ein ausgesprochen kluges Buch

– das eigentlich zur Standardlektüre der Krimi-Forschung gehören müßte:

Gabriele Vickermann: Der etwas andere Detektivroman. Italianistische Studien an den Grenzen von Genre und Gattung. (Studia Romanica, Bd. 94) Heidelberg: Universitätsverlag C. Winter 1998.

Mir jedenfalls hätte die rechtzeitige Lektüre manchen Irrgang und manchen Versuch, meine Rädchen neu zu erfinden, ersparen können. Aber vermutlich führte der Titel auch andere Leser in die Irre. Mindestens habe ich bislang erst eine Rezension finden können.1 Nussers Kriminalroman (3. Aufl., 2003) zitiert Vickermann genausowenig wie Wörtches Artikel im Reallexikon. Dabei liefert die Autorin im Einleitungskapitel (S. 1-29) ein kompaktes, gut geschriebenes Forschungsprogramm, in dem der Kriminalroman als ‘Teilmenge’ der Gattung Roman erscheint, die durch spezifische Genre-Regeln — und nicht allein durch das Sujet — definiert ist. Daß in der Genreentwicklung von Anfang an die Möglichkeit von ‘Aufklärung’, und damit der rationalen Erfassung von ‘Realität’, reflektiert und in Frage gestellt wird, zeigt Vickermann im zweiten Kapitel (S. 31-70) an den Œuvres von Poe und Conan Doyle sowie in der Diskussion der “Regelkodzies” von Van Dine und Knox.

Vor diesem Hintergrund wird die (späte) Entwicklung der italienischen Kriminalliteratur im 20. Jahrhundert entfaltet. Dabei stehen hochgewertete Autoren und Texte zwar im Vordergrund (Gadda, Sciascia, Eco, Tabucchi, Fruttero & Lucentini), doch die monographischen Kapitel kann man stets auch als Reflexionen des theoretischen Programms verstehen, das auf andere Korpora übertragen werden kann. Also: Die deutsche KL-Forschung entwickelt sich nicht so rasant, daß sie nicht auch noch aus einer Diss. Honig saugen könnte, die schon vor zehn Jahren erschienen ist.

  1. Bernward Orphey lobt die Arbeit zu Recht in den höchsten Tönen in Romanische Forschungen 113 (2001), S. 394-397. []

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