Tulpe (Hermann Ungar, 1893-1929)
Der Oberregistraturrat Tulpe starb um 10 Uhr vormittags. Er hatte das Zimmer 47 wie täglich um 8 Uhr morgens betreten, dem bereits dasitzenden Registraturrat Kleinmayer auf dessen Gruß in guter Laune gedankt und sich auf seinen Platz gesetzt. Wie täglich hatte sich Tulpe zuerst die beiden untersten Knöpfe der Weste geöffnet, die beim Sitzen über dem Bauch spannte, dann sich den Schnurrbart und den in zwei Spitzen auslaufenden Vollbart zurechtgestrichen und seine Zigarre in Brand gesetzt. Nach.einem kurzen Gespräch mit Kleinmayer, das die schlechten Aussichten der diesjährigen Ernte betraf, hatte er sein Frühstücksbrot aus der Tasche gezogen, es mit dem Taschenmesser in vier Teile geteilt, drei Teile sorgsam wieder in das Papier eingeschlagen und in das Schubfach des Schreibtisches gesperrt, während er an dem vierten Teil langsam und umständlich zu kauen begann. Registraturrat Kleinmayer bemerkte auch weiter nichts Auffälliges. Pünktlich um 1/2 10 Uhr erhob sich der Oberregistraturrat Tulpe von seinem Platz und nahm, wie täglich um diese Zeit, den Schlüssel mit dem großen Holzwürfel, der an der Wand neben der Tür hing, und ging, seinen menschlichen Bedürfnissen gerecht zu werden.
Registraturrat Kleinmayer setzte nichtsahnend sein Frühstück fort. Nach einer ungeschriebenen Abmachung war pünktlich um 10 Uhr Registraturrat Kleinmayer an der Reihe, den Schlüssel von Oberregistraturrat Tulpe zu übernehmen. Diese Abmachung war in den fünfzehn Jahren, in denen Tulpe und Kleinmayer einander gegenübersaßen, auf das genaueste eingehalten worden. Beide, Tulpe wie Kleinmayer, waren Männer der Ordnung. Daß Tulpe als der Ranghöhere am Morgen vor Kleinmayer das Recht auf den Schlüssel besaß, war für beide so selbstverständlich, daß der Gedanke einer Umkehrung dieser Reihenfolge weder in Tulpe noch in Kleinmayer je aufkommen konnte. Anderseits erschien es ebenso selbstverständlich, daß zu einem bestimmten Zeitpunkt Kleinmayer zu seinem Recht zu kommen hatte. Als Oberregistraturrat Tulpe vier Minuten nach 10 Uhr das Zimmer nicht wieder betreten hatte, erhob sich Kleinmayer, der über die Unpünktlichkeit Tulpes in Besorgnis geraten mußte. Eine solche Unregelmäßigkeit von Seiten Tulpes hatte sich noch nie ereignet. Eine Verspätung unterwegs war höchst unwahrscheinlich, da ja Tulpe wußte, wie sehr Kleinmayer durch fünfzehnjährige Gewöhnung auf die pünktliche Übernahme des Schlüssels eingerichtet war.
Kleinmayer verließ, beunruhigt in höchstem Maße, das Zimmer und klopfte an die Tür, hinter der sich Tulpe eingeschlossen haben mußte. Da er keine Antwort vernahm, alarmierte er, Böses ahnend, einige Herren. Die Tür wurde gewaltsam geöffnet und die Eintretenden erblickten den Oberregistraturrat Tulpe leblos auf dem Boden liegend, unvollkommen bekleidet, den mächtigen Körper nach fast fünfundzwanzigjähriger Dienstzeit in dem engen Raum zwischen Wand und Röhrenanlage eingeklemmt.
Kein Zweifel, daß der Tod den Oberregistraturrat Tulpe unerwartet getroffen hatte. Nicht bloß wies ein beschämender Kleidungsdefekt darauf hin, ein Assistent zweiter Klasse bekundete zudem, er habe den Oberregistraturrat auf dessen letztem Gang angetroffen, als dieser, den Schlüssel fröhlich schwenkend und das Lied “Was nützet mir mein Rosengarten” gut gelaunt vor sich hinsummend, seinem Ziel zueilte. Es ist anzunehmen, daß Oberregistraturrat Tulpe, wenn er eine Ahnung dessen, was ihm bevorstand, gehabt hätte, bei seinem ausgesprochenen Gefühl für die Würde und das Ansehen seines Amtes, es einzurichten verstanden hätte, in einer ehrwürdigeren Stellung vom Tode ereilt zu werden.
