Döblins Resozialisierungspespektive:
“[...] Ich will nur sagen, dies war eine Wendung im Leben Jacks des Bauchaufschlitzers” (Aus Alfred Döblin: Das Leben Jacks, des Bauchaufschlitzers, 1928)..
“Man hat ihn bekanntlich nie entdeckt, und die Person, die man für ihn aufhängte und so völlig erwerbsunfähig machte, war er nicht. Er war beleidigt von den Schikanen, denen man ihn jetzt aussetzte. Man zog ihn rechts und links wegen seiner Liebhabereien auf. Er konnte sicher sein, wenn er in aller Heimlichkeit eine Freundin erledigte, daß er gleich am selben Abend einen Trauerkranz unter dem Weidenbusch fand oder eine Laterne und einmal sogar einen Zaun um den Busch herum mit dem Schild: ‘Wegen Überfüllung geschlossen.’ Fassen konnte er keinen, aber überall lächelte man. Sogar die Hausbewohner benahmen sich schlecht gegen ihn. Wohin sollte er sich wenden. Er war drauf und dran, vor Ärger sich selbst die Gurgel abzuschneiden. Er ist aber bloß umgezogen und hat in einer andern Gegend einen Handel mit Einpackpapier für Konditorwaren und Tortendeckel begonnen. So ist er anständig im gewöhnlichen Sinne geworden, aber Freude hatte er nicht daran, nein, niemals. Er brauchte nur Sonntags in seine alte Gegend zu fahren, um die Mißachtung zu sehen, die man ihm wegen seiner Neigungen entgegenbrachte. Menschengunst ist wetterwendisch. Das erlebte er in voller Schärfe. Er hat geheiratet, um darüber wegzukommen. Der Frau hat er gern, liebend gern geschworen, die Zicken von früher zu lassen. Er wollte es wirklich, denn er konnte schon nicht mehr mit Messer und Gabel essen, nur mit Löffel, so war ihm alles auf die Nerven geschlagen. Aber richtig runtergeschluckt hat er die Beleidigungen doch nicht. Er hatte eben, wie man so sagt, mit der Harke eins aufs Hauptgebäude gekriegt.
Um zum Schluß zu kommen: Die Frau übernahm den Mann, der schon von Suppenresten mager geworden war, mit hundertzwanzig Pfund. Nach einem halben Jahr hatte er seine hundertfünfzig Pfund überschritten. Sie hat ihn bis auf hundertneunzig gebracht, nicht nur weil sie ihm alles vorschnitt, sondern weil er auch sukzessive ganz faul wurde. Sie übernahm seinen Handel mit Tortendeckeln und Einpackpapier, und nach ein paar Jahren hatte sie eine kleine Konditorei mit einem Stammpublikum von Liebesleuten. Jack setzte sie an die Kasse. Er hat der Frau seinen Eid gehalten, und sie hat es ihm Zeit ihres Lebens gedankt. Er war manchmal besorgt, wenn er sich so dick und immer dicker an der Kasse vorfand, sie würde ihn eines Tages erledigen und einen dünneren für ihn hinsetzen. Denn die Konditorei war klein und der Raum beengt, und neue Läden waren in London schwer zu haben oder nur für teures Geld, und woher damit. Mit trüben Ahnungen betrachtete er die Dünnen, die in seinen Laden kamen; bei jedem fragte er sich: Dein ‘Nachfolger’? Aber sie sagte, als sie seine Gedanken erriet: Wie soll ich dich denn nachher wegschleppen, Jack, du denkst auch an gar nichts, wo ich doch nur leichte Arbeit machen kann, schon wegen meinem Bruch. Das leuchtete Jack ein, und er war wieder beruhigt. Redlich und nach bestem Vermögen hat sie ihn seinen alten Kummer tragen helfen. Sie umarmte ihn oft, wenn die Liebesleute hinten beschäftigt waren: Hättst du mich doch früher kennengelernt, Jack. Dann hättst du auf die ganze bucklige Verwandtschaft da geprostet. Er seufzte: Das wollen wir nicht so schroff hinstellen, Miß Cilly. Dann hätte ich dich zerkleinert, und was gekommen wäre, wäre doch gekommen. — Ein enttäuschter, beleidigter Mann ist unser guter Jack bis zuletzt geblieben, der auch nie wählen ging. Er liebte es, von der Kasse herunter die Mädchen seiner Kundschaft zu beraten, beriet sie sehr pessimistisch in ihren Verhältnisangelegenheiten, und es zeigte sich stets, daß er recht hatte. Wenigstens von da wurde ihm groschenweise Achtung zuteil, die er so notwendig brauchte für sein Innenleben. Er hat sich aber mit keinem Mädchen eingelassen, obwohl manche neugierig war, wie Liebe bei solchem Körperumfang ausfällt. Er blieb der Cilly treu. Denn an die war er gewöhnt, und die wußte auch mit seiner Diät Bescheid. [...]“
Verwandte Artikel: