Poetische Gerechtigkeit

“Außer der Moral muß auch noch die poetische Gerechtigkeit beobachtet werden, und hierin lassen sich oft sonst löbliche Schriftsteller zu Fehlern verleiten, weil sie nicht das Criminalgesetzbuch der Kunst genug im Kopfe haben. Es wundert mich um so mehr, da diese Gesetze so einfach sind; denn da es ohne Tod und Ermorden in den Büchern nicht hingeht, so muß der Schuldige seinen Tod verdienen, und der Unschuldige, der stirbt, muß wenigstens dem Mörder so viel Gelegenheit zur Reue und Zerknirschung vor dem Gnadenstoß auf dem letzten Blatte geben, daß der Leser selbst die Hinrichtung beschleunigt wünscht. In allen diesen Sachen hat sich der sonst vortreffliche Peter Lebrecht in seinem Stücke: Ritter Blaubart, vergangen; denn weder poetische Justizpflege, noch Moralität herrschen hinlänglich darin. Die Richter des heimlichen Gerichts, die Recensenten, die über Beides wachen, werden es ihm schon vorrücken, daß er seiner Phantasie zu sehr gefolgt ist, denn wenn man sein Mährchen verflüchtigen wollte, so würde gerade gar nichts Anschauliches zurückbleiben” (Ludwig Tieck: Die sieben Weiber des Blaubart, 1797, Hervorh. im Original gesperrt. Der Text ist bei Google faksimiliert. Tiecks Ritter Blaubart. Ein Ammenmärchen in vier Akten ist bei Zeno zu haben).

Ich komm’ bloß drauf, weil ich dieser Tage ein anderes, auf seine Weise nicht weniger wunderliches Buch angelesen habe, nämlich Susanne Kaul: Poetik der Gerechtigkeit. Shakespeare – Kleist. München: Fink 2008. Ich bin freilich nicht bis zu einer Erwähnung Tiecks gediehen, sondern nur bis S. 11f., wo über Droste-Hülshoff gehandelt wird: “Was poetische Gerechtigkeit ist, kann an der Ballade Die Vergeltung, die Annette von Droste-Hülshoff Mitte des neunzehnten Jahrhunderts geschrieben hat, gezeigt werden. [...] Die poetische Gerechtigkeit dieser Ballade besteht darin, daß die Ungerechtigkeit bestraft wird und ist als göttliche Botschaft in dem Balken und dessen Zahl symbolisiert – die Botschaft lautet wie das Gebot Nummer fünf der zehn Gebote: ‘Du sollst nicht töten’” (Hervorh. i. O.). Ratz, fatz: da war die Stärkung durch Tieck angezeigt, ehe ich mich Publicola zuwandte (der vielleicht davon Abstand nehmen sollte, seine Texte von der Maschine übersetzen zu lassen): “Aber gibt es eine Reaktion zum Staat, die ist die Pflicht zum Gott” .

Verwandte Artikel:

  1. Ripperology (XII)
  2. War was?
  3. Dorn über Blaubart
  4. Wahrheitsproduktion
  5. Tannöd: Autopsie (Rohschnitte)
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Autoren, Forschung, Karteikarte und getagged , , , , , , , , , , , . Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt.

Du kannst diese HTML Tags und Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>