Gleich nach Bekanntwerden des Todesfalles fand im Zimmer des Chefs eine Besprechung statt. Der Chef gab in kurzen, kernigen Worten eine Würdigung des so jäh mitten in seinem Dienste Dahingerafften, von dem man mit Recht sagen könne, er sei in den Sielen gestorben. Zugleich ermahnte der Chef die Herren der Abteilung, über die näheren Umstände des Todesfalles mit Rücksicht auf die ehrwürdige Tradition der Registraturabteilung B 23 nichts verlauten zu lassen.
Der gerührte Registraturrat Kleinmayer hatte indessen die Kleidung des Oberregistraturrats in die vorgeschriebene Ordnung gebracht und die Leiche des verstorbenen Freundes auf dem Korridor auf einigen Stühlen gebettet. Sodann wurde Tulpe in eine Droschke geladen und von Kleinmayer, der die Witwe vorbereiten und trösten sollte, nach Hause gebracht. Der Gedanke, daß dieser Mann, der tot neben ihm in der Droschke lag, der einen Vollbart getragen hatte wie Kleinmayer selbst, daß der Mann, mit dem er täglich fünfzehn Jahre lang gleichzeitig das Frühstück verzehrt und denselben Ort für die Notdurft benutzt hatte, daß dieser würdige, ordnungsliebende Beamte nicht nur hatte sterben müssen, sondern gestorben sei in einer seinen Stand beschämenden Weise, trieb Kleinmayer die Tränen in die Augen. Sie rollten ihm noch in den Vollbart, als Kleinmayer schon vor Frau Oberregistraturrat oder Oberregistraturratswitwe Tulpe stand. Es war schwer, die Arme zu trösten. Kleinmayer wies darauf hin, daß Tulpe mitten aus seiner geliebten Tätigkeit hinweggerafft worden sei. Er erinnerte an das wehmütige Lied, das Tulpe allem Anschein nach auf den Lippen gehabt habe, als er starb. Frau Tulpe aber besann sich all der kleinen Züge ihres Gatten, und jedesmal brach ein Strom des Weinens aus ihrem von innerer Erschütterung wogenden Busen. All die lieben kleinen Eigenschaften des Verstorbenen zählte sie auf: daß er Schweizer Käse dem Harzer vorgezogen habe, dieser große und ausgezeichnete Charakter; daß er die Passanten auf der Straße mit seiner starken Stimme zu Disziplin angehalten habe, diese Stütze der rechtmäßigen Ordnung, indem er verfügte, daß dieser rechts zu gehen habe oder links, daß jener nicht stehen bleibe oder rascher aus der Straßenbahn aussteige; daß er die Gelegenheit gefunden habe, den Hausbewohnern nachzuschelten, sei es, daß sie polterten, sei es, daß sie mit den Türen schlugen, dieser hervorragende Bürger, dessen Wirken als Privatmann aus den Erzählungen der Witwe vor Kleinmayer lebendig wurde.
“Diesen Teller mit Käse,” sagte die Witwe Tulpe, und sie holte den Teller aus dem Schrank, “habe ich für Tulpe zum Abendbrot gerichtet. Was nützet ihm sein Rosengarten…”, und ihre Stimme erstickte in Tränen.
Indessen überlegte Kleinmayer, ob es angebracht sei, die Witwe gleich jetzt um Tulpes Zylinder für den Tag des Begräbnisses zu bitten. Alle anderen Herren der Abteilung würden an diesem Tage ihre Zylinder selbst brauchen, nur Tulpe nicht. Tulpes Zylinder war der einzige, der an diesem Tage frei sein würde. Tulpe und Kleinmayer waren von gleicher Kopfform. Gewiß würde Tulpes Zylinder ihm passen. Aber die Witwe fuhr fort zu erzählen, wie er sich seine Stullen selbst zurechtgemacht habe – und sie nannte ihn gerührt zum erstenmal den Gottseligen -, und daß er dieses Geschäft niemandem habe anvertrauen wollen. So bot sich Kleinmayer kein passender Übergang. Er verabschiedete sich von der Oberregistraturratswitwe und verschob sein Vorhaben auf morgen. Er verließ die Wohnung in dem erhebenden Bewußtsein, ein feines Gefühl für das Schickliche zu besitzen.
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