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Wenn Frauen morden (I)
Der Titel ist nicht so originell,1 als daß man ihn in Anführungszeichen setzen müßte:
Stephan Harbort: Wenn Frauen morden. Spektakuläre Fälle — vom Gattenmord bis zur Serientötung. Frankfurt/M.: Eichborn 2008. (Amazon läßt uns im Buche blättern.) Wir zitieren, wie so oft, aus der Verlagsanzeige:
“Morden Frauen anders? Der Serienmordexperte Stephan Harbort erzählt die Geschichte der Taten und analysiert Motivation, Persönlichkeit und den sozialen Hintergrund der Täterinnen — spannend, authentisch und aufwühlend.
Sie agieren still, unauffällig und kaltblütig: Das ‘Blaubeer-Mariechen’, das sich mit Pflanzengift ihrer Ehemänner und anderer Familienangehöriger entledigt, die Dorfschönheit, die tödlichen Enzian verabreichen lässt, die Krankenpflegerin, die ihre Patienten umbringt, die Mutter, die ihre Kinder tötet. Und zuletzt die ‘Schwarze Witwe’, die im Verdacht steht, vier vermögende Männer getötet zu haben, um an ihr Geld zu kommen. Schon immer haben Mörderinnen größeres Entsetzen hervorgerufen als mordende Männer, stehen sie doch in krassem Kontrast zum Bild der Frau als Lebensspenderin.”
Ich schätze Herrn Harbort zu sehr, um ihn für diesen Klappentext verantwortlich zu machen, doch soll seine (wohlgemerkt: des Klappentexts) Schrulligkeit nicht unkommentiert bleiben, denn immerhin schreiben wir das Ende des Jahres 2008. Fraglich ist schon, ob man da noch mit dem abgestandenen Klischee der Giftmörderin2 Werbung machen sollte. Doch vollends merkwürdig wird es, wenn man die Anmutungsqualitäten der Mörderin auf das biologische Geschlecht und die Funktion der Frau als ‘Lebensspenderin’ zurückführt (als wüßten wir nicht seit geraumer Zeit, daß zur Fortpflanzung die beiden biologischen Geschlechter gehören). Das erinnert allzu peinlich an die ‘Kriminalpsychologen’ des 19. Jahrhunderts, die die Kriminalität der Frau “nicht sowohl in der psychischen Sphäre als im leiblichen Organismus” verwurzelt sahen.3 Der Mann, so durfte seinerzeit schon gefolgert werden, tötet rational — als Soldat, Henker, Kolonialbeamter, gelegentlich eben auch als Ehemann und Verbrecher. Doch wenn die Frau tötet (und gar noch einen oder mehrere Männer), dann kann dies nur einem Irrtum der Natur geschuldet sein, der sie “still, unauffällig und kaltblütig” — eben naturwidrig-männlich agieren läßt.
- Ein allemal noch lesenswerter ‘Klassiker’ zum Thema ist Women Who Kill von Ann Jones, 1980, dt. als Frauen, die töten 1986 bei Suhrkamp erschienen. [↩]
- Vgl. z. B. Ingeborg Weiler: Giftmordwissen und Giftmörderinnen. Eine Diskursgeschichtliche Studie. Tübingen: Niemeyer 1998. [↩]
- So z. B. A. Krauss: Die Psychologie des Verbrechens. Ein Beitrag zur Erfahrungsseelenkunde. Tübingen: Laupp 1884, S. 379. [↩]
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