbstbezeichnung dieses deutschen Krimipreises lautet “Deutscher Krimi Preis”

  2. admin
    Erstellt am 04.04.2008 um 13:02 | Permanent-Link

    Lieber Herr Jahn, ich danke für den verlinkten Hinweis: dann gilt das “[sic!]” halt nicht einem Setzer oder einem Korrektor, sondern den Taufpaten des Preises — mit freundlichen Grüßen: Joachim Linder

  3. ich
    Erstellt am 20.05.2008 um 22:17 | Permanent-Link

    was mir auffällt. ich darf ja eine charakterisierung der magd für die schule machen und oft ist, nicht nur auf dieser seite von marie baumgartner die rede, im buch heißt die mags aber marie meiler, vielleicht knn man diese inforamtion auch auf andere foran übertragen. recht herzlichen dank

  4. admin
    Erstellt am 21.05.2008 um 07:47 | Permanent-Link

    da irren Sie sich: hier heißt die Magd immer nur Marie. Baumgartner ist (ich prüfe dies jetzt nicht nach) der Name des Mannes, der den Mord im Stadel beobachtet.

    Viel Glück bei Ihrer Arbeit!

Post a Comment

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt.

Du kannst diese HTML Tags und Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>