Die Gesetze des True Crime (Kalteis)

Kalteis gesteht im letzten Kapitel,1 in dem das fiktive Protokoll seiner Vernehmung durch den Staatsanwalt abgeschlossen wird. Das Geständnis wird durch den Vernehmenden ‘getriggert’: Er konfrontiert Kalteis zunächst mit Photographien, die Kathie zeigen, dann mit Zeitungsausschnitten, die vom Mord berichten, schließlich mit der mumifizierten Vulva, die Kalteis dem Opfer herausgeschnitten hatte. Das Opfer und die Tat werden ihm symbolisch vor Augen geführt, in einer sich steigernden Inszenierung, deren Logik erfolgreich ist. Befragt, “warum er dem Mädchen die Vulva bei lebendigem Leib herausschnitt”, antwortet Kalteis: “Das stimmt nicht! Das ist eine Lüge! Sie war tot! Tot! Hören Sie mich, sie war tot!”

Glaubt man der Darstellung des Eichhorn-Falles bei Kathrin Kompisch und Frank Otto,2 dann ist diese Verhörszene erfunden, mindestens in der Dramatik, mit der sie das Geständnis hervorbringt – und mit der Kalteis, sowie er erkennt, daß er in die Falle der Verhör-Inszenierung gegangen ist, den Ton wechselt:

“Sagen Sie, werden Sie mir helfen, wenn ich Ihnen alles sage? Ich war es nicht, es ist der Trieb in mir. Ich kann nichts dagegen machen, es drängt mich, ich muss raus, ich muss mir was suchen … Ich kann nicht anders. Werden Sie mir helfen?”

Doch erfunden ist da gar nichts: Was die Inszenierung der Verhör-Situation angeht, könnte Wilhelm Ihde3 Plagiatsvorwürfe erheben. Und im Hinblick auf die Abspaltung des Triebwesens, das eigentlich verantwortlich sei, so daß Kalteis ‘muss, muss’, könnten sich Fritz Lang und Thea von Harbou ebenfalls um Urheberrechte beschnitten sehen.4 Doch alle drei wären als Kläger so erfolglos, wie es Peter Leuschner mit Tannöd voraussichtlich sein wird. Denn so funktioniert True Crime: Er bezieht sich stets auf von ihm selbst schon hergestellte Realität. Aktenmäßigkeit ist seine konstitutive Fiktion.

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  1. A. M. Schenkel: Kalteis. Roman, 2007, S. 149-154. []
  2. Wozu freilich auch kein Grund besteht, s. aber Bestien des Boulevards. Die Deutschen und ihre Serienmörder. Leipzig: Militzke 2003. []
  3. Mit Verweis auf Axel Alt (d. i. Wilhelm Ihde): Der Tod fuhr im Zug. Den Akten der Kriminalpolizei nacherzählt. (Neuzeitliche Kriminalromane) Berlin und Leipzig: Hillger 1944, s. hier auf dem Blog. []
  4. Mit Verweis auf M. Eine Stadt sucht einen Mörder, 1931, der entsprechende Dialogausschnitt findet sich auf dem Blog. []

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