“Jessie ist 17 Jahre alt. Sie hat schon mit 51 Jungs geschlafen”

“In ihrem Buch ‘Deutschlands sexuelle Tragödie’ zeichnen Pastor Bernd Siggelkow und Autor Wolfgang Büscher ein düsteres Bild: Aufgeklärt von Pornos, haben manche Kinder und Jugendliche heute zwischen elf und zwölf Jahren den ersten Sex. Mit 17 hatten einige bereits mehr Sexualpartner als manch Erwachsener in seinem ganzen Leben. Das Kennenlernen von Liebe und Zuneigung bleibt auf der Strecke” (ZDF, 22.10.2008).

Unsere öffentlich-rechtlichen Medien haben an Siggelkow und Büscher und ihren Pornokindern offenkundig einen Narren gefressen. Das ZDF nimmt sie (ebd.) zum Anlaß für eine kurze und knackige Sittengeschichte der BRD in vier schnellen Schritten:

[1.] “Im Nachkriegsdeutschland wurde über Sex nicht gesprochen. Aufklärung fand nicht statt, weder zuhause noch im Schulunterricht”.

[2.] “Erst die sexuelle Revolution im Zuge der 68er Bewegung bringt die heiß ersehnte Befreiung von der erzwungenen Enthaltsamkeit”.

[3.] “Überall in der Bundesrepublik entstehen nun Wohngemeinschaften, vorehelicher Sex wird toleriert und die Ehe als feste Institution in Frage gestellt. Der Kuppelei-Paragraf wird ein paar Jahre später gestrichen, genauso wie Paragraf 175 StGB, der die gleichgeschlechtliche Liebe als ‘widernatürliche Unzucht’ bezeichnet. Homosexuelle können erstmals in der Öffentlichkeit auftreten, ohne strafrechtliche Konsequenzen befürchten zu müssen”.

[4.] “In den folgenden Jahren setzt sich der Trend weiter fort. Die Medien entdecken das Thema, und die ‘Sexwelle’ überrrollt die Bundesrepublik. Jugendzeitschriften klären Millionen Jugendliche auf. Aufklärungsreportagen, wie ‘Deine Frau, das unbekannte Wesen’ oder ‘Schulmädchen-Report’ finden massenhafte Verbreitung, und von Skandinavien aus beginnen pornografische Filme, ihren Siegeszug anzutreten. Die Sexualisierung der Gesellschaft nimmt von Jahrzehnt zu Jahrzehnt zu und erreicht, wie es scheint, in der jüngsten Zeit einen vorläufigen Höhepunkt”. (Für diesen Scheißdreck zeichnet ein Herr Oliver Unbehend verantwortlich, Ehre wem Ehre gebührt.)

3Sat/Kulturzeit nimmt sich am 3.12.2008 des Themas an (s. die Website zum Beitrag der Sendung, aus der das Titelzitat stammt). Selbstverständlich ist der Beitrag mit Fickefilm-Fitzelchen (vermutlich aus Youporn) garniert (wegen Herrn Grandits allein würde vermutlich keiner hinsehen), besteht aber hauptsächlich aus Werbung für das Buch, dessen Autoren ausführlich zu Wort kommen (ob vor oder im Wechsel mit den flackernden Pornos — daran erinnere ich mich nicht mehr).

Der Verlag zitiert Jesus.de, könnte aber auch die öffentlich-rechtlichen Medien von Scham freisprechen: „Ein tiefer Einblick in die Schamfreiheit vieler Familien und deren Folgen und ein Buch, das jeder lesen sollte, der Kinder hat oder haben will. Es ist zu hoffen, dass dieses Buch eine große Verbreitung findet. Es muss etwas passieren – jetzt!“

