Kriminalkommissar Eyck. Der Film (1939/40)

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“Ich kann doch Gorgas nicht ohne jeden Grund festnehmen”

(Herbert Wilk als Kriminalkommissar Brandner; diese und alle folgenden Abbildungen aus dem Film stammen von der Video-Kopie der Murnau-Stiftung).

Kriminalkommissar Eyck, 1939/40, Regie: Milo Harbich, Buch: Christian Hallig und Walter Maisch.1 Maisch war Mitarbeiter bzw. Adjutant von Arthur Nebe, dem Chef der deutschen Kriminalpolizei im Reichssicherheitshauptamt (1937-1944). Genaue Daten habe ich im Augenblick nicht, aber Maisch gilt als einer der Polizeioffiziere, die für die Kontakte zwischen der Polizeiführung des ‘Dritten Reichs’ und den Produzenten von Kriminalfilmen und Kriminalliteratur verantwortlich waren.2

Zu Christian Halligs Buch zum Film gibt es hier schon einen kurzen Eintrag.3

Kommissar Eyck (Walter Klinger befindet sich im Skiurlaub in mondäner Gesellschaft, unter die sich auch Mitglieder der Unterwelt gemischt haben,4 an ihrer Spitze der Kriminalschriftsteller Gorgas (Hans-Joachim Büttner) und sein Verleger van Fliet (Alexander Engel).5 Die Sängerin Barbara Sydow (Anneliese Uhlig ) ist mit Gorgas verbunden, doch sie zeigt sich den Avancen zugänglich, die Eyck ihr macht. Dabei wird die Wirksamkeit seines männlichen Charmes noch dadurch erhöht, daß er sich in einer nächtlichen Aktion zur Rettung verirrter und verletzter Skifahrer hervortun kann.

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(Gorgas, Sydow, Eyck im Hotel)

So erschließen sich Kriminalfilme und Kriminalromane neue Konfliktressourcen, indem sie den väterlichen, entsexualisierten Kommissar6 durch einen jungen, unverheirateten, smarten Polizisten ersetzen, der zwar seine ganze Arbeitskraft in den Dienst der Allgemeinheit stellt, der deswegen aber weder väterlich noch mönchisch erscheinen soll. Damit entstehen auch die Rollen für glamouröse Frauen, die zwischen den ‘Welten’ angesiedelt werden und im günstigen Falle einen Lernprozeß durchmachen, im ungünstigen ganz der Verbrecherwelt zufallen und dann in aller Regel mit dem Leben bezahlen müssen.

Daß damit, mindestens für die Literatur- und Filmpolitik des ‘Dritten Reiches’, Neuland betreten wurde,7 zeigt einerseits die Reaktion der Polizeiführung, die diesen ‘neuen’ Polizisten nicht goutieren wollte:

“Den ‘Kriminalkommissar Eyck’ wollte Nebe selbst verbieten. ‘Das ist eine Desavouierung aller jungen Kommissare.’ Der Film stellte nicht die Lebensgefahr in den Vordergrund, vielmehr kam der Held durch Unbedachtheiten unschuldig in menschlich-dienstliche Konflikte. Maisch: ‘Gut, dann verbietet eben auch die Kripo mal einen Film.’ Der Film passierte alle Zensuren.”8

Doch andererseits liefert auch die dramaturgische Präsentation ein Indiz dafür, daß noch nicht auf Schemata für die Konfliktkonstruktionen zurückgegriffen werden konnte: Es dauert gut 20 Minuten bis der erlösende Schuß fällt und Eyck die Ermittlungen übernimmt, die zwar seinen Urlaub sofort beenden, aber seine Beziehung zu Sydow in der Schwebe lassen, so daß sie später von Gorgas gegen ihn verwendet werden können. Gleichermaßen bleibt in der Schwebe, wie Sydows Verhaftung am Ende des Films zu verstehen ist: Zwar ist sie auf der Flucht und war ohne Zweifel in die Machenschaften der Bande um van Fliet und Gorgas eingeweiht, doch wird ihre Annäherung an Eyck mit deutlichen Untertönen von Wandel und Reue ins Bild gesetzt, daß sie mindestens als ‘besserungsfähig’ klassifiziert werden müßte. Insofern wäre allein schon der Kontakt zum Polizisten (mit dem dieser gegen den Ehrenkodex seiner Einheit verstößt) heilsam, was durchaus dem Bild der Polizei entspräche, das mit dem Film vermittelt werden sollte.

Eyck trifft noch kurz mit der ‘Mordkommission’ vor Ort zusammen, aber danach verläßt er den Ort der Tat, um seine Ermittlungen in Berlin fortzusetzen. Der Film kennt das Sammeln und Auswerten von Spuren nur rudimentär.9 Statt dessen bewegen sich die Kommissare in der Berliner Unterwelt, um Aufmerksamkeit zu erregen und die Verdächtigen zu verräterischen Handlungen zu provozieren. Das gelingt, allerdings mit hohem Risiko für Eyck, dessen Leben von Brandner mit einer Notwehrtötung gerettet werden muß. Eycks Suspendierung ermöglicht zwar Ermittlungen abseits von Legalität und Beamtenordnung, aber Erfolg stellt sich erst in der Zusammenarbeit ein.

