“Kultursemiotiker”

Mich irritiert, was Thomas Wörtche unter dem Titel “Verbrechensfolklore und Sinndeutung” schreibt (Kaliber38, Freitag): Nein, nicht die Polemik gegen die Konkurrenz, die Wörtche zusteht, der sich jahrein, jahraus mit literarischen Her- und Darstellungen von Kriminalität befaßt (und den polemischen Gestus drauf hat wie kein zweiter). Mich stört, daß er ein exzeptionelles Verbrechen dekretiert, das sich der kulturellen Deutung (meinetwegen auch der kultursemiotischen Deutung) entziehen soll:

“Wenn man sich, zum Beispiel mit den analytischen, eher phänomenologisch Werkzeugen, die etwa Jan Philipp Reemtsma jüngst in seinem magistralen Werk Gewalt und Vertrauen anbietet, an die Fälle macht, um aus ihnen zu lernen. Nicht, wie Homo sapiens funktioniert, das wissen wir, mehr oder weniger. Sondern wie man, mit aller Skepsis gesprochen, Frühwarnsysteme entwickeln könnte, wenn man es denn überhaupt kann. Darüber hinaus kann es keinen Sinn und keine sinnvolle Exegese kontingenter Extremereignisse geben.”

Schon weil ich nicht in der Liga nicht spiele, sehe ich davon ab, daß Reemtsma auf fast jeder Seite seines Textes kulturelle, vor allem literarische Hervorbringungen nutzt, um seine Argumente zu illustrieren, zu exemplifizieren und voranzubringen. Aber ich will mir den Hinweis nicht verkneifen, daß Wörtches Vorstellungen vom ‘kontingenten Extremereignis’ nicht neu sind. Theodor Lessing behandelt sie ausführlich in seinem Haarmann-Buch von 1925,1 weil er an der Unfähigkeit und/oder dem Unwillen der Strafjustiz verzweifeln wollte, dem Täter und den Opfern und deren Angehörigen auch nur den Schein von Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Und insofern ist die Strafjustiz eben auch nichts anderes als eine Deutungsinstitution, die das, was geschehen ist, niemals ungeschehen machen kann. Lessings Idee, in solchen Fällen die alte, schnelle Rachejustiz durch die Angehörigen aufleben zu lassen, führt uns die Konsequenz aus der Verweigerung der ‘kulturellen Exegese’ vor Augen. Und diese Konsequenz müßte Wörtche angesichts seiner Verbotsrhetorik auch bedenken. (Ich würde lieber sagen: befürchten.)

Ich kann ja nur für mich sprechen: Mit extremer Gewalt hatte ich, außerhalb ihrer medialen Repräsentation, noch nie Kontakt (sei es als Täter, Opfer oder Zeuge). Und selbst mit der ‘normalen’ Gewalt ist es, seit ich Schule und Bundeswehr absolviert habe, nicht viel anders, schon gar, wenn ich den alltäglichen Irrsinn des Straßenverkehrs unberücksichtigt lasse. Sofern ich die Vorstellung unterhalte, daß Gewalt und Verbrechen ‘ubiquitär’ sind, muß ich dies als Ergebnis meines Medienkonsums verstehen und im Zweifel ebenfalls deuten. Man sagt mir immer wieder, ich müsse in diesem Zusammenhang auch den Produktionsprozeß bedenken, dem ich, beispielsweise, das T-Shirt verdanke, das ich im Augenblick trage. Das ist richtig, aber auch problematisch, denn das T-Shirt repräsentiert den Körperverbrauch, der mit jedem menschlichen Wirtschaften verbunden ist: Wir leben im Zweifel schon immer davon, daß andere für uns umgebracht werden. Und je nach Position gilt das umgekehrte selbstverständlich auch. Insofern also ist mir nicht geholfen. Es tut mir leid, daß mir bei diesem Gedanken spontan eine filmische Repräsentation einfällt: in Roman Polanskis China Town wird die Zusammengehörigkeit von Patriarchat und Körperverbrauch im inzestuösen Verhältnis zwischen Vater und Tochter unübersehbar.

Schon weil ich sie bezeichnen will, muß ich auch Extremereignisse deuten, und es ist sinnvoll, ja unabdingbar, daß ich mir den Horizont, in dem mein Deutungsprozeß abläuft, vergegenwärtige. Und da Deutung auf Widerspruch angelegt ist (sonst wäre sie Dekret), kann sie in ihrem Horizont auch Abwegigkeiten, Assoziationen und Schrulligkeiten zulassen. Als ich von dem Fall hörte bzw. las, auf den sich Wörtches Deutungsverbot bezieht, habe ich selbstverständlich zuerst im Archiv der merkwürdigen Kriminalfälle geblättert. Und in der Tat, allzu viele Vergleichfälle aus der Zeit zwischen 1780 und 1950/60 sind mir nicht untergekommen. Das kann, sieht man einmal von der Unvollständigkeit meiner Sammlung ab, zwei Bedeutungen haben, die ich jeweils nicht ausschließen kann: Einerseits könnte die Abwesenheit von Fallgeschichten auf die Abwesenheit der Fälle hindeuten — was eigentlich ganz schön wäre. Andererseits aber könnte diese Abwesenheit auch die Aufmerksmkeitsschwelle bezeichnen, die über Jahrhunderte für die Gewalt der Väter gegolten hat und Wahrnehmung, Sanktionierung und Archivierung verhindert hat. (Bei Reemtsma wird, wenn ich mich recht erinnere, die Absenkung solcher Aufmerksamkeitsschwellen mit zivilisatorischem Fortschritt in eins gesetzt.) Und das ist übrigens, bei all seiner Beliebigkeit, ein Verdienst des von Wörtche inkriminierten Artilkels in der Times: Er macht darauf aufmerksam, daß die Vätergewalt in der ’schönen Literatur’ beständig thematisiert bzw. dargestellt wird. Es spielt dabei keine Rolle, ob die Darstellungen apologetisch oder kritisch sind: Sie verweisen stets auf patriarchale Verfassung der Gesellschaften, in denen sie entstanden sind und wirken sollen.