Das Vorwort zum Buch stammt von Herrn “Prof. Dr. phil. Dr. theol. Thomas Schirrmacher, Theologe und Soziologe, leitet das Institut für Lebens- und Familienwissenschaften und ist als Sprecher für Menschenrechte der weltweiten Evangelischen Allianz auch mit der Bekämpfung des internationalen Sex-Trafficking befasst” (S. 10, vom Verlag dankenswerterweise als PDF bereitgestellt). Lt. Wikipedia hat Herr Prof. Schirrmacher beeindruckende akademische Credentials, und auch die Arche, für die die Autoren Siggelkow und Büscher sprechen, ist ein verdienstvolles Projekt.1

Das alles ändert freilich nichts daran, daß das Buch, wie es in 3Sat und vom ZDF vorgestellt und bebildert wird, ein Unterschichtenporno ist, der seine Anmutungsqualität aus den Fallgeschichten in den sogenannten prekären Lebensverhältnissen bezieht (s. nochmals die Leseprobe): die Leute haben kein Geld, keine Jobs, wohnen in Scheiß-Wohnungen — und denken von Kindesbeinen an nur ans Vögeln und den “Sex im Netz”. Ich finde es schlicht und ergreifend ungehörig, mich als ganz normalen (wenn auch hardcore-atheistischen) Zuschauer ohne Warnung und Quellenkritik mit dieser Christenpropaganda zu überziehen, deren Herkunft ich nur annähernd eruieren kann. Wie heißt es in der Besprechung bei Amazon: “Die Auswahl der Fälle hat den Autoren einiges an Kritik bereitet: es ist keine repräsentative Stichprobe und die Fälle seien Einzelfälle” (was den Rezensenten nicht daran hindert, seine Begeisterung auszudrücken: sei ihm gegönnt).

Jessie aber hat den Sprung auf den Catwalk geschafft. Sie darf unter tätiger Beihilfe von ZDF und 3Sat für die Herren Büscher, Schirrmacher und Siggelkow posieren (wenn auch nur mit ihrem Namen) und wird zur Kronzeugin für eine Sexualmoral gemacht, die nur als Symptom für einen reaktionären Paternalismus verstanden werden kann. Warum ich dafür Rundfunkgebühren bezahlen soll, das will mir nicht einleuchten.

  1. Über das Martin Bucer Seminar, den akademischen Wirkungsort von Herrn Prof. Schirrmacher, kann man sich z. B. in den “MBS-Texten” kundig machen. []
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4 Comments

  1. Erstellt am 04.12.2008 um 17:22 | Permanent-Link

    „Ein tiefer Einblick in die Schamfreiheit vieler Familien und deren Folgen und ein Buch, das jeder lesen sollte, der Kinder hat oder haben will. Es ist zu hoffen, dass dieses Buch eine große Verbreitung findet. Es muss etwas passieren – jetzt!“

    Vielen Dank,

    ich dachte ja bisher, nur unsere Sprache geht vor die Hunde.

    Diese extreme Libertinage, die da allüberall im Schwange sein soll … wenn ich mir die Lebenswelt der Spielkameraden und deren Eltern meiner Kinder aus dem Kindergarten und der Schule betrachte … Pustekuchen.

    Ansonsten, ja natürlich, es ist komplizierter, aber der einzige triftige Grund für die Rundfunkgebühren ist eh der Deutschlandfunk.

  2. JL
    Erstellt am 04.12.2008 um 19:21 | Permanent-Link

    ja, lieber Bernd, einmal Kulturzeit geschaut … – es ist niemals gutzumachen.

    Beste Grüße!

  3. JL
    Erstellt am 04.12.2008 um 20:46 | Permanent-Link

    aber, fällt mir dabei ein, es wäre wahrscheinlich vernünftiger gewesen, die Kiste zu zertrümmern, als damit auf den Blog zu gehen. Das hat dem Unbehend vom ZDF womöglich einen weiteren Leser verschafft — und das ist zu bedauern.

  4. Erstellt am 04.12.2008 um 23:51 | Permanent-Link

    An mich, lieber JL, hatten Sie da aber nicht gedacht, nehme ich an.

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