“Der Mensch, der schießt”

Von Sling. So um 1925.1

“Der Mensch, der schießt, ist ebenso unschuldig wie der Kessel, der explodiert, die Eisenbahnschiene, die sich verbiegt, der Blitz, der einschlägt, die Lawine, die verschüttet. Alles tötet den Menschen, auch der Mensch tötet den Menschen”.

“Wann der Mensch tötet, ist so wenig vorauszusehen wie der Zeitpunkt, wann der Blitz einschlägt. Aber die Bedingungen, unter denen die Natur gegen den Menschen wütet, sind nach­träglich oft leichter zu erklären als der gewaltsame Ausbruch des Stückes Natur, das sich Mensch nennt. Um die Missetaten der Natur zu erklären, hat man allerhand Hilfsmittel ersonnen, z. B. Instrumente. Zur Erklärung der Explosion eines Menschen be­nutzt man die Psychologie.

Die Menschheit sucht sich gegen die Gewalt und die Willkür der Natur durch allerhand Erfindungen zu schützen, z.B. den Blitzableiter oder den Rettungsring. Um sich gegen den Menschen zu schützen, erfand der Mensch das Strafgesetz. Von der Natur glaubt der Mensch, er werde sie beherrschen, wenn er ihre Geheimnisse erspürt. Aber der Mensch, zur Gesellchaft zusammengeschlossen, schützt sich gegen den gefährlichen Menschen, indem er straft. In der rauhen Jugend des Menschengeschlechts wehrte er sich gegen seine Schädlinge durch die Begriffe Vergeltung und Sühne. Wir wissen, daß die rauhe Ju­gend des Menschengeschlechts noch nicht abgeschlossen ist, ob­gleich sich in seinem Haar bereits einige Silberfäden zeigen. Es war eine großartige Sache, als man zu der Uberzeugung gelangte, der Mensch könnte sich bessern, man könne ihn erziehen. Einige Geister glaubten, die Abschreckung sei ein solches Erziehungs­mittel, und seitdem straft man nicht nur, um primitive Vergel­tung zu üben, sondern um zu erziehen. Den Kaffeekessel, der explodiert, schickt man zum Klempner, den Menschen ins Ge­fängnis. Eine Weile hat man sich vorgestellt, der Mensch könne die Gelegenheit benutzen, sich im Gefängnis zu bessern. Man hat aber die Erfahrung gemacht, daß von dieser Gelegenheit höchst selten Gebrauch gemacht wird, daß der Mensch vielmehr in den meisten Fällen völlig verdorben zur Menschheit zurückkehrt. Man erzielte, auf den Kaffeekessel angewendet, die Wirkung, als ob man ihn nicht zum Klempner geschickt, sondern nun erst recht mit den Füßen zertrampelt und auf den Kehricht geworfen hätte.

Die Erkenntnis von der Nutzlosigkeit der Strafe stellte sich etwa zu derselben Zeit ein wie die andere Erkenntnis von der Unschuld des explodierenden Menschen. Ob Vererbung, Milieu, Not, Schicksalsstellung, eine zu warme Nacht oder ein Glas Kognak zuviel zu der Explosion des Menschen Veranlassung gaben oder mangelhafter Verschluß oder Dünnwandigkeit des Nervenkessels: wir haben für alles unsere Erklärungen durch die nie rastende Arbeit unserer Psychologen und Psychiater bezo­gen. Nutzlosigkeit der Strafe ‘im Sinne der Besserung’ und die Unschuld des Menschen gäben uns eigentlich Veranlassung, dies Strafgesetzbuch zu zerreißen; aber wir tun es nicht, denn noch blieb ein Strafzweck übrig: die Abschreckung. Seitdem strafen wir Unschuldige, um andere Unschuldige von der Explosion abzuschrecken. Wir (andern) leben nicht gern in der Nähe von explodierenden Unschuldigen, also lassen wir die Unschuldigen für uns sterben oder für uns in den Gefängnissen verkommen.

Wir anderen haben überaus glückliche Konstitutionen, die es uns ermöglichen, das Für-uns-Sterben mit schönem Gleichmut hinzunehmen. Hebt uns jemand ein Taschentuch auf, so lächeln wir artig und sagen danke schön. Demjenigen, der für uns stirbt,sagen wir durchaus nicht danke schön, noch lächeln wir. Im Gegenteil, wir machen ein sehr böses Gesicht und schneiden gerne nach der Elle noch ein Stückchen Ehre ab — fünf Jahre, zehn Jahre. Es ist auch noch nicht vorgekommen, daß wer zu einem, der für uns stirbt, gesagt hätte: Bitte, bemühen Sie sich nicht, ich sterbe selber.

Aber zuweilen kommt uns was in die unrechte Kehle. Wir kriegen Mitleid, und das ist sehr unangenehm. Es gibt Fälle, in denen uns das Mitleid nicht ganz ruhig schlafen läßt, und das fühlt sich beinahe so an wie schlechtes Gewissen — natürlich, ohne es zu sein.

Mitleid ist eine Krankheit. Staatsanwälte verwenden gegen dieses Leiden vielfach mit Erfolg Monokel. Und da so viele Staatsanwälte Monokel tragen, ist anzunehmen, daß das Mitleid eine bei den Staatsanwälten vielfach verbreitete Krankheit ist.

Aber, was tun wir übrigen Menschen, die wir uns zu einer solchen Radikalkur nicht entschließen können? Wir sind übel daran. Glücklicherweise geht das Übel auch so vorüber. Denn Gott gab uns, damit die Welt sich nicht in Tränen auflöst, als höchstes Gut ein miserables Gedächtnis. Ist jemand für uns gestorben, haben wir eine schlaflose Nacht verbracht — am Morgen singen die Vögel, die Sonne liegt auf Wiesen und Feldern, die Eisenbahnen gehen, und uns gegenüber im Kupee sitzt vielleicht eine junge Dame und sendet uns einen süßen Blick aus blauen Augen. Wie gern wären wir bereit, den Blick zu erwidern. Doch ach, wie, wenn sie explodierte — unschuldig, wie sie ist — früher oder später. Aber nein, sie hat das Auge wieder auf die Zeitung gesenkt. Sie liest den Bericht über den Flessa-Prozeß. Sie schreckt sich gerade ab. Stören wir sie — um Gottes willen — nicht dabei.”

  1. Das ist mir bei der Lektüre von Krimirezensionen und Krimirezensionsdiskussionen so in den Sinn gekommen. Die Dosis war offenkundig zu groß. — Es gibt zum Thema Unfall und Verbrechen übrigens zwei schöne Arbeiten von Stefan Andriopoulos, die hier nicht unbedingt zur Sache gehören: (a) Unfall und Verbrechen. Konfigurationen zwischen juristischem und literarischem Diskurs um 1900, Hamburger Studien zur Kriminologie, Bd. 21. Pfaffenweiler: Centaurus 1996; (b) Die Zirkulation von Figuren und Begriffen in kriminologischen, juristischen und literarischen Darstellungen von ‘Unfall’ und ‘Verbrechen’. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der Literatur 21 (1996). []

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