Obwohl dies alles andere ist als ein austriakisch-süddeutsches Spezifikum, sind mir in diesem Zusammenhang zwei literarische Texte besonders auffällig geworden — was selbstverständlich nur damit zusammenhängt, daß ich mich mit ihnen just beschäftigt habe: Die Darstellung jahrzehntelangen Mißbrauchs und konsequenter Einsperrung der Tochter in Schenkels Tannöd, und die ebenso konsequente, aber groteske Verabsolutierung der Vaterposition in Doderers Die Merowinger oder (eben, eben) die totale Familie. Aber das ist, wie gesagt, Zufall und bedeutet nicht, auch wenn ich dies gern hätte, daß die austriakisch-süddeutsche Literatur eine besondere Affinität zur Entmystifizierung der Väter und ihrer Gewalt hätte. Man darf sich nur nicht daran hindern lassen, weiter zu suchen.

  1. sorry, falsches Datum: Theodor Lessing: Haarmann. Die Geschichte eines Werwolfs. (Außenseiter der Gesellschaft. Die Verbrechen der Gegenwart. Hg. von Rudolf Leonhard, Bd. 6) Berlin: Verlag Die Schmiede 1925 []

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2 Comments

  1. Erstellt am 24.05.2008 um 10:51 | Permanent-Link

    Nur ein ganz kurzer Einwand, mein Lieber (mehr vielleicht später, wenn der Alligator wieder im Tümpel ist): Dass wir nun mal alle und allezeit in Deutungs- und mithin Sinnbergwerken schuften: bon. Das ist so. Was TW nun ausführt, ist ja keine Negierung dieses Sinnmachens beim Ubiquitären, aber eine Ablehnung dieser unsinnigen kulturellen Verknüpfungen, wie sie momentan stattfinden. Hier werden wahre Deutungsevents veranstaltet, ein Kenner österreichischer Literatur erinnert sich an Stifters Keller und packt gleich den Fritzl-Kasus hinein, Herr Freud muss, weil halt auch Österreicher, erklären, was es mit Kellern und Psyche auf sich hat, so wie deutsche Ministerpräsidenten Tiefkühltruhen in Beziehung zum überwundenen Sozialismus setzen. Von den Unzahlen berufener Psychiater / Psychologen ganz zu schweigen, die per Ferndiagnose auch mal ins Fernsehen kommen wollen. Dass man den Fritzl-Fall sehr wohl deuten kann und deuten wird, mag abseits des Aktuellen in ein paar Jahren oder Jahrzehnten klar werden, wenn sich z.B. ein kompetenter Autor der Geschichte annimmt und seine Lehren zieht, sei es fiktiv oder fiktional. Nur werden das die meisten gar nicht mitbekommen, weil Deutung hier eben immer auch “literarisch verarbeiten” heißt. So wie der gute Jean Paul in seinem “Wuz” viele, viele Abgründigkeiten des 18. Jahrhunderts verarbeitet hat, ohne eine Sinnhuberparty draus zu machen. Aber, oh, andere Baustelle…

    bye
    dpr

  2. admin
    Erstellt am 24.05.2008 um 16:46 | Permanent-Link

    ne, ne, lieber dpr, da haben wir unterschiedliche Perspektiven: der Medienrummel mit all den Experten ist deppenhaft, aber auch Wörtche kann ihn nur kritisieren, so lange er aktuell ist. Ich kritisiere bei Wörtche die Vorstellung des ‘kontingenten Extremereignisses’, das er der (auch retrospektiven) kulturellen Deutung entzogen wissen will. Da steckt, wenn ich mir das nochmals überlege, ein systematischer Irrtum: Ereignisse (und Verbrechen zumal) sind stets nur in der retrospektiven Deutung zu identifizieren bzw. zu unterscheiden, und auch nur dann, wenn sie einen medialen Ort gefunden haben. Und dann ist der ganze Pallawatsch da, ob Wörtche ihn vermieden wissen will oder nicht. Sinnzuweisungen kann man analysieren, meinetwegen auch kritisieren, aber man kann sie nicht abweisen. ‘Unsinn’ ist eben auch Sinn und nicht Nicht-Sinn.

    Beste Grüße.

Ein Trackback

  1. [...] →Joachim Linder (bezieht sich auf Wörtche) [...]

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