Bertolt Brecht: Die Erleuchtung (1921)1
Ein Mann in mittleren Jahren ging eines Abends in der Pappelallee spazieren, als er beim Anblick eines großen Hundes, der entlang eines schwarzen Baches Tauben jagte, merkte, daß er nicht erwünscht sei. Er ging sofort heim.
Es war an dem Tag nichts Besonderes geschehen. Seine Geschäfte standen gut, seine Geliebte war das einzige Mädchen seiner Bekanntschaft, das nicht dumm war. Jemand hatte vormittags beim Friseur die Geschichte von dem dreizehnjährigen Apfelböck2 erzählt, der seine Eltern erschossen hatte. Jetzt zitterten die Knie des Mannes, als er die Stiege emporstieg.
Als er sich wieder mit dem Studium des Falles Apfelböck beschäftigte (der Knabe hatte seine Elternleichname sieben Tage in einer Kiste aufbewahrt), fiel ihm ein, daß er morgen den Zahnarzt ohne weiteres töten könne, etwa mit einem Messer. Der Zahnarzt hatte einen weißen vollen Hals. Aber er konnte ihn auch nicht töten.
Er wollte sich ans Klavier setzen und Haydn spielen; aber Apfelböck hatte sieben Tage gewartet, und in der Zeit war er (des Geruches wegen) zuerst auf das Kanapee des Wohnzimmers und dann auf den Balkon gezogen. Darüber konnte Haydn nicht hinwegtäuschen.
Der Mann ging im dunklen Zimmer umher, von Fenster zu Fenster, schaute ins Leere, auf die blauen Dächer in der Tiefe und rang die Hände. Das konnte man nicht aushalten. Jetzt waren es sieben Tage.
Dann legte er sich ins Bett. Man hat keine Verantwortung, dachte er. Das Gestirn ist rein vorläufig. Es saust mit allerlei andern, einer Reihe von Gestirnzeug, auf einen Stern der Milchstraße zu. Auf einem solchen Gestirn hat man keine Verantwortung, dachte er. Aber dann wurde es zu dunkel im Bett.
Er mußte aufstehen und Kerzen anzünden, er fand fünf; die nahm er und entzündete sie und tat sie an die Ecken des Bettes, zwei zu Häupten und zwei zu Füßen, eine aber auf den Nachttisch. Es waren fünf Lichter. Das muß eine Bedeutung haben, dachte er.
Dann, nachdem er eine solche Mühe gehabt hatte, roch er den Geruch der beiden Elternleichname. Er sollte wohl auf den Balkon ziehen? Das tat er auf keinen Fall. Es handelte sich um Hirngespinste. Auch war kein Balkon da.
Wenn ich stürbe, sagte sich der Mann, aber aus dem Kreis kommt man nicht heraus. Ich bin ausgeliefert. Die Fußdecke ist rot, auch wenn ich nicht will, auch wenn ich gestorben bin, bleibt sie rot. Die Fußdecke ist stärker als ich. Sie hat sicher keinen Wunsch. Sie kann nicht albern werden.
Die Fliegen summten. Er fing eine. Dazu kniete er im Bett auf und fuhr über die Wand mit fliegenden Hemdärmeln. Bei fünf Lichtern. Als er sie hatte, dachte er: Eine nützliche Beschäftigung in der Sterbestunde.
Wenn ich stürbe, dachte er. Ich möchte ein Kind haben. Vielleicht habe ich ein Kind. Wenn ich sterbe, kräht kein Hahn danach. Wenn ich leben bleibe, kräht auch kein Hahn. Ich kann tun, was ich mag, es kräht keiner.
Der Mann stand beunruhigt auf und zog einen Soldatenmantel über das Hemd. So ging er auf die Straße. Es war nicht allzu dunkel, Wolken zogen sichtbar, feucht, geballt. Die schwarzen Kamine standen steif in den Himmel.
Der Mann ging weiter, die Hände in den Taschen. Er summte: “Wie lieblich ist dieTräne einer Braut, wenn ihr der Bräutigam ins Auge haut.” Dann ging er schneller, an den andern Menschen vorbei, schließlich laut singend, im Hemd; denn er warf den Mantel ab; auf einem solchen Gestirn brauchte man keinen Mantel.
Er lief laut psalmodierend durch die Straßen und wußte von nichts mehr.
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- Aus: B. B.: Gesammelte Werke 11 (Prosa 1). Frankfurt/M.: Suhkamp 1967, S. 47 f. [↩]
- Der Wikipedia-Eintrag beginnt mit einem Satz, der es vediente, in Stein gemeißelt zu werden: “Joseph Apfelböck (*1903 in München; † Mitte der 1980er ebenda) war ein deutscher Mörder”. Der Apfelböck-Artikel ist der einzige, der mit diesem Satz beginnt, während sieben Artikel mit “[N. N. [...] war ein deutscher Serienmörder” beginnen. S. dazu G. W. F. Hegel: “Wer denkt abstrakt?” Vgl. im übrigen auch Brechts Ballade: “Joseph Apfelböck oder Die Lilie auf dem Felde” (in der Hauspostille). [↩]
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