“Der Kutscher hatte es allerdings verdient. Mit einer milderen Züchtigung wegen des ersten Unfalls auf der Potsdamer Chaussee davon gekommen, rief sein Ungeschick heute auf der Charlottenburger die exemplarische Strafe hervor, welche der Haushofmeister ihm diktirt. Auf Ordnung muß ein Herr und eine Herrin im Hause halten. Es war die Ordnung, daß der dienstvergessene Leibeigene von zweien andern eine Lektion empfing, deren Maß nur unsere Begriffe und die Kraft unserer Nerven übersteigt. Auch daß die Herrin zugegen war, um nach Handhabung der Ordnung zu sehen, verstieß nicht absolut gegen die Sitte. Nur daß sie, mit verschränkten Armen an der Kellerthür stehend, so lange zusehen konnte, ohne mit den Augenwimpern zu zucken, ohne auf die Wehlaute des Zerfleischten ein Halt zu rufen, daß um ihre Lippen ein eigenthümliches Lächeln schweben konnte, während ein seltsamer Glanz in ihren Augen leuchtete und ihre Stirn wie vor Freude sich röthete, das musste einen besonderen Grund haben.
Es hatte auch einen. In Gedanken versunken, in Phantasieen, die sie interessiren mussten, schien sie eigentlich, was geschah, vergessen zu haben. Sie hatte auch den fragenden Blick des Kochs aus der Ukraine übersehen, der einen Augenblick inne hielt, in der Meinung, es sei genug. Ein Sklave darf keine Meinung haben; als sie nicht gewinkt, fuhr er mit dem Stallknecht in der Arbeit fort. Die Herrin hatte es zu verantworten; er und der Kalmück waren nur die Werkzeuge, vielleicht die willigen. Der Zoll von Herrendienst, den sie dem Kutscher abentrichteten, war gewiß nur eine Vergeltung für viele ähnliche, die Jener bei anderer Gelegenheit ihnen geleistet. Es hätte schlimmer werden können, wenn nicht der französische Kammerdiener der Fürstin zugeflüstert: »Madame la princesse, je crains que les cris de la bête ne pénètrent pas les oreilles de Mademoiselle Alltag. Elle fait sa toilette tout près de l’escalier.« Da war die Fürstin aus ihren Träumen erweckt worden. Etwas unangenehm, schien es. Die Alltag durfte nichts hören. Sie hatte den Exekutoren rasch gewinkt, inne zu halten; sie wollte ungehalten sein, daß man sie nicht früher aufmerksam gemacht, aber sie sagte, der Anblick sei rebutant. Sie hatte etwas von pauvre homme hingeworfen, und Anweisung gegeben, ihn gut zu pflegen, damit er bald wieder seinen Dienst verrichten könne”
- Ruhe ist die erste Bürgerpflicht oder Vor Fünfzig Jahren. Vaterländischer Roman von W. Alexis (W. Häring). 5 Bände. Berlin: Carl Barthol 1852 (die Züchtigung des Kutschers vor den Augen seiner Herrin wird hier zitiert nach der Digitalisierung bei Zeno).
Der Alexis-Termin ist zwar noch in weiter Ferne, doch lohnt es sich schon einmal, Karteikarten anzulegen (s. im übrigen schon den Eintrag zu Cabanis, 1832):
- Caroline Hobi: Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Eine erzähltheoretische Analyse und Interpretation, Narratio, Bd. 19. Bern u.a.: Lang 2007.
Alexis’ Roman bietet genug Stoff für eine ganze Dissertation, und er hat die Autorin auch hinreichend begeistert:
“In diesem Werk spiegelt sich die Entwicklung des Romanverständnisses in Deutschland in der Auseinandersetzung zwischen Individualroman und Gesellschaftsroman (Sozialroman). … Dieser neue moderne Roman ist ein Zeugnis seiner Zeit: ungewöhnlich, provokativ, spannend, komplex und dynamisch. … [Ein Werk], das über den Gesellschaftsroman hinausgeht: ein psychologischer Gesellschaftsroman. … Und was für Dostojewskij in Russland zutrifft, gilt auch für Alexis in Deutschland …. Alexis hat es geschafft: Er ist aus dem Schatten des historischen Romans ins Licht des psychologischen getreten. Alexis verdanken wir den deutschen Roman der Moderne” (S. 352-354).
Aber so ganz können Hobis Analysen auf der Mikroebene der erzählerischen Präsentation und ihre Interpretationen der Figurenkonstellationen und der Konstruktion der inneren wie äußeren Konflike dieses Urteil ncht tragen. In der Formulierung, daß Alexis’ 1852 den “moralischen Verfall der bürgerlichen Gesellschaft” am Vorabend der Niederlage Preußens geschildert habe (S. 318), zeigt sich die Unsicherheit der Autorin. Alexis spricht im Vorwort zum Roman vom “Zustand moralischer Zerrüttung und Verwesung, der Preußens Niederlage möglich machte”, aber auch “seiner Erhebung voranging”. Was verfällt, ist das Ancien Régime, auf dessen Trümmern sich die bürgerliche Gesellschaft erheben wird. Schließlich ist es eine Fürstin, die mit allen Zeichen sadistischer Erregung der Auspeitschung ihres Kutschers zusieht und dabei mit der Würde auch die Legitimierung ihres Standes aufgibt.
Alexis ist im übrigen schnell bei der Hand, wenn es darum geht, im einzelnen Verbrechen — in der einzelnen Verbrecherin — die Zeichen der gesellschaftlichen “Verwesung” zu erkennen, die (ex post) auf den kommenden Untergang verweisen. Was er an der Geheimräthin Lupinus und der Fürstin Gargazin erkennt, das schreibt er auch Sophy Menges zu. An der Devianz der Frauen ist das kommende Unheil zu erahnen. Hobis Diss. wird die Re-Lektüre des Wälzers (der Wälzer) nicht ersetzen.
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