Selbst aus dem “Vorhof der Kunst”

bleibt die Kriminalliteratur des 19. Jahrhunderts ausgesperrt, vgl. Manuela Günter: Im Vorhof der Kunst. Mediengeschichte der Literatur im 19. Jahrhundert. Bielefeld: Transcript 2008 (Verlagsanzeige mit dem Inhaltsverzeichnis und dem ersten Kapitel als PDF-Dateien, s. auch buecher.de für weitere Informationen und Rezensionen).

Der Klappentext stimmt mich noch erwartungsfroh:

“Dieses Buch leistet die Rekonstruktion eines für die Literaturgeschichte folgenreichen Prozesses: die Überlagerung des Literatursystems durch die Massenmedien im Laufe des 19. Jahrhunderts und das damit verbundene Gendering des gesamten literarischen Lebens. Die Studie fokussiert eine Mediengeschichte der Literatur, die von der Differenz der Geschlechter dirigiert wird. An die Stelle des ‘Kunstwerks’ treten die medialen Bedingungen, die seiner Bedeutungsbildung zugrunde liegen. Ausgehend vom Erfolg der Familienzeitschriften und der extensiven Praxis des Vorabdrucks werden die Spielräume ausgelotet, die die Literatur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch ihr Aufgehen in den periodischen Printmedien hinzugewinnt. Die Epochenklammer ‘Realismus’ erweist sich so als produktive Indifferenz von Kunst und Unterhaltung, die zentrale Kategorien der Literaturwissenschaft – Autor, Werk, Gattung – zur Disposition stellt”.

Doch für das Stichwort “Kriminal” finden sowohl Amazon als auch Libreka ganze zwei Fundstellen1 — die eine verbunden mit Raabes Stopfkuchen, die andere mit Fontanes Gartenlaube-Erzählungen “Unterm Birnbaum” und “Quitt”. Dies, obwohl es im Vorwort heißt:

“Der Ort der Beobachtung wird in dieser Studie über weite Strecken dem Ort der Kritik vorgezogen. So lässt sich die fruchtlose Alternative vermeiden, entweder die bestehende Kritik an den Literaturverhältnissen des 19. Jahrhunderts weiterzuschreiben oder aber der – unergiebigen – Versuchung zu erliegen, diese durch Umwertungen einfach zu dementieren. Vielmehr soll aus der Beschreibung der Konstruktion der ‚Realität Literatur‘ die Realität der ‚Konstruktion Literatur‘ sichtbar werden, die auf zwei Fiktionen beruht: auf der der Geschlechtsneutralität und auf der der Medienunabhängigkeit” (S. 19f.).

Liegt es da nur an meiner erworbenen Hirnverdrahtung von Verbrechen und Strafverfolgung, Literatur und Medien, daß ich, und zwar genau in dem vom Klappentext aufgespannten Rahmen der Geschlechterdifferenz, wenigstens einen kleinen Abschnitt zur literarisch-medialen Repräsentation von Kriminalität erwartet hätte? Dazu, daß die Kriminalität im 19. Jahrhundert zu einer der wichtigsten Unterhaltungsressourcen wird?2 Muß wohl: ‘tschuldigung.

  1. “Verbrechen” kommt einmal als Titelzitat vor, “Giftmord”, nun schon erwartungsgemäß, überhaupt nicht. []
  2. Und sich damit übrigens endgültig als Konzept der populären Kultur etabliert. []

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