Der Film verzichtet weitgehend auf die Reflexionen des Polizeiberufs, von denen der Roman bestimmt ist.10 Auch die Bindung an die SS und die nationalsozialistische Männergemeinschaft wird vom Film in den Hintergrund gerückt, bis auf einen Hitlergruß verschwinden (soweit dies in meiner Video-Kopie überhaupt wahrnehmbar ist) alle ikonographischen Bezüge wie die Stander der SS an den Autos und ähnliches. Statt dessen werden die beiden Kommissare Eyck und Brandner in ihren unterschiedlichen familiären Situationen gezeigt: Eyck tigert, sobald ihm der Zugang zur Gemeinschaft der SS-Kriminalisten verwehrt ist, in seinem möblierten Zimmer auf und ab und entschließt sich alsbald zu widerrechtlichen Alleingängen. Brandner dagegen ist familiär gebunden, Frau und Kind erwarten ihn nach der Dienstzeit zu Hause. Seine geringere Risikobereitschaft wird durch Zuverlässigkeit ausgeglichen, für die er in der Familie den Rückhalt findet. Doch es geht keineswegs darum, den einen Polizistentypus gegen den anderen auszuspielen. Sie werden vielmehr in ein Komplementärverhältnis gestellt, was sowohl der Dramturgie als auch dem polizeipropagandistischen Effekt zugute kommt: Nur gemeinsam kommen sie zum Erfolg.

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(Brandner und Eyck)

Bleibt die Verbindung von imaginiertem und ‘realem’ Verbrechen: Diejenigen, die den Lesestoff produzieren, der allem Anschein nach große Teile der ‘Volksgemeinschaft’ erreicht und im Bann hält, sind zugleich die Anführer einer internationalen Verbrecherbande, die mindestens zeitweise ihre Verbrechen genauso serienmäßig hervorbringen kann wie ihre Texte. Verbrechensbekämpfung und Zensur fallen zusammen, mit der (jeweils dramatischen) Verhaftung von Gorgas und van Fliet wird auch deren Ausstoß der Literatur gestoppt. Das kann man wenigstens als Warnung verstehen, die unmittelbar und ganz im Sinne Nebes an die realen Produzenten von Kriminalliteratur und Kriminalfilmen adressiert ist. Die Polizei bestätigt sich im Film (und im Roman) als Akteurin der Literaturpolitik. Auch ein Dienst an der Volksgesundheit:

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Eycks Wirtin bei der Hausarbeit (Lina Carstens).

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  1. Die vollständigen Stabsdaten und zustätzliche Informationen zum Film findet man im Filmportal . []
  2. Das wurde mindestens in der Artikelserie über Nebe, die der Spiegel 1949/50 anonym veröffentlichte, so dargestellt. Maisch war außer an Kriminalkommissar Eyck noch an folgenden Filmen als Co-Autor beteiligt: Im Namen des Volkes (1938/39) und Falschmünzer (1940), s. dazu den Namenseintrag im Filmportal. []
  3. Kriminalkommissar Eyck. Roman. Mit 10 Bildern aus dem gleichnamigen Ufafilm, Berlin: Ufa-Buchverlag 1940. “Christian Hallig, Dr. phil. geboren 1909 in Dresden. [...] Studium in München, Berlin und Leipzig: Zeitungswissenschaft, Soziologie und Neuere Geschichte. März 1933 Promotion bei Erich Everth in Leipzig. Ab Juli 1933 Dramaturg und Autor bei der UFA. Juni 1940 Ein­berufung zur Wehrmacht, nach Frontdienst 1941 versetzt zur Heeresfilmstelle (Lehrfilme). Ab November 1945 Texter und Redakteur der angloamerikanischen Wochenschau ‘Welt im Film’, Juli 1949 Gründung eigener Firma zur Herstellung von Kultur- und Dokumen­tarfilmen. Ab Oktober 1962 bis Anfang 1972 Leitender Redakteur beim ZDF. Nach der Pensionierung freie schriftstellerische Tätigkeit.” Klappentext zu Christian Hallig: Festung Alpen – Hitlers letzter Wahn. Ein Erlebnisbericht. Freiburg: Herder 1989. []
  4. Ob das Verbrechen nun dem Kommissar folgt oder umgekehrt, das bleibt immer gleich: sie gehören zusammen []
  5. Im Roman ist Gorgas ein Zuwanderer aus dem Osten. []
  6. Vgl. z. B. Fritz Langs Kommissar Lohmann. []
  7. Nicht ohne Vorlauf: vgl. z. B. Oberwachtmeister Schwenke, Deutschland 1934/35, Regie: Carl Froelich, Buch: Robert A. Stemmle; E. Freiherr von Spiegel, nach dem gleichnamigen Roman von Hans Joachim Freiherr von Reitzenstein, Berlin 1933 []
  8. Spiegel , Glanz und Elend der deutschen Kriminalpolizei. 9. Fortsetzung , 49/1949, 1.12.1949. []
  9. Am Ende werden Fingerabdrücke einem Verdächtigen im Verhör vorgehalten, so daß er angesichts des materialen Beweises seine Tatbeteiligung eingesteht. []
  10. Danach hatte Eyck zuerst vier Semester Jura studiert, dann aber zugunsten der Polizeilaufbahn (bei der SS) das Studium aufgegeben. Was “ihm immer als Lebensziel vorgeschwebt hatte: Schutz der Allgemeinheit vor verbrecherischen Elementen. [...] Hätte ihnn jemand gefragt, welcher Beruf dem des Kriminalisten am engsten verbunden wäre, so hätte er ohne Zögern geantwortet: ‘Der Arzt!’ Schützte der Arzt die Allgemeinheit nicht auch vor Gefahren?” (S. 132). Das ist nicht untypisch für Polizeikarrieren im ‘Dritten Reich’, vgl. Patrick Wagner: Hitlers Kriminalisten. Die deutsche Kriminalpolizei und der Nationalsozialismus. (Beck’sche Reihe) München: Beck, 2002. []

Verwandte Artikel:

  1. Polizeifilm, Polizeiroman 1940
  2. Berliner Schupo 1933
  3. Kassiber
  4. “Crime, film and criminology”
  5. Kommissar Lohmann
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