“Bei Kriegsausbruch war er dreiundzwanzig gewesen, ein Alter, in dem kein Mann der Wehrmacht entkam, es sei denn, er hatte seine Unentbehrlichkeit an der Heimatfront geltend machen können, als Ingenieur und Feinmechaniker beispielsweise, der nicht nur Waagen, sondern auch Verschlussfedern oder Auszieher für Pistolen produzieren konnte” (S. 26).
Christine Lehmann: Allmachtsdackel. (Ariadne Krimi 1169) Hamburg: Argument 2007.
Wie gesagt: der Satz ist objektiv falsch. Juden und Sinti, Regimegegner, Asoziale; Berufsverbrecher, Homosexuelle galten als ‘wehrunwürdig’ und ‘entkamen’ der Wehrmacht um den Preis der Vernichtung. Das ist die Kehrseite der ‘Unentbehrlichkeit an der Heimatfront’, die auch vom ‘Heldenklau’ nicht erreicht werden konnte.
Lehmanns Text macht es den Lesern nicht leicht, so lange durchzuhalten, bis sie sicher sein können, daß die die Schlüsselsätze schon auf den ersten Seiten fallen. Die völkische Zugehörigkeitsdefinition, die bis heute Unglück und Verbrechen hervorbringt, ist in die ort- und zeitlose Suada der Ich-Erzählerin eingelassen, die mir fast unerträglich vorkam. Die wichtigsten Zeichen für die Intelligenz einer Ich-Erzählerin, nämlich Sprach- und Reflexionsfähigkeit, werden Lisa Nerz verweigert. Sie produziert Stilblüten (die ‘frohlockende Muschi’) und versorgt uns mit halbgaren Theorien aus dritter Hand, wie z. B. einer soziobiologisch gewendeten Außenseiterkonzeption aus dem späten 19. Jahrhundert. Doch damit stellt sie ein Kontinuum von Selbstgerechtigkeit und Selbstrechtfertigung her, dem sie schon im ersten Satz einen schrägen Ausdruck verleiht: “Ich hatte sie die Max-und-Moritz-Toten getauft”.
Lisa Nerz muß es nicht wissen (oder aussprechen), aber der Text macht mit seinem ersten Satz klar, daß die Enttarnung der ‘Heiligen Familie’ als Keimzelle der großen und als Motor der alltäglicheren Verbrechen zwar richtig und notwendig, aber keineswegs originell ist. Entsprechend ist der Oberstaatsanwalt Dr. Richard Weber, den seine Cousine als “Allmachtsdackel” bezeichnet, nicht nur der letzte Sproß einer Waagenbauer-Dynastie, die sich mit den Symbolisierungen ihres Gewerbes umgeben hat und jetzt selbst der Musealisierung verfällt. Bei Weber kommt die Selbstaufklärung zum Durchbruch — und das verweist auf literarische Vorbilder. Ich würde, regionalhistorisch korrekt, zunächst bei Hermann Hesse suchen.
Wer mehr über diesen beeindruckenden Roman wissen will, kann bei den üblichen Rezensenten nachsehen. Sie sind auf auf der Website der Autorin verzeichnet.
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