Martin Clark: The Legal Limit. New York: Alfred A. Knopf, 2008.
Mason Hunt ist Zeuge als sein Bruder Gates einen Rivalen bei einer alkoholisierten Konfrontation tötet. Mason deckt den Bruder und es gelingt den beiden, alle polizeilichen Ermittlungen ins Leere laufen zu lassen. Mason beendet sein Jurastudium, erhält eine Stelle bei einer renommierten Anwaltsfirma, er heiratet eine erfolgreiche Künstlerin, die zu allem Überfluß jährliche Zinseinnahmen von 200.000 Dollar in die Ehe bringt, so daß er die in Aussicht gestellte Partnerschaft in seiner Firma ablehnen kann, um sich, ungehindert vom Arbeitsdruck, der alsbald vervollständigten Familie widmen zu können.
Wie blöd oder überheblich muß einer sein, der diesen gesicherten Boden verläßt, um Staatsanwalt (“Commonwealth’s Attorney “, wie dies in Virginia heißt) in seinem Heimatstadt zu werden, die vom ökonomischen Niedergang bedroht ist — und wo nicht nur der Bruder, sondern auch der ungeklärte Fall auf ihn warten? Der Leistungsdruck steigt im neuen Wahl-Amte jedenfalls nicht, außerdem schmeichelt die Verantwortung für das öffentliche Wohl. Die Umgebung ist vertraut, die Lebenshaltungskosten sind niedrig, die Kriminalitätsbelastung entsprechend. Zwischenzeitlich fährt auch Bruder Gates ein. Er wird das Opfer der Justiz, die in ihm einen jener ganz besonders dummen Angeklagten findet, an denen sie ein Exempel statuieren kann.1 Für Mason läßt sich der Wechsel gut an: Er wird mit offenen Armen aufgenommen, zwischen ihm und dem einzigen, übrigens insgeheim schwulen und offen afro-amerikanischen Assistent Attorney entwickelt sich schnell eine Männerfreundschaft, und die Fälle, die erledigt werden müssen, sind kleinstadttypisch: Sie dienen vor allem dazu, das örtliche Sozialgefüge stabil zu halten und die Grenzen zwischen Oben und Unten, Innen und Außen regelmäßig zu markieren.
Stabilität darf Aufstieg nicht prinzipiell verhindern. Gates und Mason Hunt sind selbst Beispiele dafür, daß und wie in einer (eben kleinstädtischen) Ordnung die Chancen verteilt werden, um die Stabilität der Verhältnisse zu gewährleisten. Sie sind in einer White-Trash -Familie aufgewachsen, in der die Rolle des Bösen dem Vater, die des Guten der Mutter zukam, idealtypisch. Für die Söhne, deren körperliche Leistungsfähigkeit in den gewalttätigen Auseinandersetzungen mit dem Vater früh geschult wird, bietet sich der typische Ausweg an: Engagement und Anpassung in der High School, Sportstipendium zum College, wo Fleiß und Kontaktfähigkeit mit den Noten belohnt werden, die zur Law School führen. Mason Hunt schafft’s, während sein Bruder die drop-out -Rolle zugewiesen erhält, ohne die weder Vorstelllung einer meritokratischen Ordnung noch der Romanplot funktionieren könnten.
Aber: “The past is never dead. It’s not even past” (Faulkner, aus Mississippi). Diese Lehre gibt’s für Mason Hunt gleich zweimal. Zuerst kommt seine Frau bei einem Verkehrsunfall um. Verursacher ist ein junger Mann, den Hunt und sein Kollege bei einem früheren Verkehrsvergehen (DUI) glimpflich davonkommen ließen. Mit guten Gründen billigten sie ihm jene Decency zu, mit der ‘Zugehörigkeit’ ausgedrückt wird. Man kann es auch so sehen: die meritokratische Ordnung beruht auf Kooptierung. Diejenigen, die drin sind, entscheiden darüber, wer rein kommt. Dabei spielt die Strafjustiz eine wesentliche Rolle. Sie scheint Vergangenheit zu bearbeiten, entscheidet aber über Zukunft. Gleichzeitig schützt sie ihre Akteure davor, für die paradoxen Folgen ihrer Entscheidung verantwortlich gemacht zu werden.
Doch dann kommt Gates wieder ins Spiel: Er will, daß Mason seinen Einfluß und seine Möglichkeiten geltend macht, um ihn vorzeitig aus dem Strafvollzug zu bringen. Mason weigert sich und wird zum Opfer einer Erpressung durch den eigenen Bruder, der ihn beschuldigt, die Tat begangen zu haben, die bislang unaufgeklärt blieb. Jetzt muß er alle Stricke ziehen und sich schließlich dem Judge , dem für ihn wichtigsten Kleinstadtpatriarchen, offenbaren. Die öffentliche Karriere ist damit beendet, Mason läßt sich als Anwalt nieder, ohne deshalb Zugehörigkeit und Ansehen zu verlieren.
Die Literatur über Small-Town America hatte immer schon diese Ambivalenz, die Clarks Roman in der Rahmung zu erkennen gibt:2 Die Moral der patriarchalen Ordnung, die sich über das Gesetz stellt, ist so überheblich wie korruptionsanfällig. Aber in der Literatur überlebt sie und wird doch als Versteinerung wahrnehmbar: Man muß da nur ein wenig gegen den Strich lesen.
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- Gates wird wegen eines Drogendeals verhaftet, er lehnt es ab, sich schuldig zu bekennen und dafür fünf Jahre abzusitzen, in der Verhandlung kassiert er rund das Zehnfache, genug jedenfalls, um erst nach etwa zwanzig Jahren auch nur daran denken zu können, auf Bewährung frei zu kommen. [↩]
- Die im übrigen mit dem True Crime spielt. [↩]
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